Die Kaiserschnittrate ist hierzulande höher als in Skandinavien. Warum das so ist und weshalb auch Väter oft Gesprächsbedarf haben, hat uns Gynäkologin und Pränatalmedizinerin Claudia Springer erklärt.
Die Geburt eines Kindes gehört zu den prägendsten Ereignissen im Leben. Doch sie verläuft nicht immer wie gewünscht. Manche Frauen fühlen sich um ihr Geburtserlebnis betrogen – oft dann, wenn sie einen Kaiserschnitt erlebt haben. Claudia Springer ist Fachärztin für Gynäkologie mit Schwerpunkt Pränatalmedizin in eigener Praxis und klärt im Gespräch mit „Welt der Frauen“ über die unterschiedlichen Facetten der Geburt auf. Bis vor Kurzem war sie als Oberärztin an der Abteilung für fetomaternale Medizin am Med Campus IV Kepler Universitätsklinikum Linz mit dem Schwerpunkt Pränatalmedizin tätig.
Was gehört zur Geburtshilfe?
Claudia Springer: Zur Geburtshilfe gehört eine gute Betreuung von werdenden Müttern. Dazu zählt, dass man die Frauen aufklärt, welche Untersuchungen man in der Schwangerschaft machen kann und was sie bedeuten. Im österreichischen Eltern-Kind-Pass sind unter anderem zwei Ultraschalluntersuchungen vorgesehen, bei Bedarf werden weitere durchgeführt. Bei der Nackenfaltenmessung zwischen der elften und 14. Schwangerschaftswoche können mögliche chromosomale Schädigungen des Fötus festgestellt werden. Zwischen der 18. und 22. Schwangerschaftswoche gibt es die Möglichkeit eines kostenlosen Hebammengesprächs, im Zuge dessen die werdende Mutter Kontakt mit einer Hebamme aufnehmen kann, die sie im Krankenhaus und/oder auch danach betreut. Mit dem Organscreening in der 20. Schwangerschaftswoche wird kontrolliert, ob die Organe des Ungeborenen in Ordnung sind. Sollte zum Beispiel ein Herzfehler festgestellt werden, ist es ratsam, in einem dafür spezialisierten Krankenhaus zu entbinden, damit das Kind optimal versorgt wird.
Werdende Eltern können heute über den Geburtsort ihres Kindes entscheiden: vom Krankenhaus über von Hebammen geleitete Geburtshäuser bis zur Hausgeburt. Raten Sie als Ärztin eher von einer Hausgeburt ab?
Ich empfehle jeder Frau, die sagt, sie möchte zu Hause entbinden, die Möglichkeit der ambulanten Geburt. Dabei kann man ein paar Stunden nach der Geburt nach Hause gehen. Im Krankenhaus gibt es die Möglichkeit einer Saugglocke oder einer Sectio, wenn das Kind schlecht versorgt ist. Auch kann es zu einer verstärkten Blutung der Mutter nach der Geburt kommen. Das sind Notfälle, zu Hause kann das wirklich knapp werden. Grundsätzlich kann jede Frau selbst entscheiden, wo sie entbinden möchte, aber als Ärztin empfehle ich ganz klar eine Geburt im Krankenhaus.
„Leider ist auch altes Wissen und dessen Handhabung verloren gegangen.“
Die WHO empfiehlt eine Kaiserschnittrate von zehn bis 15 Prozent. In Österreich entbindet ungefähr jede dritte Frau per Sectio. In Skandinavien zum Beispiel ist die Zahl deutlich niedriger. Warum gibt es hierzulande so viele Kaiserschnitte?
Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen hängt das damit zusammen, dass Frauen später schwanger werden, zum anderen sind sie öfter adipös. Das frühe Auftreten einer Schwangerschaftsvergiftung kann einen Kaiserschnitt erfordern. Adipöse Frauen oder Frauen nach einer In-vitro-Fertilisation beziehungsweise Eizellspende entwickeln öfter eine schwere Schwangerschaftsvergiftung. Bei adipösen Frauen spielt zusätzlich der Schwangerschaftszucker eine Rolle, der, wenn er schlecht eingestellt wird, zu makrosomen Kindern mit deutlich erhöhtem Geburtsgewicht und der Notwendigkeit eines Kaiserschnitts führt. Es gibt auch eine bessere Pränataldiagnostik, die Fehlbildungen erkennen lässt, die einen Kaiserschnitt erfordern. Man muss aber auch ein bisschen differenzieren. Leider ist auch altes Wissen und dessen Handhabung verloren gegangen. Das Sicherheitsdenken in der Medizin ist groß, jede Geburt ist ein Risiko, es soll nichts passieren. Mittlerweile kann sich auch jede Frau für einen Wunschkaiserschnitt entscheiden. Manchmal kommt es auch im Geburtsverlauf zu einem Kaiserschnitt, also einem sogenannten sekundären Kaiserschnitt. Es kommt auf die Betreuung von Ärzt:innen und Hebammen an, wie lange man probieren kann, eine spontane Geburt anzustreben, und wann aus medizinischer Sicht der Zeitpunkt gekommen ist, einen sekundären Kaiserschnitt aufgrund diverser Komplikationen zum Wohl von Mutter und Kind zu indizieren.
Wie groß ist der Druck auf Ärzt:innen, hinsichtlich möglicher Klagen im Zweifelsfall lieber einen Kaiserschnitt durchzuführen?
Die Erfahrung spielt sicher eine Rolle. Und auch die Tatsache, dass man auf der sicheren Seite ist, wenn man aufgrund von Auffälligkeiten beim CTG (Anm.: Aufzeichnung der fetalen Herztätigkeit) einen Kaiserschnitt macht. Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, die Eltern gut einzubinden und gemeinsam Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel eine Blutuntersuchung des Köpfchens zu machen. Und wenn bei der Öffnung des Muttermundes etwas weitergeht, noch ein wenig zu warten. Ein Akutfall ist natürlich etwas anderes, da muss ich als Ärzt:in die Entscheidung treffen, sodass es letztendlich dem Kind und der Mutter gut geht.
Frauen wünschen sich heute eine selbstbestimmte Geburt. Was ist dafür notwendig?
Wünschenswert wäre eine Eins-zu-eins-Hebammenbetreuung. Wenn das nicht möglich ist, eine:n gute:n Partner:in mitnehmen. Das muss nicht unbedingt der Ehemann sein. Der Wunsch nach Selbstbestimmung ist in der Geburtshilfe immer ein bisschen schwierig. Man kann sich auf alles vorbereiten – Hypnobirthing-Kurs, Geburtsvorbereitungskurs – und man kann alles Mögliche probieren: Gebärhocker, Seitenlage, Badewanne. Wenn aber der Zeitpunkt da ist, an dem es dem Kind nicht mehr gut geht, dann ist es mit der Selbstbestimmung leider schnell vorbei. Oder wenn in der Austrittsphase das CTG schlecht und der Kopf zu tief für einen Kaiserschnitt ist, dann muss man der werdenden Mutter sagen, dass sie über den Schmerz drüber muss, weil man eine Saugglocke braucht. Das sind auch für uns Geburtshelfer:innen schwierige Geburten, wenn man weiß, dass das für die Frau nicht so schön war.
Manche Frauen beschreiben ihre Geburtserfahrungen als belastend oder sogar gewaltvoll. Was kann man dagegen tun?
Gewalt in der Geburtshilfe sollte es definitiv nicht geben. Ein gewaltvoller Akt zum Schluss, wenn eine Stresssituation eintritt, zum Beispiel, wenn die Herztöne abfallen, ist manchmal aber einfach notwendig. Nicht nur für die werdenden Mütter, auch für die Väter ist so ein Akt oft schwierig und wirkt lange nach. Im Krankenhaus gibt es die Möglichkeit eines Gesprächs mit einem oder einer Psycholog:in, aber auch nach der Entlassung sollte es Angebote geben.
Welche strukturellen oder inhaltlichen Entwicklungen halten Sie in der Geburtshilfe für notwendig?
Das Wichtigste wäre ausreichend Personal: medizinisches und Pflegepersonal. Geburtshilfe lässt sich nicht planen, und es sollten genügend Ressourcen geschaffen werden.
