Wie ist es, wenn junge Frauen ein Kind bekommen? Martina, Agnes und Jennifer lernten einander beim Jungmütterstammtisch kennen. Rund 20 Jahre später treffen sie einander mit ihren Töchtern wieder.
„Kennst mi nu?“, grinst Jennifer. „Ja, sicher, lang nimma g’sehn“, lacht Agnes. „Wie lange ist das her? 20 Jahre?“, rätselt Jennifer. Agnes und Martina sehen sich öfter. Kennengelernt haben sich die drei Frauen bei einer Spielgruppe für junge Mütter, die später von Agnes und Martina als „Jungmütterstammtisch“ in Linz fortgeführt wurde.
Vor 23 Jahren berichtete „Welt der Frauen“ unter dem Titel „Wenn Kids Kinder kriegen“ über den Stammtisch und junge Mütter, die zum Teil noch schulpflichtig waren oder mitten in der Ausbildung standen, und fragte: „Können sie liebevolle und verantwortungsbewusste Mütter sein? Wer hilft ihnen in dieser schwierigen Lebenssituation?“ Martina war eine von ihnen. Den Artikel mit dem Foto der drei jungen Mütter, die in fröhlicher Runde mit ihren Kindern auf einem Spielteppich sitzen, hat sie bis heute aufbewahrt. „Möchten Sie wissen, was aus den Kids und deren Kindern geworden ist?“, schrieb sie vor Kurzem an die Redaktion. Es gingen ein paar Mails hin und her, eine Whatsapp-Gruppe wurde eingerichtet und ein gemeinsamer Termin für das Treffen vereinbart.
Aus dem Archiv
Vor mehr als 23 Jahren berichtete „Welt der Frauen“ in der Ausgabe 10/2002 über Jungmütter und deren Herausforderungen. Von links: Agnes, Martina und Jennifer mit ihren Kindern
Die Jungmamas von damals sind heute Frauen in der Lebensmitte: Martina (44), Jennifer (45) und Agnes (48). Ihre Kinder Lara (26), Sara (24) und Laurenz (25) sind inzwischen erwachsen und von zu Hause ausgezogen. Laurenz muss aus beruflichen Gründen absagen, dafür kommt seine zwei Jahre jüngere Schwester Cornelia „Nelli“ (23) mit.
Ein Austausch auf Augenhöhe
„Wenn man jung Mama wird, beschäftigen einen andere Themen als jene, über die Mütter in den klassischen Spielgruppen gesprochen haben – Heirat, Hausbau oder Auto. Unsere Fragen drehten sich um: Mache ich meine Ausbildung fertig? Wie geht das als Berufseinsteigerin mit Kind? Wie schaffen wir das finanziell?“, erinnert sich Martina. „Als sehr junge Mutter wird man oft nicht ernst genommen. Der Jungmütterstammtisch war ein Austausch auf Augenhöhe“, ergänzt Jennifer.
Schlecht gebildet, keine Ausbildung, zu unreif oder schlicht überfordert: Als Teenager-Mama wird man schnell in eine Schublade gesteckt. Diese Erfahrung hat auch Martina gemacht. „Es war sicher eine spezielle Lebensherausforderung“, sagt sie heute. „Aber ich denke, wir und unsere Kinder haben uns an die Situation angepasst und uns damit arrangiert. Wir sind früher selbstständig geworden und vielleicht unsere Kinder dadurch auch.“ Nachsatz: „Ich bin mir allerdings auch bewusst, dass wir die Möglichkeiten und Ressourcen hatten.“
„Herausfordernd war, dass alles gleichzeitig stattfindet – Ausbildung, Eltern-Sein, Beruf – und nicht eins nach dem anderen“, ergänzt Jennifer. Manchmal habe sie sich bei Gleichaltrigen leid gesehen, wenn diese bei ihr „vorglühten“ und dann fortgingen, während sie mit ihrer kleinen Tochter zu Hause gesessen sei: „Inzwischen weiß ich, dass ich nichts versäumt habe.“ Alle drei Frauen haben sehr gute Beziehungen zu ihren mittlerweile erwachsenen Kindern. Die Töchter sind heute in einem Alter, in dem ihre Mütter bereits Mamas waren. Für alle drei ist Nachwuchs kein Thema: „Ich weiß nicht, wie ihr das gemacht habt, ich würde mich total ‚lost‘ fühlen“, meint Nelli.
