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„Was ich ihr gern sagen würde“

Franziska M.* war sieben Jahre alt, als ihre Mutter an Krebs starb. Ihr Vater tat alles, um sie und ihre zwei jüngeren Brüder gut aufwachsen zu lassen. Heute ist Franziska 24 Jahre alt. Ein Gespräch über die Mutter, die fehlt.

Haben Sie Erinnerungen an Ihre Mutter?
Franziska M.: Leider nicht so viele, da sind ein paar Bilder, die sich eingebrannt haben, zum Beispiel erinnere ich mich, dass wir sie im Hospiz besuchten und für sie Blumen gepflückt hatten. Ich erinnere mich öfter auch an ihre Stimme, wie sie meinen Namen ausgesprochen hat, sie nannte mich immer „Franzi“.

Wussten Sie, dass sie krank war?
Ich wusste, dass sie Gebärmutterhalskrebs hatte, aber ich konnte mir damals nicht vorstellen, was das ist. Ich dachte immer, dass sie gesund wird und wieder nach Hause kommt. Die Krankheit hat sich über Jahre hingezogen. Sie hatte den Krebs zuvor schon einmal gehabt. Als sie dann schwanger mit meinem jüngsten Bruder war, stellte man fest, dass der Krebs weit fortgeschritten wiedergekommen war. Sie war dann auch wirklich lange Zeit in der Klinik. Ich erinnere mich daran, dass Papa irgendwann nach Hause kam und sagte, dass Mama gestorben ist.

Erinnern Sie sich an die Situation?
Wir saßen in der Küche, Papa hat uns alle auf den Schoß genommen und ganz doll geweint. Ich weiß, dass ich mitgeweint und in dem Moment auch verstanden habe, was passiert ist. Mein zweitjüngster Bruder hat nicht geweint und wusste auch gar nicht, was los war. Ich erinnere mich, dass ich ihn anstupste und sagte: „Jetzt wein doch mal, du musst doch irgendwie traurig sein“, aber er hat das nicht verstanden.

Hat Ihre Mutter Ihnen gefehlt, oder waren Sie schon an ihre Abwesenheit gewöhnt, weil sie ja oft im Krankenhaus war?
Ich hatte mich wohl schon ein bisschen daran gewöhnt, auch daran, selbstständig zu sein. Mir hat Mama dann später sehr gefehlt, als ich in die Pubertät kam und sah, wie meine Freundinnen mit ihren Müttern shoppen gingen oder kochten oder irgendwas unternahmen – das hatte ich halt nicht. Ich habe nicht direkt darunter gelitten, aber dann doch öfters abends zu Hause gelegen und geweint, weil ich so traurig war und weil ich sie als Person vermisst habe, obwohl ich sie doch gar nicht mehr so genau in Erinnerung hatte. Das ist immer noch so: Es wäre irgendwie schön, wenn sie da wäre.

Wie wäre sie, wenn sie da wäre?
Die meisten, die sie kannten, sagen, dass sie sehr herzlich war, sehr offen, immer hilfsbereit, dass sie uns sehr geliebt hat und den Papa auch. Ich glaube, sie wäre eine tolle Mutter und wir hätten ein sehr gutes Verhältnis.

Was würden Sie zusammen machen?
Mir würde es schon reichen, einfach mit ihr auf dem Sofa zu sitzen, ihr von meinen Geschichten erzählen, was ich so erlebe, oder von ihr zu hören, wie ihr Leben so war. Ich würde mir supergerne aus ihrer Sicht mal die Liebesgeschichte mit Papa anhören. Ich weiß gar nicht, ob sie so der Action-Typ war – ich hab ja gern ein bisschen Action, Fallschirmspringen oder so. Keine Ahnung, ob sie da mitmachen würde. Aber ich würde einfach mit ihr rausgehen, ein bisschen bummeln, ich würde viel zusammen mit ihr reisen.

Haben Sie manchmal das Gefühl, als hätte Ihre Mutter Sie verlassen?
Sie ist ja nicht mutwillig weggegangen, aber manchmal werde ich ein bisschen wütend und denke: „Warum? Warum musste das so sein?“ Und dann fühlt es sich schon so an, als hätte sie uns verlassen, weil sie ja einfach weg ist. Es ist nicht direkt eine Wut auf Mama, sondern auf die Gesamtsituation. Ich wäre bei ihrem Tod gern älter gewesen, damit ich ihr noch Dinge hätte sagen können. Jetzt weiß ich nicht, ob ich ihr jemals gezeigt habe: „Ich möchte, dass du hierbleibst. Ich möchte nicht, dass du gehst.“ Es gibt so viele Sachen, die ich meiner Mutter sagen würde und die ich gerne von ihr hören würde, und ich werde niemals mehr die Chance haben, das von ihr zu bekommen.

* Name von der Redaktion geändert.

Franziska M. ist heute 24 Jahre alt und studiert in Berlin; als ihre Mutter 2001 im Alter von 38 Jahren an Gebärmutterhalskrebs starb, hinterließ sie neben ihrem Mann und der Tochter (damals 7) noch zwei kleinere Söhne im Alter von vier und anderthalb Jahren. Alle Kinder wuchsen weiter beim Vater auf, der seither keine neue Partnerschaft mehr eingegangen ist. Sie habe zwar öfter auf die jüngeren Brüder aufpassen, aber keine Mutterrolle übernehmen müssen, sagt Franziska M. Das Verhältnis zu ihrem Vater beschreibt sie als sehr eng: „Ich hatte eine sehr gute Kindheit, weil mein Papa versucht hat, beide Elternteile zu ersetzen, und alles in seiner Macht Stehende getan hat, damit wir normal und glücklich aufwachsen. Das hat er sehr gut hinbekommen.“

Das ganze Interview lesen Sie in der Printausgabe.

Fotos: Adobe Stock

Erschienen in „Welt der Frauen“ 11/18