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Tarnen und Taufen

Schon Wochen vor der Taufe bin ich nachts wach gelegen und habe mich gewundert, wie das alles funktionieren soll. Vor meinem inneren Auge haben sich Horrorszenarien abgespielt von unserem während der ganzen Taufe und Feier bitterlich schreienden Kind, einer Horde unzufriedener Verwandter, die sich beschweren, weil es kein Schnitzel beim Wirt gibt, sondern eine Agape mit Brötchen und Torte im Pfarrsaal, vorwurfsvollen Blicken und jeder Menge unaufgeforderter Erziehungstipps. Ich gebe zu, das ist eigentlich ziemlich mies, unseren Familien so ein Verhalten zuzutrauen, aber im Stress und in der Dauermüdigkeit hatten sich meine eigenen Ängste und Bedenken halt zu einer kohlrabenschwarzen Perspektive verdichtet, die mir wie ein unverdauter Klumpen im Magen lag. Auch die erste große Zugreise hat meine Stirn in Sorgenfalten gelegt. Würde unser Schreizwerg den ganzen Wagon durch seine Stimmbandperformances in Schach halten? Würde es zum Eklat mit ruhebedürftigen PensionistInnen und Geschäftsreisenden kommen?

Unser Sohn wurde am Weg zur Kirche vertauscht. Statt eines leicht aus der Ruhe zu bringenden, anspruchsvollen, lauten Tragebabys lag plötzlich ein zufriedener, dauermüder Säugling im Leihkinderwagen, der die ganze Taufe und sogar fast die ganze Feier ohne einen Ton von sich zu geben erduldete. Sogar als Wasser über sein Haupt geschüttet wurde und er später von einigen begeisterten Verwandten mit ausgeprägtem Enkelwunsch dauergetragen wurde, konnte das seine Laune nicht trüben. Wer bist du und was hast du mit unserem kleinen Rabauken gemacht? Als kurz vor Ende der Feier dann zu allem Überfluss noch ein doppelter Regenbogen über der Kirche erschien, musste ich vor lauter Erleichterung und Übermut laut auflachen. Irgendwer, irgendwas oder irgendein Zufall hat uns die schönste Taufe, die ich mir hätte vorstellen können, beschert und ich bin so dankbar für diesen herrlichen Tag und dafür, dass unser Schätzchen seinen Fanclub wieder deutlich vergrößern konnte.

Einziger Wehrmutstropfen ist, dass ich von nun an in der Verwandtschaft nicht mehr mit Baby-Räubersgeschichten à la „unser Zwerg schreit die ganze Zeit“ oder „ich komme zu nichts, nicht einmal Schlaf“ hausieren gehen kann, weil die vorprogrammierte Reaktion unseres für einen Tag als Schlafbaby getarnten Zuckerschatzes vermutlich sein wird: „Ach geh’, er ist doch eh so brav!“