Von den damaligen Paarbeziehungen hielt nur eine. „Die Challenge war vielleicht zu groß. Ich kann nicht einschätzen, wie es gewesen wäre, wenn wir älter gewesen wären“, reflektiert Martina. Die Jungmütter von damals haben noch weitere Kinder bekommen, die heute im Teenageralter sind. „Wenn sie ausziehen, beginnt für uns ein neuer Lebensabschnitt. Dann können wir ja wieder einen Stammtisch machen“, sagt Martina und lacht. Die Whatsapp-Gruppe wird es jedenfalls weiterhin geben.
Martina und Lara
Martina lebt mit ihrem Partner und den gemeinsamen Söhnen Felix (17) und Fabio (15) in einer Patchworkfamilie. Mit Tochter Lara (26) hat sie zeitgleich studiert.
Martina war 17 Jahre alt, als sie schwanger wurde. Die Schwangerschaft war für sie ein Schock, die Fachschule für Sozialberufe der Caritas brach sie ab. Als Lara zur Welt kam, war Martina 18 und damals noch nicht volljährig. Die junge Mutter musste bei der Kinder- und Jugendhilfe vorstellig werden und Papa Reinhard die Vaterschaft feststellen lassen. Während der Schwangerschaft zog Martina von zu Hause aus und mit dem Vater des Kindes, der den Zivildienst machte, in eine Genossenschaftswohnung. Den Lebensunterhalt finanzierte die junge Familie durch Martinas Kinderbeihilfe, die Beihilfe für studierende Mütter (die deutlich niedriger als das Karenzgeld war, auf das sie als Schülerin keinen Anspruch hatte) und Reinhards Einkommen. Ihre Eltern unterstützten sie bei der Kinderbetreuung und bei Anschaffungen wie einem Herd oder einem Auto. Als Lara ein Jahr alt war, begann Martina, Teilzeit in verschiedenen Jobs zu arbeiten – in einem Spielzeuggeschäft, im Frühstücksservice, als Flüchtlingsbetreuerin, Familienhelferin und im Gemeinwesen.
Nach der Trennung von Reinhard gründete sie mit Freundin Agnes eine Familien-WG. Die beiden Familien teilten sich Küche, Bad und Garten, darüber hinaus hatte jede ihren eigenen Wohnbereich. Diese Wohnform hatte nicht nur finanzielle und soziale Vorteile, sondern erleichterte auch die Kinderbetreuung.
Heute lebt Martina mit ihrem Partner René und den gemeinsamen Söhnen Felix (17) und Fabio (15) in einer Patchworkfamilie. Renés Tochter Mira (29) wohnt mittlerweile in Portugal.
Martina leitet ein Jugendzentrum und den Treffpunkt „mensch & arbeit“ in Rohrbach. Sie hat die Studienberechtigungsprüfung absolviert und nach dem Kolleg für Sozialpädagogik noch den Master angehängt, den sie mit 40 abschloss. Mutter und Tochter studierten damals zeitgleich in St. Pölten. Lara hat ein abgeschlossenes Masterstudium in Kunst und Kulturmanagement, derzeit studiert sie Gender Studies und schreibt für ein Kunstmagazin.
