Frauen sind in Europa die Mehrheit – doch in vielen öffentlichen Debatten werden ihre Stimmen leiser. Der Grund sind nicht fehlende Meinungen, sondern zunehmende Angriffe: Online-Belästigung, sexualisierte Gewaltandrohungen und gezielte Desinformation.
Frauenrechte sind weltweit auf dem Rückzug, traditionelle Rollenbilder werden wieder beliebter und der Ruf nach einfacheren, klareren gesellschaftlichen Verhältnissen wird in immer mehr Ländern laut. 57 Prozent der Gen-Z-Männer weltweit sind der Ansicht, dass die Gleichstellung von Frauen zu weit gegangen ist und jetzt Männer diskriminiert werden. Ein Drittel findet sogar, dass eine Ehefrau ihrem Mann immer gehorchen muss. Was in der Fachsprache als Gender-Backlash bezeichnet wird, hat reale Folgen für die Demokratie. Denn es geht um den Alltag von Frauen – nicht nur in Österreich, sondern weltweit. Rein zahlenmäßig stellen Frauen EU-weit sogar die Mehrheit. Doch das spiegelt sich nicht in den Räumen wider, in denen Entscheidungen getroffen werden. Nur drei der 27 EU-Länder haben eine Frau als Regierungsoberhaupt.
Sexualisierung, Todesdrohung, angedrohte sexuelle Gewalt und Mobbing gehört für Frauen, die sich öffentlich äußern zum Alltag. Immer mehr entscheiden sich bewusst, ihre Meinung nicht auf Social Media zu teilen, um keine negativen Kommentare zu bekommen. Politikerinnen und Journalistinnen ziehen sich zurück oder äußern sich vorsichtiger, um Online-Hass oder Belästigung zu vermeiden. Eine Studie aus Norwegen zeigt: 42 Prozent der Frauen, die Hasskommentare bekommen, werden vorsichtiger damit, was sie äußern. Bei Männern sind es nur 16 Prozent. Nicht, weil Frauen empfindlicher sind, sondern weil die Kommentare oft harscher und gewalttätiger sind. Dass Frauen deutlich stärker angegriffen werden, ist dabei kein Zufall, sondern wird zunehmend als politisches Instrument eingesetzt.
Es braucht nur ein Profilbild – das Foto eines Gesichts – und schon kann daraus pornografisches Bildmaterial entstehen, das anschließend im Internet verbreitet wird. Genau dafür nutzen viele Menschen die KI-Plattform Grok, die von Elon Musk entwickelt wurde. Die Europaabgeordnete Alexandra Geese ist überzeugt, dass Musk, der auch X (ehemals Twitter) unter seinem Besitz hat, damit eine klare Botschaft sendet: „An Frauen sagt er: Wenn ihr euch an der öffentlichen Debatte beteiligt, dann ist es euer Risiko, wenn aus euren Bildern sexuelle Inhalte erstellt werden.“ Damit werde ihrer Meinung nach Frauen ein Teil ihrer Meinungsfreiheit genommen. Gleichzeitig sende die Plattform eine zweite Botschaft an Männer: „Wenn ihr diese Politik unterstützt, geben wir euch die Macht, Frauen als Objekte zu benutzen.“ Technologien wie Nackt-Apps, KI-Bildgeneratoren oder auch smarte Brillen, die Frauen heimlich filmen und digital „entkleiden“ können, verschärfen diese Entwicklung zusätzlich.
Wo Gesetze gemacht werden
Genau darüber wurde am 5. März im EU-Parlament in Brüssel diskutiert. Abgeordnete und Expert:innen treffen sich anlässlich des Weltfrauentags, um nicht nur eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation zu machen, sondern auch darüber nachzudenken, wie sie verändert werden kann. Denn die Realität ist: In einer Zeit, in der die Stimmen von Frauen eigentlich lauter werden müssten, werden sie vielerorts leiser. „Seit Jahrhunderten wird uns Frauen gesagt, dass wir zu dumm zum Studieren sind, dass wir zu emotional sind, um selbst über uns zu entscheiden, dass unser Platz zu Hause ist, weil vier Wände genau das sind, was wir begreifen können. Und als wir bewiesen haben, dass all das nicht stimmt, starten Männer mit Desinformation und Diskriminierung auf Social Media“, sagt die polnische Journalistin Natalia Walch.
