Von der Pflichtaufgabe im Unterricht zum Hobby: Stricken wird heute als kreative Freizeitaktivität geschätzt – nicht zuletzt wegen seiner positiven Auswirkungen auf die Gesundheit.
Wie ging das gleich noch mal? Mit gerunzelter Stirn sitze ich vor dem rosa-lila-blau gefärbten Wollknäuel und fünf Stricknadeln. Zunächst muss ich mithilfe einer Nadel in der einen Hand die neuen Maschen an der anderen Hand aufnehmen – daran erinnere ich mich. Aber wie wickelt man den Faden richtig um die Finger? Nachdem die ersten Versuche gescheitert sind, greife ich zum Handy und suche auf der Plattform YouTube nach einer Anleitung. Wenn das meine Oma erfährt! Noch vor wenigen Tagen habe ich mich bei ihr am Sonntagstisch an einem bereits begonnenen Strickwerk – Socken, um genau zu sein – versucht. Auslöser dafür war mein neuer Selbstversuch, denn ich hatte erfahren, dass Stricken den alltäglichen Stress reduzieren und Entspannung fördern soll.
Und tatsächlich: Nach nur wenigen Maschen merkte ich, dass mein sonst sehr aktives Gedankengewusel ruhiger wurde. Nachdem ein erster Beweis gelungen war, marschierte ich einige Tage später in ein Handarbeitsgeschäft in Linz, suchte Wollknäuel und Nadeln aus – und landete schließlich hier. Bei dem kläglichen Versuch, tatsächlich mit einem eigenen Werk zu beginnen. Erst nach ein paar Minuten und eingehendem Videostudium funktioniert es wieder. Erneut nehme ich fasziniert wahr, wie mit jeder Masche Ruhe einkehrt.
Stricken wirkt entspannend, besagt die Wissenschaft
Die entspannende Wirkung und gesundheitlichen Vorteile der Handarbeitstechnik sind wissenschaftlich belegt. Eine Studie aus Schweden ergab, dass Stricken Menschen mit psychischen Problemen helfen kann. Aus 600 ausgewerteten Beiträgen eines internationalen Forums, in dem sich Strickbegeisterte über ihr Hobby austauschen, wurden folgende wesentliche Aspekte ermittelt: Stricken hilft bei der Entspannung, gibt Menschen eine Identität, lässt sie mit anderen in Kontakt treten und kann Struktur ins Leben bringen. Eine kanadische Studie berichtet außerdem von positiven Wirkungen bei Menschen mit Essstörungen. Drei Viertel der Studienteilnehmer:innen erzählten von der beruhigenden Wirkung und berichteten, dass sich ihre Ängste und Gedanken rund um die Erkrankung verringerten. Dass Menschen, die sich kreativ betätigen – durch Stricken oder andere Aktivitäten um 30 bis 50 Prozent weniger an kognitiven Beeinträchtigungen leiden, wies indes eine amerikanische Studie nach. Laut den Forscher:innen liege dies daran, dass die Technik das Entstehen neuronaler Verbindungen fördern und verstärken soll.
Die Kraft der Gestaltung
Der Klinische Psychologe und Psychotherapeut Gerhard Blasche, der am Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien tätig ist, erklärt den positiven Effekt unter anderem anhand der sogenannten Selbstbestimmungstheorie. „Diese besagt, dass wir drei psychologische Grundbedürfnisse besitzen: das Bedürfnis nach Autonomie – nach eigenen Überzeugungen handeln zu können –, das Bedürfnis nach Kompetenz, also etwas zu tun, das uns bestätigt, und das Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit. Eine Aktivität, die diesen Bedürfnissen entspricht, steigert das Wohlbefinden. Stricken spricht vor allem das Bedürfnis nach Kompetenz an: Ich schaffe etwas und sehe unmittelbar das Ergebnis. Doch auch die anderen Elemente kommen zum Tragen: Ich kann stricken, was ich möchte, bin also nicht fremdbestimmt und komme dadurch vielleicht auch noch in Kontakt mit Gleichgesinnten.“
