Kleinkinder und Babys halten Eltern auf Trab. Wie Erwachsene trotzdem Entspannung im Urlaub finden können, erklärt Psychologin und Pädagogin Viktoria Kindermann.
Die Sonne brennt, der Sand unter den Füßen ebenso. Kaum am Liegestuhl angekommen, läuft das zweijährige Kind Richtung Meer. Dieses Szenario kennen Eltern von Kleinkindern und Babys nur allzu gut. Urlaub bedeutet für sie nicht, dass elterliche Verantwortung oder Mental Load pausieren. Psychologin und Pädagogin Viktoria Kindermann gibt hilfreiche Tipps, wie ein entspannter Urlaub trotzdem gelingen kann.
Gibt es ein Mindestalter, ab dem Reisen mit Babys empfehlenswert ist?
Kindermann: Das ist davon abhängig, wohin eine Familie reist und unter welchen Umständen ihr Neugeborenes ins Leben gestartet ist. Eine belastete Schwangerschaft oder Geburt sowie Besonderheiten des Babys sollten berücksichtigt werden. Auch die Frage, wie gut sich die Familie bereits eingelebt hat und wie sie generell mit Veränderungen umgeht, spielt eine Rolle. Entscheidend sind unter anderem mögliche Reiseimpfungen und die Art der Anreise. Auch das Wochenbett sollte berücksichtigt werden: Wie geht es der Mutter körperlich? Wichtig ist, dass sie sich nicht übernimmt. Genauso ist aber auch das Bedürfnis nach Abstand zum eigenen Zuhause legitim.
Wie gelingt Urlaub mit Teenagern?
Dieser Frage ist Redakteurin Julia Langeneder für die Sommerausgabe von „Welt der Frauen“ nachgegangen. Dafür hat sie mit der Lebens- und Sozialberaterin Nicola Puchas sowie der freischaffenden Künstlerin und vierfachen Mutter Doris Maier gesprochen – den Beitrag finden Sie hier.
Worauf sollten Eltern bei der Wahl des Reiseziels und bei der Anreise besonders achten?
Wichtig ist die Frage, welche Jahreszeit und Temperaturbereiche allen Mitreisenden – gerade kleinen Babys – zugemutet werden können. Ebenso entscheidend ist die Planung der An- und Abreise: Fahren wir nachts? Teilen wir die Strecke auf? Können wir die Fahrt so planen, dass zumindest ein Teil davon in die Schlafenszeit der Kinder fällt? Hilfreich ist außerdem, sich Gedanken darüber zu machen, was direkt nach der Ankunft gebraucht wird. Vielleicht nimmt man Essen oder Snacks mit, damit man nicht sofort ein Restaurant oder einen Supermarkt suchen muss und alle gut versorgt sind – vor allem im Hinblick auf mögliche Hindernisse oder Verzögerungen bei der Anreise.
Wie können Eltern ausprobieren, ob ihr Baby schon „reisetauglich“ ist?
Manchen Familien fallen bereits gemeinsame Ausflüge schwer. Sobald sie die gewohnte Umgebung verlassen, entstehen häufig Unsicherheiten oder Sorgen. Deshalb würde ich empfehlen, die Mobilität zunächst im näheren Umfeld zu üben und mit einem kleineren Ausflug inklusive Übernachtung zu starten – besonders dann, wenn das Kind Schwierigkeiten mit Übergängen oder Veränderungen hat.
Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind bereit für längere Reisen ist?
Wenn eine Familie das Gefühl hat, gut eingespielt zu sein und ungewohnte Routinen kein Problem darstellen, ist sie womöglich auch im Urlaub flexibler und bereit für längere Reisen. Trotzdem ist es sinnvoll, gewisse Routinen beizubehalten, damit vertraute Elemente erhalten bleiben. Man muss nicht den gesamten Tagesablauf von zu Hause übernehmen – schließlich möchte man auch ein Stück weit aus dem Alltag ausbrechen. Wichtig ist aber auch, mit der richtigen Erwartungshaltung in den Urlaub zu gehen.
Welche wäre das?
Ein Urlaub ist keine Auszeit von Verantwortung. Babys und Kinder haben auch unterwegs dieselben Bedürfnisse wie zu Hause und brauchen Eltern, die präsent sind. Deshalb sollten sich Eltern von der Erwartung verabschieden, dass eine Reise automatisch zu einem vollkommen entspannten Erholungsurlaub wird. Ich glaube, dass die eigene Erwartungshaltung entscheidend dazu beiträgt, ob man den Urlaub als gelungen erlebt.
Wie lassen sich Erwartungen an den gemeinsamen Urlaub besser steuern?
Durch ehrliche Kommunikation: Was brauche ich, damit der Urlaub für mich gelingt? Was sollte auf keinen Fall passieren? Was wünsche ich mir vom anderen? Hilfreich kann auch ein tägliches kurzes Gespräch über die Erwartungen beider Elternteile sein, um Bedürfnisse frühzeitig anzusprechen.
Wie können Eltern ihr Baby auf eine Flugreise vorbereiten? Vor allem in Bezug auf Ohren und Druckausgleich?
Das sollte gegebenenfalls mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt abgesprochen werden. Je nach Alter des Babys kann es sinnvoll sein, den Flug – wenn möglich – so zu planen, dass das Kind währenddessen schläft. Vor allem beim Start und bei der Landung ist ein guter Druckausgleich wichtig. Bei Babys helfen dabei oft das Stillen oder ein Fläschchen. Größere Kinder können den Druck in den Ohren durch Trinken, Kauen oder etwas zum Lutschen besser ausgleichen.
„Kinder erinnern sich später weniger an Attraktionen oder eine perfekte Planung als an das Gefühl von Nähe und Geborgenheit bei ihren Eltern.“
Wie beschäftigt man Kinder während der Reise am besten?
