Ilse Fröhlich verlor nach einer Trennung ihre Wohnung und lebte lange Zeit versteckt wohnungslos. Wie viele Frauen versuchte sie lange, ihre Obdachlosigkeit zu verbergen.
Ich war 30 Jahre verheiratet, bis sich mein Mann eine Jüngere gefunden hat. 2006 habe ich die Wohnung verloren, ich wurde bei –14 Grad delogiert, nachdem ich die Wohnung nicht allein halten konnte. Ich habe zwei Plastiksäcke mit den wichtigsten Dingen mitgenommen, den Rest habe ich bei einer meiner Töchter im Keller deponieren können.
Ich hatte keine Ahnung, wohin. Zwei, drei Tage war ich wie ferngesteuert. Ich war eine Zeit lang bei einer Freundin, dann hat sie einen Mann kennengelernt, und ich musste raus. Wieder ein paar Tage woanders. Eine Zeit lang schlief ich bei meiner Tochter im Wohnzimmer, da habe ich immer geschaut, dass ich am Abend nicht zu Hause bin, damit sie und ihr Mann ihre Ruhe haben. Aber als ich mitbekommen habe, dass sie wegen mir streiten, bin ich weg. Dann habe ich bei einer Bekannten im Keller geschlafen. So ist die Zeit vergangen.
Ich habe immer nur für die nächsten paar Tage gewusst, wie es weitergeht. Man hängt permanent in der Luft. Diese Unsicherheit ist sehr anstrengend. Aber irgendwann stumpft man ab und denkt sich: Es wird schon weitergehen.
„Ich bin nicht auf der Parkbank gelegen, ich war die Frau, die auf einer Parkbank sitzt und liest.“
Zwei Jahre habe ich mehr oder weniger auf der Straße gelebt. Man hat es mir nie angesehen. Im Sommer bin ich um 7 Uhr an die Alte Donau gefahren, habe dort zwei, drei Stunden geschlafen. Ich bin nicht auf der Parkbank gelegen, ich war die Frau, die auf einer Parkbank sitzt und liest. Ich bin nicht aufgefallen. Das ist auch ein Problem, denn ich habe niemanden kennengelernt, der in meiner Situation ist.
Ich hatte das Riesenglück, dass ich in einem umgebauten alten Eisenbahnwaggon, der zu Dusche und Klo für Veranstaltungen umgebaut war, schlafen konnte. Der war zum Abschließen, es gab eine Heizung. Dort habe ich vier Monate gelebt. Immer, wenn eine Veranstaltung war, musste ich alles ausräumen. Ansonsten war das echt angenehm.
Aushilfsjobs und erstes Hilfsangebot
Als Springerin bin ich hin und wieder Taxi gefahren und konnte dann im Auto auf einem Parkplatz schlafen. Ich habe keine Ahnung von Hilfsangeboten gehabt. Durch Zufall habe ich vom „P7“ erfahren (Anm.: einem Hilfsangebot der Caritas). Die haben mir ein kleines Kammerl in einem Obdachlosenheim gegeben, der Raum war vielleicht fünf oder sechs Quadratmeter groß. Dort habe ich es sieben Jahre ausgehalten.
Selbst betroffen? Hier gibt es Unterstützung
Seit neun Jahren wohne ich jetzt in der Kudlichgasse in einer Wohnung vom „neunerhaus“. Ich habe einige gesundheitliche Probleme. Meine Sozialarbeiterin hat mir geholfen, die Wohnung zu bekommen. Es sind 23 Quadratmeter, alles drin, ich lebe eigenständig. Eine richtige Wohnung könnte ich mir mit der Mindestpension niemals leisten.
Ich habe nie ein Geheimnis aus meiner Situation gemacht. Die meisten schweigen aber aus Scham oder so. Dabei kommen gerade Frauen oft unverschuldet in diese Lage. Mein Rat an andere Frauen ist: Seid offen, redet mit den Leuten, sucht euch Beratung. Ich habe mich wieder aufgerappelt. Ich schaue nicht zurück, sondern lebe jeden Tag, als wenn es der letzte wäre. Was kommt, das kommt.