Das Phänomen der Tradwives boomt auf Social Media. Dass Frauen für den Großteil der Pflege- und Hausarbeit verantwortlich sind war nicht immer so, erklärt Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes.
„Mein Mann hatte heute Lust auf Cola, also hab ich ihm eines gemacht.“ Mit diesen Worten beginnt Model Nara Smith (23) ihr Video, in dem die dreifache Mutter ihr eigenes Cola selbst herstellt – Schritt für Schritt. Sie kocht Karamell, reibt Orangen- und Zitronenschalen in eine Schüssel und mahlt die Gewürze eigenhändig – alles in einem silbernen Glitzerkleid. Am Ende nimmt ihr Mann einen Schluck und zwinkert zufrieden. Was wie eine Parodie wirkt, hat einen ernsten Hintergrund: Das Video ist Teil des sogenannten „Tradwife“-Trends in den sozialen Medien. Das englische Kofferwort „Tradwife“ bezeichnet traditionelle Ehe- oder Hausfrauen, die in schicken Kleidern und mit perfekt frisierten Haaren ein Leben am Herd zelebrieren. Doch hinter der nostalgischen Fassade verbirgt sich eine gefährliche Rückkehr zu veralteten Geschlechterrollen, die finanzielle Abhängigkeit als Tugend verkauft.
Sehnsucht nach konservativen Werten
Auf den ersten Blick könnte man denken, der Trend rücke wenigstens die viele unbezahlte Arbeit von Frauen ins Rampenlicht. Doch viel eher fördert er das konservative Rollenbild der perfekten Hausfrau, die Burgerbrötchen bäckt, nebenbei die Kinder erzieht und die Wünsche ihres Ehemannes stets lächelnd erfüllt. So, als wäre das alles keine Mühe und selbstverständlich. Was dabei nicht thematisiert wird: die finanzielle Abhängigkeit. Ein Blick auf die Wahlergebnisse in Österreich zeigt, dass der Wunsch nach „klaren Verhältnissen“ auch politisch zurückgekehrt ist. Die FPÖ, die auf die sogenannte Herdprämie setzt, wurde bei der letzten Wahl die stärkste Partei – das erste Mal seit 1945.
Das war schon immer so, oder?
Was manche als die natürliche Ordnung der Rollenverteilung sehen, entstand erst im 19. Jahrhundert. Denn davor waren in Paaren häufig beide Personen erwerbstätig, beide waren für den Erfolg nach außen und den Wohlstand der Familie verantwortlich. Die Frau des Hauses hatte im großen, arbeitsgeteilten Haushalt eine Managementrolle – sie koordinierte Köch:innen, Mägde, Helfer:innen und weitere Bedienstete. Evke Rulffes, Kulturwissenschaftlerin und Autorin des Buches „Die Erfindung der Hausfrau“, erklärt: „Das Konzept der bürgerlichen Hausfrau hat sich so in uns eingeprägt, dass wir glauben, es war immer so. Dabei ist es ein relativ neues Konzept.“ Aber wie war das bei den Jägern und Sammlern? Da waren die Rollen doch klar aufgeteilt, oder? Eine Fehlinterpretation, wie man heute weiß. Rulffes klärt auf: „Historiker haben lange nur das gesehen, was ihr Weltbild zugelassen hat. Fanden sie also ein Skelett mit einer Waffe, so gingen sie davon aus, dass es ein Mann sein musste. Heute weiß man aber, dass die Rollen auch damals schon gemischt verteilt wurden.“