„Es ist fein, dass es für unsere Söhne auch noch andere Erwachsene in der Familie gibt und nicht nur uns Eltern.“
Die Mutter-Tochter-Beziehung bezeichnet Lara als eng. „Wir sehen uns regelmäßig, ich komme oft nach Oberösterreich. Ich glaube, weil mir Mama altersmäßig näher ist, versteht sie mich besser.“ „Unsere Beziehung ist sehr natürlich“, sagt Martina. „Lara ist erwachsen, sie lebt in Wien. Über Kontakt freue ich mich, aber ich will sie nicht überstrapazieren. Für ihre Brüder ist Lara ein großes Vorbild. Es ist fein, dass es für unsere Söhne auch noch andere Erwachsene in der Familie gibt und nicht nur uns Eltern.“
Mutter und Tochter teilen die gemeinsame Leidenschaft für Kunst und Kultur. „Wir gehen gerne ins Museum, ins Kino oder ins Theater und wir tauschen Bücher“, erzählt Lara. „Beide sind wir sehr zielstrebig und wissbegierig, wir arbeiten auch in ähnlichen Bereichen, ich eher theoretisch und die Mama praktisch.“ Und die Unterschiede? „Ich bin ruhiger und nicht so viel unterwegs wie die Mama“, lacht sie. Nächstes Jahr plant Lara ein Auslandssemester in Japan. Ihre Mutter möchte sie dort besuchen.
Agnes und Nelli
Agnes hat vier Kinder, Laurenz (25), Nelli (23), Esther (16) und Vinzent (14), und ist verheiratet. Mit Tochter Nelli verbindet sie einiges.
Agnes war erst neun Monate mit ihrem Freund zusammen, als sie schwanger wurde. „Ich habe mich sehr jung gefühlt und war die Erste in meinem Bekanntenkreis“, erinnert sie sich. „Ich bin das dritte von fünf Kindern, meine Mama hat sich schon Enkelkinder gewünscht und sich sehr gefreut.“ Das Kolleg für Grafikdesign schloss Agnes mit Babybauch ab. Während der Schwangerschaft zog sie mit Freund Roland zusammen, zwei Jahre nach Sohn Laurenz kam Tochter Nelli zur Welt.
Agnes arbeitete als Grafikerin und teilte sich mit Roland Erwerbs- und Care-Arbeit auf: „Wir haben uns gut ergänzt und geschaut, dass es für beide passt.“ Und sie ergänzt: „Wir haben uns immer zusammengestritten, an uns gearbeitet und uns sehr mögen. Wir sind beide Familienmenschen und genießen unser gemeinsames Leben.“ Seit 15 Jahren sind sie verheiratet.
Anfang 30 verspürte das Paar noch einen Kinderwunsch – heute machen Esther (16) und Vinzent (14) die Familie komplett. Agnes hat Kulturwissenschaften studiert und arbeitet Teilzeit als Grafikerin in einem Kulturbetrieb der Stadt Linz, darüber hinaus ist sie Fitnesstrainerin.
„Wir gehen auch gerne gemeinsam auf Konzerte und treffen uns manchmal beim Fortgehen, weil wir in ähnlichen Lokalen unterwegs sind.“
Welchen Unterschied macht es, ob man mit 20 oder mit 30 Mutter wird? „In der ersten Schwangerschaft war ich sehr sorglos und umtriebig, ich bin auch mit Megakugel kurz vor dem Geburtstermin noch fortgegangen. Ich hatte viel Energie. In den 30ern war ich besorgter und rascher müde.“
Mit Tochter Nelli hat Agnes nicht nur die Naturlocken gemeinsam. „Wir sind beide sehr offen und flexibel, allerdings sind wir ein bisschen chaotisch“, sagt Agnes. Tochter Nelli nickt: „Die Offenheit haben wir auf jeden Fall gemeinsam. Mama ist sehr neugierig, das nervt manchmal. Als ich nach der Matura nicht wusste, was ich machen soll, hat sie mir sämtliche Möglichkeiten vorgeschlagen, das hat mich gestresst.“ Heute studiert Nelli Lehramt Technik und Design an der Kunstuniversität Linz und jobbt als Kellnerin.
