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Viele Wahrheiten auf dem Balkan
Vor 20 Jahren begrub ein Bruderkrieg alle Hoffnungen auf ein friedliches Miteinander der Ethnien und Religionen auf dem Balkan. Die Wunden sind bis heute nicht verheilt.
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Ein muslimischer Friedhof in Mostar: Alle trauern um ihre Toten.

Sanad, geboren 1970, gestorben 1993, Murad, geboren 1971, gestorben 1992, ein Grabstein neben dem anderen, weiß glänzend im Licht eines Spätsommertages. Eben habe ich mich mit unserer Reisegruppe durch die Touristenmenge auf der Stari Most, der alten Brücke von Mostar, geschoben. Sie ist die wiederaufgebaute Attraktion, mit der sich alle gerne fotografieren lassen. Doch gleich hinter der Brücke, die als Symbol für die Verbindung zwischen ChristInnen und MuslimInnen steht, ist die Welt noch gar nicht in Ordnung. Wie ist das, denke ich, wenn man jeden Tag an den Gräbern der Jungen vorbeigeht, die im bosnischen „Bruderkrieg“ gestorben sind? In Mostar, der Hauptstadt der Herzegowina, hat sich in den 20 Jahren, die seit dem Krieg vergangen sind, viel verändert. Die großen Häuserruinen entlang der Front, die sich mitten durch die Stadt gezogen hatte, sind fast verschwunden. Das Gymnasium auf der kroatischen Seite, architektonischer Zeuge der Habsburgerzeit, erstrahlt in neuem altem Glanz. Aber sobald man mit jemandem persönlich ins Gespräch kommt, steigt der Schrecken der vergangenen Jahre auf. Die Toten werden aufgerufen, die Angst flackert in den Seelen. Ob SerbInnen, KroatInnen oder BosnierInnen, alle sehen sich als Opfer der anderen. Das Misstrauen sitzt tief in den Gemütern. Und dennoch. Dennoch müssen die gut vier Millionen Menschen in Bosnien-Herzegowina miteinander leben. „Unter dem Diktat von Dayton“, da sind sich alle in der Diktion einig. Das scheint der kleinste gemeinsame Nenner zu sein: Wir wollten so nicht miteinander leben, aber man zwingt uns dazu.

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Die im Krieg zerstörte Nationalbibliothek in Sarajevo wurde wieder aufgebaut.

DIE ORDNUNG NACH DEM KRIEG
Der Dayton-Vertrag, benannt nach dem amerikanischen Ort, in dem er ausgehandelt wurde, legte 1995 die Nachkriegsordnung auf dem Balkan fest. In der Föderation Bosnien-Herzegowina gibt es zwei Entitäten, eine der Republika Srpska und eine weitere für die muslimischen BosnierInnen und die kroatisch – katholischen HerzegowinerInnen. Die internationale Gemeinschaft hat einen Hohen Repräsentanten an die Spitze des Staates gestellt, der im Grunde eine Generalvollmacht hat. Derzeit hat der Österreicher Valentin Inzko diese Aufgabe inne. Das große Problem des Landes ist, darin sind sich alle einig, dass die Dayton-Ordnung zu einer überbordenden Bürokratie und einer Art von Selbstbedienung durch die herrschenden Gruppen geführt hat. In zehn Kantonen gibt es jeweils eine komplette Regierung, sodass alles in allem fast 200 MinisterInnen im Land tätig sind. Immer wieder werden welche wegen des Verdachtes der Korruption festgenommen. „Sie füllen nur die eigenen Taschen“ sind jene überzeugt, die keine Arbeit haben. Fast 75 Prozent des Staatshaushaltes gehen in die Finanzierung der Bürokratie. Da bleibt kaum etwas für Investitionen übrig. Wenn sich die Parteien und Ethnien überhaupt darauf einigen könnten. Nachdem viele im Grunde nicht miteinander kooperieren wollen, nützt man jede Möglichkeit, den Vorstoß oder die Idee des anderen zu torpedieren. Und wenn dann gar nichts geht, kann man sich immer noch auf Dayton berufen. „Nur das Hochwasser hat im Vorjahr verhindert, dass eine Revolution in Gang gekommen ist“, meint Erich Rathfellner. Der Journalist lebt seit 1991 in Bosnien. Hohe Arbeitslosigkeit, geringes Einkommen und der immer dichter werdende Filz an der Staatsspitze frustrieren die Menschen. Sie protestierten lautstark, vor allem in der Hauptstadt Sarajevo. Doch dann kam in Nordbosnien das Hochwasser und spülte ausgerechnet jenen, die nach der Vertreibung zurückgekehrt waren und ihre Häuser wieder aufgebaut hatten, ihre Habe wieder weg. Auch Rathfellner meint, nur eine Änderung des Dayton-Vertrages könnte Bosnien-Herzegowina eine Zukunft geben. Derzeit sieht er aber keine Anzeichen, dass international irgendjemand Interesse hätte, das Bosnien-Paket aufzuschnüren.