Der technische Fortschritt hat den Raum, in dem Gewalt und Einflussnahme stattfinden, verschoben. Gewalt gegen Frauen im digitalen Raum nimmt rasant zu. In den vergangenen zwei Jahren hat sich ihr Ausmaß mehr als verdoppelt. Das zeigt eine aktuelle Studie der Forscherin Silvia Semenzin von der Universitat Oberta de Catalunya, die ebenfalls im EU-Parlament spricht. Rund drei von fünf Frauen und Mädchen weltweit haben bereits Online-Belästigung erlebt, und mehr als drei Viertel der Journalistinnen berichten von digitaler Gewalt im Zusammenhang mit ihrer Arbeit.Besonders sichtbar wird das bei Frauen in der Öffentlichkeit, so Semenzin: „Fast jede zweite Politikerin in Europa hat bereits Morddrohungen oder Vergewaltigungsdrohungen erhalten.“
Gleichzeitig betrifft digitale Gewalt nicht nur prominente Frauen. Viele Betroffene bleiben unsichtbar, weil ihnen Reichweite, Schutz oder institutionelle Unterstützung fehlen. Besonders stark betroffen sind Frauen, die zusätzlich Diskriminierung erleben – etwa Women of Colour, queere Frauen oder Frauen mit Behinderungen. Gewalt im Netz folgt dabei zunehmend technologischen Logiken: Sie ist koordiniert, dauerhaft und plattformübergreifend, wird durch algorithmische Empfehlungssysteme verstärkt und teilweise bereits durch KI automatisiert.
Radikalisierung von Männern
In Brüssel wird schnell klar: Es ist trotz allem ein Frauenthema. Der Raum ist größtenteils mit weiblichen Abgeordneten und Journalistinnen gefüllt. EU-Kommissarin Hadja Lahbib betont: „Gleichberechtigung muss uns verbinden, nicht trennen. Und ja, Männer und Jungen sind Mitautoren dieser Geschichte. Gleichberechtigung ist kein Frauenthema, sondern ein gesellschaftliches Thema. Eine Welt, die für Frauen gerechter ist, ist auch für Männer besser.“
Sie warnt davor, dass Desinformation gezielt eingesetzt wird, um gesellschaftliche Konflikte zu verschärfen und demokratische Institutionen zu schwächen. Besonders im Fokus stehen dabei Online-Netzwerke, die junge Männer und Burschen ansprechen und radikalisierende Inhalte verbreiten.
Studien zeigen etwa, dass es auf TikTok weniger als 23 Minuten dauert, bis einem männlichen Nutzer misogynistische Inhalte vorgeschlagen werden. Gleichzeitig verbreiten sich frauenfeindliche Gruppen auf Plattformen wie Meta oder Telegram schnell und gehen viral, während feministische Inhalte oft schlechter sichtbar sind oder sogar moderiert werden. Forschungen zeigen zudem, dass generative KI bestehende sexistische Muster reproduziert: In einer Analyse von mehr als 20.000 KI-generierten Bildern von Grok waren 81 Prozent der sexualisierten Darstellungen Frauen. Auch Untersuchungen zu Deepfakes zeigen ein klares Bild: 98 Prozent davon sind sexualisierte Darstellungen, rund 99 Prozent zeigen Frauen, meist ohne deren Zustimmung.
„Desinformation gegen Frauen wird als politisches Instrument genutzt, um unsere Gesellschaften zu polarisieren und unsere Demokratien zu schwächen – und wir werden das nicht ignorieren“, sagt Lahbib. Online-Belästigung sei für viele Politikerinnen ein Hauptgrund, sich aus der öffentlichen Debatte zurückzuziehen.
Zukunft der Demokratie
Doch was bedeutet das für die Demokratie? Kommentare und Drohungen hinterlassen Spuren. Frauen posten weniger, meiden bestimmte Themen oder bewegen sich im Alltag vorsichtiger im Netz. Die Folgen reichen weit über einzelne Angriffe hinaus. Viele Frauen ziehen sich aus Online-Debatten zurück oder passen sich bewusst den Plattformlogiken an, um weniger Angriffsfläche zu bieten. Dadurch verändert sich auch der öffentliche Diskurs.
„Online-Gewalt entscheidet zunehmend darüber, wer sich überhaupt noch traut zu sprechen, zu partizipieren oder Führung zu übernehmen“, sagt Forscherin Silvia Semenzin. Die Frage sei daher nicht nur eine der individuellen Sicherheit, sondern eine demokratische: „Die Zukunft unserer Grundrechte darf nicht vom guten Willen großer Technologieunternehmen abhängen.“
Gesetze und NGOs
Doch was wird konkret getan, damit Frauen nicht aus Angst ihre Stimme verlieren? Die EU verfügt bereits über einen der umfassendsten Rechtsrahmen weltweit, etwa durch den Digital Services Act. Im EU-Parlament wird daran gearbeitet, Plattformen stärker in die Verantwortung zu nehmen – etwa indem Apps, die Kleidung digital entfernen können, reguliert oder verboten werden. Plattformen sollen verpflichtet werden, entsprechende Inhalte schneller zu löschen. Gleichzeitig unterstützen NGOs Betroffene dabei, nicht-einvernehmlich veröffentlichte Bilder aus dem Internet entfernen zu lassen. Trotzdem muss das Tempo erhöht werden. Während die Technologie sich so schnell verändert, dass es für die Gesetzgeber schwer ist hinterherzukommen, so verschiebt sich damit leise die Demokratie und zeigt, dass die Zeit drängt. Besondres in unsicheren Zeiten wie gerade.
