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„Von selbst geht es nicht!“

„Von selbst geht es nicht!“
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  • Veröffentlicht: 17.09.2025
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Wie kann Sorgearbeit in einer Paarbeziehung gerecht aufgeteilt werden? Männerforscher Erich Lehner über Männer als „Gehilfen“ und einen Eisberg an Verantwortlichkeiten.

In Ihrem Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Immer muss ich an alles denken“ haben Sie gesagt, dass viele Männer zu „Gehilfen“ werden. Wie meinen Sie das?

Bei Paaren gibt es das Ziel, dass der Mann mithilft, etwas dazu beiträgt. Damit wird er automatisch zum Gehilfen, der keine Verantwortung übernimmt, sondern seiner Frau hilft. Manche empfinden das schon als guten Schritt: besser, als er tut gar nichts. Was aber fehlt, ist, dass die Aufgaben partnerschaftlich geteilt werden und der Mann Verantwortung übernimmt, sich auch auskennt im Haushalt. Bei der Hilfstätigkeit bleibt die Verantwortung und damit der Mental Load bei der Frau: Sie muss wissen, wann der Mist rausgestellt werden muss, er tut es dann. Sie muss wissen, wann die Wäsche von der Putzerei zu holen ist. Er holt sie dann. Dabei können wir noch lange nicht davon sprechen, dass der Mental Load partnerschaftlich aufgeteilt ist.

Liegt es allein an den Frauen, das zu verändern?

Nein, das liegt bei beiden. Es muss bei ihm eine Bereitschaft zur Veränderung vorhanden sein. Aber es liegt auch bei den Frauen, diese Veränderung einzufordern und zu installieren. Von da her braucht es die Aktivität beider. Das ist Arbeit: Es müssen Bereiche identifiziert werden, Verantwortungen festgelegt und abgegeben werden. Es ist ein Prozess, der beide gleichermaßen betrifft.

Haben Menschen, die in homosexuellen Partnerschaften leben, eigentlich weniger Mental Load?

Was bei homosexuellen Paaren wegfällt, ist die Geschlechtermythologie, also die Annahme, was typischerweise ein Mann oder eine Frau machen soll. Sie müssen von Anfang an in einer Beziehung mehr aushandeln. Das ist ein Vorteil. Mir wird immer wieder berichtet, dass der Geschlechter-Bias, also die Verzerrung, die durch Stereotype passiert, wegfällt und es eine praktische Aufteilung aller Aufgaben gibt. Das könnte man sich für heterosexuelle Partnerschaften abschauen.

Sie haben auch das Bild vom Mental Load als Eisberg gebracht. Was bleibt alles unsichtbar?

Im Grunde ist der gesamte Mental Load unsichtbar. Das permanente Dran-Denken, das die betroffenen Personen haben – Was ist wann und wo zu tun? –, das bleibt unsichtbar. Sichtbar ist, dass Aufgaben erledigt werden. Aber alles, was vorher und nachher ist, das bleibt unsichtbar. Dazu gehört auch der emotionale und denkerische Aufwand, das Planen, Organisieren, Balancieren, alles im Blick zu haben – das ist der Teil vom Eisberg, der unsichtbar bleibt.

Wie schaffen wir es, das sichtbar zu machen?

Wir müssen darüber reden, müssen uns damit auseinandersetzen, Tätigkeiten und auch, was dahintersteckt, identifizieren. All das müssen wir sichtbar machen und aufteilen. Wenn die Partnerschaft wirklich geschlechtergerecht werden soll, bedeutet das, dass sich Paare regelmäßig hinsetzen, miteinander reden und immer aufs Neue aushandeln müssen: Wer macht was und wer ist wofür verantwortlich? Es gibt eigentlich keinen anderen Weg. Von selbst geht es nicht. Wenn nicht geredet wird, werden informelle Strukturen immer mehr bespielt und prägen sich ein. Von daher gibt es nur einen Weg: reden und neu aufteilen.

Foto: Richard Marschik

Erich Lehner ist Psychotherapeut und Vorsitzender des Dachverbande der Männerarbeit in Österreich (DMÖ). Bei der Veranstaltungsreihe zum Thema Mental Load teilte er seine Expertise im Rahmen eines Fachvortrags.

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Ist seit vielen Jahren als Redakteurin und Autorin unterwegs. Dafür ist es meist gar nicht nötig, weit zu reisen – die berührendsten, spannendsten und wichtigsten Geschichten spielen sich direkt vor ihrer Nase ab. Überall dort, wo es menschelt, fühlt sie sich wohl und Themen rund um Gesellschaft, Frauen und Feminismus liegen ihr besonders am Herzen. Geboren (Schwäbische Alb, Süddeutschland) und Aufgewachsen (Wienerwald) im kleinen Dorf lebt und schreibt sie heute mit ihrer Familie in einem kleinen Häuschen am Rande der großen Stadt.

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Foto: Barbara Aichinger


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