In der Teilzeit-Debatte kommen viele zu Wort, doch häufig nicht die Betroffenen. Wir haben nachgefragt, wie es Frauen in Teilzeit geht und wie sie die Diskussion wahrnehmen.
Es gibt Begriffe, die schon in dem Moment, in dem sie ausgesprochen werden, eine Anklage sind. „Lifestyle-Teilzeit“ ist so einer. Geprägt hat ihn Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP), der sich im vergangenen Sommer Gedanken über einen „Trend zur Lifestyle-Teilzeit“ als „bewusste Entscheidung für weniger Erwerbsarbeit“ machte und die daraus resultierenden Folgen für Wirtschaftsstandort und Sozialstaat beklagte. Seither reißt die Debatte nicht ab. Nur eine Frage wird dabei selten gestellt: Stimmt das überhaupt?
Die Antwort lieferte die Arbeiterkammer (AK) gemeinsam mit dem Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO im Februar in Form einer Auswertung des Mikrozensus 2024 der Statistik Austria. Das Fazit war eindeutig: In den allermeisten Fällen ist die Entscheidung für einen Teilzeitjob keine Frage der Work-Life-Balance. „Teilzeitbeschäftigte arbeiten nicht weniger, weil sie faul sind oder aus Spaß, sondern weil sie an ihre Grenzen stoßen“, sagte AK-Präsidentin Renate Anderl bei der Pressekonferenz dazu.
Zahlen aus Österreich: Wie viele Menschen arbeiten in Teilzeit?
In Österreich arbeiteten 2024 mehr als die Hälfte aller Frauen in Teilzeit – genau 51,1 Prozent. Bei den Männern waren es 13,7 Prozent. Insgesamt lag die Quote 2024 bei 31,5 Prozent, ein deutlicher Anstieg gegenüber 2010, als sie noch bei 25,3 Prozent lag. Im Schnitt arbeiteten teilzeitbeschäftigte Frauen 22,2 Stunden pro Woche, Männer in Teilzeit 20,2 Stunden.
„Man kann es als Frau eigentlich nicht richtig machen. Gehst du in Teilzeit, machst du etwas falsch. Tust du es nicht, auch.“
Die Gründe dafür variieren je nach Lebensphase, aber eines zieht sich durch: Es ist selten Bequemlichkeit. Bei Personen unter 30 ist vor allem die Ausbildung der Hauptgrund. In der Altersgruppe der 30- bis 49-Jährigen wird der Unterschied zwischen den Geschlechtern dramatisch: Mehr als jede zweite Frau, aber nur jeder zehnte Mann arbeitet in diesem Lebensabschnitt in Teilzeit. Der entscheidende Faktor: Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen und das trifft in überwältigender Mehrheit Frauen.
Teilzeit wegen Care-Arbeit
Mit Kindern unter 15 Jahren im Haushalt wird Teilzeit für Frauen mit einer Quote von 79,5 Prozent fast zum Regelfall. Martina, 39, Marketingmanagerin und Mutter zweier Kleinkinder, hat das am eigenen Leib erlebt. Nach beiden Geburten kehrte sie direkt nach dem Mutterschutz Vollzeit in ihren Job zurück und ihr Mann ging in Teilzeit. Jetzt, drei Jahre später, schraubt sie auf 32 Stunden zurück. „Ich merke, dass der Job mich viel Kraft kostet und nicht genug fürs Mama sein bleibt.“ Dass die Menschen in ihrem Umfeld diese Entscheidung lebhaft begrüßten, empfindet sie als bezeichnend. „Man kann es als Frau eigentlich nicht richtig machen. Gehst du in Teilzeit, machst du etwas falsch. Tust du es nicht, auch.“
Teilzeitarbeit in Österreich – eine europäische Besonderheit
Besonders auffällig im internationalen Vergleich: Der Anteil der Frauen, die Betreuungspflichten als Grund für ihre Teilzeit nennen, ist in Österreich dreimal höher als im EU-27-Durchschnitt. Das ist keine Frage der Einstellung oder des Wollens – das ist ein strukturelles Versagen. Die Verfügbarkeit von Kinderbetreuungsplätzen variiert in Österreich stark von Bundesland zu Bundesland, und flächendeckend reicht das Angebot schlicht nicht aus, um Eltern – vor allem Müttern – eine echte Wahl zu lassen.
WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr brachte das brachliegende Potenzial auf eine konkrete Zahl: Rund 170.000 Teilzeitbeschäftigte in Österreich möchten ihre Arbeitszeit um durchschnittlich zwölf Stunden pro Woche ausweiten, können aber nicht. „Dafür braucht es vor allem eine flächendeckende, leistbare Kinderbetreuung, den Ausbau von Pflegeangeboten sowie faire Karrierechancen und Arbeitsbedingungen für Teilzeitkräfte“, sagte er. Auch die Wirtschaftskammer Österreich (WKO) teilt diesen Punkt: Der Ausbau der Kinderbetreuung sei dringend nötig.
Wenn Teilzeit das einzige Angebot ist
Neben den Betreuungspflichten zeigt die Auswertung noch etwas, das in der Debatte fast vollständig fehlt: Viele Frauen stehen gar nicht vor der Wahl zwischen Voll- und Teilzeit. Teilzeit ist für sie der einzige Weg in den Arbeitsmarkt. Auch der verbreitete Wunsch, „keine Vollzeit zu wollen“, sei zu hinterfragen, merkte die AK an: Oft fehle die schlichte Möglichkeit, mehr Stunden zu arbeiten.
Sophie, 29, Designerin, ist ein Beispiel für diese unsichtbare Gruppe. Sie würde gern Vollzeit arbeiten, aber ihr Arbeitgeber bietet keine entsprechende Stelle an. Vor viereinhalb Jahren begann sie mit 17 Stunden, inzwischen hat sie auf 29 aufgestockt. „Wenn ich die Diskussion höre, dass Frauen in Teilzeit faul sind, macht mich das wahnsinnig wütend.“ Finanziell kommt sie mit ihrem Partner gut über die Runden – aber das soll nicht die Lösung sein, wie sie selbst sagt. „Ich möchte nicht von meinem Partner abhängig sein. Wäre ich allein, würde es sehr knapp werden.“ Genau diese Abhängigkeit ist für viele Frauen Realität mit langfristigen Konsequenzen für Pension, Absicherung und Autonomie.
Wer nicht einfach mehr leisten kann
Die Debatte über Teilzeit trifft noch eine weitere Gruppe besonders hart: Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht Vollzeit arbeiten können. Jana, 34, Projektleiterin, hat zweimal eine schwere Depression durchgestanden. Die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, war für sie keine Lifestyle-Entscheidung, sondern eine Notwendigkeit. „Es erzeugt das Gefühl von Wertlosigkeit – als wären Menschen, die weniger arbeiten, weniger wert.“ Neben ihrer Hauptanstellung begleitet sie Menschen mit Behinderung bei der Gründung eigener Unternehmen. Trotzdem bleibt die Angst: Was passiert, wenn sie wieder krank wird? Was bedeutet das für ihre Pension?
„Nicht jeder Mensch ist gleich, nicht jeder hat dieselben Voraussetzungen. Viele Menschen haben Vorerkrankungen, einen gewissen Grad an Behinderung, müssen Therapien in Anspruch nehmen. Sie leben mit Schmerzen und Leistungsschwankungen. Ist es faul, wenn man sich neben seiner Arbeit auch noch um sich selbst kümmern muss?“
Was die Zahlen fordern
Die AK hat aus ihrer Auswertung klare Forderungen abgeleitet. Teilzeitkräfte sollen nicht länger als billige „Flexibilitätsreserve“ genutzt werden dürfen. Mehrarbeit müsse ab der ersten Stunde bezahlt werden. Und wer über drei Monate regelmäßig Mehrstunden leistet, soll ein Recht auf Stundenaufstockung bekommen.
Der ÖGB formulierte es strukturell: „Jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit, aber nur jeder achte Mann. Teilzeit ist für viele Frauen keine echte Wahl, sondern eine Folge fehlender Gleichstellung und unzureichender Rahmenbedingungen.“
Eva, 56, war alleinerziehend und hat in dieser Zeit Teilzeit gearbeitet. „Nichts davon war eine Lifestyle Entscheidung, sondern eine wirklich harte Zeit.“ Als ihre Mutter pflegebedürftig wurde, konnte sie das gemeinsam mit ihrer Schwester auffangen – weil beide in Teilzeit waren. Heute engagiert sie sich ehrenamtlich in der Gemeindepolitik. „Es passiert so viel ehrenamtlich in unserer Gesellschaft. Würden all diese Menschen einfach mehr Arbeitsstunden leisten, würde unser System massiv darunter leiden. Doch das sieht niemand.“