Das Interesse für Kultur und das gemeinsame Musikmachen verbindet Agnes mit ihren Kindern: „Laurenz spielt mit der Ukulele, Nelli und ich singen zweistimmig. Wir gehen auch gerne gemeinsam auf Konzerte und treffen uns manchmal beim Fortgehen, weil wir in ähnlichen Lokalen unterwegs sind.“
Jennifer und Sarah
Jennifer hat zwei Töchter, Sarah (24) und Paula (16), und ist in zweiter Ehe verheiratet. Mit Sarah hat sie nicht nur das Interesse für Kulinarik gemeinsam.
Kurz vor ihrem 21. Geburtstag wurde Jennifer schwanger. Zwei Wochen nach der Diplomierung als Gesundheits- und Krankenpflegerin kam Tochter Sarah zur Welt. „Damals wurde darüber diskutiert, ob ich als Hochschwangere zur Prüfung zugelassen werde.“
Als Sarah acht Monate alt war, begann Jennifer wieder, 30 Stunden zu arbeiten, Sarahs Papa ging für drei Monate in Karenz. Jennifer machte vorwiegend Nachtdienste, um tagsüber bei ihrer Tochter sein zu können. „Ich habe Sarah um 7.30 Uhr in die Krabbelstube gebracht, dann habe ich geschlafen und zu Mittag habe ich sie wieder abgeholt“, erzählt sie. Ihre Schwiegermutter, die kurz vor der Pensionierung stand, unterstützte bei der Kinderbetreuung, ihre eigene Mutter war selbst noch im Berufsleben. Diese war 16 Jahre jung, als Jennifer zur Welt kam, und wurde somit bereits mit 37 Jahren Oma.
Jennifer steht seit ihrem 17. Lebensjahr auf eigenen Beinen. „Meine Eltern sind ausgezogen, sie haben ein Haus gebaut, und ich bin in der Wohnung geblieben.“ Mit der Kinderbeihilfe, den Alimenten und Nebenjobs finanzierte sie ihren Lebensunterhalt: „Ich habe immer schauen müssen, dass es sich ausgeht.“ Jennifer arbeitete neben dem Krankenhaus auch im Restaurant von Sarahs Vater, machte die Abendmatura und etliche Weiterbildungen: zur geriatrischen Fachkraft, Fachkraft für Palliativpflege, als Demenz- und Kontinenz- und Stoma-Beraterin. Darüber hinaus studierte sie Hochschuldidaktik für Gesundheitsberufe. Seit 2021 leitet sie die Schule für Gesundheits- und Krankenpflege am Kepler Uniklinikum Linz.
„Ich habe Mama erwachsen werden gesehen.“
Jennifer ist in zweiter Ehe verheiratet, ihre zweite Tochter Paula wohnt noch zu Hause, Tochter Sarah lebt in Wien. Mit 24 leitet Sarah bereits zwei Restaurants: „Die Gastro ist in meinem Blut“, lacht sie. „Wir sind uns sehr ähnlich“, beschreibt sie die Mutter-Tochter-Beziehung. „Meine Mama ist ein großes Vorbild für mich. Sie macht allerdings immer viel zu viel, das ist cool, erzeugt aber auch Druck.“ „Sarah kann super organisieren, da sind wir uns sehr ähnlich“, betont Jennifer. Auch das Interesse für Kulinarik und fürs Kochen verbindet die beiden. „Wir kochen gerne gemeinsam und haben uns schon für kommendes Weihnachten ein achtgängiges Menü überlegt.“
Aus heutiger Sicht findet sie es „unglaublich cool“, so jung Mutter geworden zu sein. „Wir haben ein anderes Verständnis füreinander, weil der Altersunterschied nicht so groß ist, und wir unternehmen auch andere Sachen miteinander: Wenn ich in Wien bin, gehen wir auch mal in einen Club.“ Und sie erzählt lachend von einer Ausweiskontrolle, bei der sie wie ihre Tochter nach dem Ausweis griff und der Türsteher die Augen verdrehte: „Das war so peinlich!“
„Ich habe Mama erwachsen werden gesehen“, resümiert Sarah und erinnert sich noch daran, wie sie ihre Mutter aufforderte, sie möge zum Elternsprechtag etwas Passendes anziehen, damit man ihre Tätowierung nicht sieht.