KEINE PERSPEKTIVE
Bischof Franjo Komarica ist in seiner Diözese mit 35.000 KatholikInnen übrig geblieben. Er hat sich geweigert, Banja Luka, heute in der überwiegend von orthodoxen Gläubigen bewohnten Republika Srpska gelegen, zu verlassen. 95 Prozent der KatholikInnen sind weg. Komarica ist heute ein Bischof ohne Land, der seine guten internationalen Kontakte nützt, um für eine Änderung des Dayton-Vertrages zu intervenieren. Er pocht auf das Recht auf Heimat, baut mit internationaler Hilfe zerstörte Kirchen wieder auf und will eine Rückkehr der abgesiedelten KatholikInnen. Ob er das selbst für realistisch hält? Der Republika Srpska wird nachgesagt, dass sie nur nach der Gelegenheit sucht, sich Serbien anzuschließen. Dass die KroatInnen der Herzegowina ihren Platz in Kroatien sehen, ist ein offenes Geheimnis. Sollten die BosnierInnen mit einem muslimischen Ministaat übrig bleiben?
„Vergessen Sie nicht, in Bosnien gibt es viele Wahrheiten“, hatte uns ein Mitarbeiter der Caritas Banja Luka gleich zu Beginn unserer Reise mit auf den Weg gegeben. Ein kluger Hinweis, der als nützliches Fragezeichen im Hinterkopf bleibt. Jede Seite zeigt uns ihre Wunden. Die Einschüsse auf den Grabsteinen des alten jüdischen Friedhofes in Sarajevo zeigen, dass während der 1.400 Tage dauernden Einkesselung der Stadt nicht einmal die Toten verschont wurden. Im Tunnel, der in Sarajevo unter dem Flughafen ins Umland gegraben wurde, kann man heute noch nachspüren, wie es ist, über fast einen Kilometer gebückt in einer schmalen Röhre zu gehen. Sanja Horvath, die damals als Sanitäterin am Flughafen arbeitete, erzählt, als würde sie es eben erleben, von Operationen, die im Scheinwerferlicht von Truppenfahrzeugen notdürftig durchgeführt wurden, von dem halben Liter Dieselöl, der täglich für ein Rettungsauto zur Verfügung stand, weswegen scharf überlegt werden musste, welcher Patient quer durch die Stadt ins Krankenhaus gebracht werden sollte, und sie erinnert sich, dass ein Herrenschuh aus Leder, Größe 46, exakt so viel Hitze abgab, dass man auf dem kleinen Blechofen einen Topf Bohnen kochen konnte. „Wo immer man mich in meinem Leben jetzt noch hinstellen wird, ich weiß, dass ich mit nichts überleben kann“, sagt die 40-Jährige. Am liebsten würde sie aus Sarajevo weggehen. Sie hat lange durchgehalten, aber sie sieht keine Perspektive für sich. Die meisten ihres Jahrganges sind schon im Ausland.

EIN WEG ZUR VERSÖHNUNG?
Auf dem muslimischen Friedhof in Mostar sitze ich noch etwas in der Sonne. So viele junge Tote um mich, denen durch Krieg, aufgeheizt durch Nationalismus und religiöse Trennung, das Leben genommen wurde. Wie sinnlos diese Tode! Wie unversöhnt die Lebenden! Was wäre, frage ich einen Priester der katholischen Kirche im Westen Mostars, wenn die Glaubensgemeinschaften einen ersten Schritt zur Versöhnung setzten? Wenn sie etwa zu einer gemeinsamen Trauerfeier einladen, wenn dort die Namen aller Getöteten verlesen werden, ob kroatisch, bosnisch oder serbisch geboren? Was geschähe, wenn man endlich gemeinsam weinen würde? Der Priester blickt mich fragend an. „Dafür ist es wohl noch zu früh.“

Die „Welt der Frau“-LeserInnenreise führte Mitte September 2014 35 Personen von Banja Luka über Sarajevo und Mostar bis nach Montenegro. In vielen persönlichen Gesprächen konnten sich die TeilnehmerInnen ein eigenes Bild von der komplizierten Geschichte und Gegenwart der Balkanländer machen.

 

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Relikte des Bruderkrieges: Granaten, Minen, Bomben.

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Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 11/14 – von Christine Haiden