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Vertrauen und Entenküken

Ich will Sicherheit, Roséwein und Frühlingsabende, an denen ich endlich wieder Freundinnen und Freunde treffen kann. Geduld ist leider keine meiner größten Stärken …

„Ein Glück, dass ich dich treffe“, sage ich und Gott nickt etwas zerstreut.
„Geht’s dir nicht gut?“, frage ich ängstlich, denn das wäre es ja, wenn man sich jetzt auch noch Sorgen um Gott machen müsste. Deshalb rede ich lieber gleich weiter. „Es reicht, hörst du? Ich finde, dieses Virus sollte jetzt langsam mal aufgeben.“
Gott nickt und seufzt: „Das finde ich auch.“
„Dann tu was“, rufe ich, denn Seufzen hat noch nie geholfen, etwas zu verändern. „Vernichte es, verwandle es, mach, dass es aufhört!“
Er sei kein Seuchenexperte, sagt Gott, dafür gäbe es Fachleute. Die kennen sich gut mit Viren aus, auf die vertraue er.
„Und wenn sie sich irren?“
Das sei natürlich möglich, sagt Gott. Deshalb vertraue er auch auf die Fragen der anderen, dass sie nicht nachlassen, zuzuhören und mitzudenken.
„Vertrauen …“, murmele ich und klinge vermutlich enttäuscht, weil ich mir etwas Handfesteres wünsche.
„Du willst Sicherheit“, sagt Gott, und ich nicke, obwohl ich weiß, dass Sicherheit eine Sackgasse ist. „Deshalb habe ich das alles hier“ – er macht eine raumgreifende Bewegung, „auf Vertrauen aufgebaut. Ich glaube daran. Ich vertraue darauf, dass ihr klug und mutig genug seid, euer Herz und euren Verstand zu nutzen. Ich glaube an eure Widerständigkeit, die habe ich in eure DNA gelegt, an eure Fragen und euren Zweifel. Vergesst die nicht. Ich vertraue auf euren langen Atem, den habe ich in Jahrtausenden mit euch geübt. Ich vertraue auf eure Wachsamkeit. Es reicht, wenn einige wachen und die anderen sich wecken lassen. Wechselt euch ab. Ich vertraue auf eure Phantasie, denn die habt ihr von mir. Im Übrigen vertraue ich auf Butterblumen, Roséwein und Entenküken und finde, dass es ein paar ausgezeichnete Serien gibt.“
„Du überraschst mich immer wieder“, murmele ich wie zu mir selbst, und mir fällt plötzlich auf, wie hell der Himmel an diesem Abend ist.

Susanne Niemeyer

lässt sich gerne inspirieren von Pippi Langstrumpf und der polnischen Dichterin Wisława Szymborska. Vor dem Einschlafen denkt sie an etwas Schönes, denn irgendwas – da ist sie sicher – gibt es immer.

www.freudenwort.de

Foto: privat

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