Für viele Familien hat sich eine Beschäftigungsbox, die ausschließlich auf Reisen zum Einsatz kommt, bewährt. So bleibt das Spielzeug etwas Besonderes und verliert nicht an Reiz, weil es zu Hause nicht verfügbar ist. Viele Fluglinien bieten außerdem Beschäftigungspakete mit Malstiften oder ähnlichen Materialien an. Und ich möchte noch Folgendes mitgeben: Wenn Kinder spüren, dass ihre Eltern gestresst oder unsicher sind, überträgt sich das häufig auf sie. Das bedeutet aber nicht, dass Eltern ständig völlig entspannt sein müssen, damit die Anreise gelingt.
Worauf sollten Eltern bei der Wahl der Unterkunft achten?
Grundsätzlich lohnt es sich, zu überlegen, ob der Service eines Hotels oder die Selbstversorgung in einem Apartment besser zu den eigenen Bedürfnissen passt. Beides hat Vor- und Nachteile. Im Hotel muss man sich nicht selbst ums Essen kümmern, ist allerdings stärker an feste Abläufe gebunden. Auch die Geräuschkulisse kann für Kinder belastend sein. Deshalb sollte man sich fragen: Was passt besser zu unserem Familienrhythmus? Und brauchen wir vielleicht mehr Raum, um uns auch einmal aus dem Weg gehen zu können? Das gelingt in Ferienwohnungen häufig besser als in Hotelzimmern.
Wie können Eltern im Urlaub Erholung finden?
Es kann hilfreich sein, die Verantwortung aufzuteilen – etwa indem ein Elternteil das Aufstehen übernimmt und der andere das Abendritual. Jede:r sollte Raum für Rückzug erhalten. Das kann entweder schon im Alltag etabliert oder vorab gut besprochen werden. Auch die Erwartung, als Familie rund um die Uhr alles gemeinsam zu machen, darf losgelassen werden. Es ist völlig in Ordnung, Dinge auch einmal getrennt zu unternehmen. Das ist kein Scheitern, sondern oft die sinnvollste Lösung, damit alle zwischendurch Zeit für sich haben.
Sind Kinderanimation oder Fremdbetreuung eine Möglichkeit, um als Eltern Erholung zu finden?
Das kann eine große Entlastung sein. Allerdings passt dieses Angebot nicht zu jedem Kind. Entscheidend sind unter anderem das Alter und die Frage, ob es bereits Erfahrung mit Fremdbetreuung hat. Manche Kinder brauchen zunächst eine gewisse Eingewöhnungszeit, bevor sie sich darauf einlassen können, andere haben damit überhaupt keine Schwierigkeiten.
Welche Bedürfnisse von Kindern werden im Urlaub häufig unterschätzt?
Kinder brauchen keinen perfekten Urlaub oder permanente Bespaßung. Sie brauchen Eltern, die präsent sind und auf ihre Signale eingehen. Viele Eltern erwarten, dass sich ihr Kind genauso auf den Urlaub freut wie sie selbst. Reagiert es dann müde, reizüberflutet oder mit Wutanfällen, macht sich schnell Enttäuschung breit. Dabei ist das keine Undankbarkeit, sondern ein Zeichen dafür, dass das Kind gerade viele Veränderungen verarbeitet und deshalb mehr Sicherheit, Orientierung und Co-Regulation braucht.
Es hilft, sich vom Bild des durchgetakteten Bilderbuchurlaubs zu verabschieden. Oft reichen schon kleine Momente echter Verbundenheit. Denn Kinder erinnern sich später weniger an Attraktionen oder eine perfekte Planung als an das Gefühl von Nähe und Geborgenheit bei ihren Eltern.
Was sagen Eltern dazu?
Miriam (37) ist Mutter einer dreijährigen Tochter:
„Ich finde Flugreisen entspannter als lange Autofahrten. Im Auto ist unsere Tochter lange im Kindersitz angeschnallt. Im Flugzeug kann sie sich bewegen. Außerdem gibt es ständig etwas zu entdecken: andere Menschen, Kinder und eine neue Umgebung.
Am anstrengendsten war für uns der Urlaub in einer Hotelanlage auf Kos (Griechenland), als unsere Tochter etwa ein Jahr alt war. Wir waren an Essenszeiten gebunden, am Buffet musste immer eine Person Essen holen, während die andere beim Kind blieb. Ein Jahr später entschieden wir uns für ein Apartment in Bari (Italien) – das war deutlich entspannter. Wir haben die Essenszeiten an unseren Tagesrhythmus angepasst.
Der Garten bot unserer Tochter einen geschützten Raum zum Spielen, und wenn sie schlief, mussten wir nicht ebenfalls im Zimmer bleiben, sondern konnten noch draußen sitzen, ohne sie zu stören.
Damit ich als Mama selbst Erholung finde, nutze ich bewusst kleine Auszeiten. Manchmal übernimmt mein Partner das Spielen am Strand oder meine Tochter beschäftigt sich mit anderen Kindern – dann lese ich ein Buch oder entspanne im Liegestuhl. Ich hätte auch eine Massage am Strand buchen können, aber war mit einem Kaffee und Lesestoff mehr als zufrieden.“
Zur Person
Viktoria Kindermann ist Psychologin und Pädagogin. Sie begleitet Familien bindungs- und beziehungsorientiert in herausfordernden Entwicklungsphasen und bei Regulations- und Bindungsthemen – insbesondere von Schwangerschaft bis ins frühe Schulalter, wenn Unsicherheit, Überforderung oder Krisen Momente von Nähe und Verbindung erschweren. Mehr Infos: fraukindermann.at.
