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Strafe muss nicht sein

Erziehung ohne Bestrafen und auch ohne Wenn-dann-Sätze: Geht das überhaupt? „Ja, das geht“, sagt die Pädagogin Katharina Saalfrank. Sie erklärt, warum Strafen nicht hilft, Belohnungen überflüssig sind und wie Eltern bindungs- und beziehungsorientiert erziehen können.

Lisa, es gibt gleich Essen, kommst du bitte und räumst vorher noch deine Spielsachen aus dem Wohnzimmer?“, sagt der Vater. „Gleich“, murmelt Lisa (7) und spielt weiter. Lisas Vater wird ungeduldig und laut, es kommt wie fast jeden Abend zum Streit. Schließlich räumt er selbst die Spielsachen zur Seite. „Wenn du nicht hörst, hab ich nachher auch keine Lust, ein Buch mit dir zu lesen.“ Lisa rennt in ihr Zimmer, wirft sich wütend aufs Bett und weint. Erst unter gutem Zureden der Mutter kommt sie zum Abendessen. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt, und die Eltern fühlen, dass sie versagt haben. Am nächsten Abend wird es wieder Ärger geben.

Katharina Saalfrank, Pädagogin und Mutter von vier Söhnen, kennt viele solcher Geschichten. Sieben Jahre lang gab sie in der RTL-Sendung „­Super Nanny“ Familien in schwierigen Situationen Erziehungstipps. Nun hat sie das Buch „Kindheit ohne Strafen“ (Beltz Verlag) geschrieben. Warum sollten Eltern auf Bestrafungen verzichten? „Strafen beschädigen das Vertrauen und belasten die Eltern-Kind-Beziehung unnötig“, sagt Katharina Saalfrank. Kurzfristig mögen Strafen Erfolg zeigen: Aus Angst pariert das Kind. Auf Dauer nimmt das unerwünschte Verhalten jedoch nicht ab, sondern eher zu. Durch Bestrafung nutzt der Erwachsene seine Autorität aus, und das Zusammenleben wird zum Machtkampf.

DIE WENN-DANN-KEULE
Um in diesem Kampf das Kind doch noch – zum Beispiel – zum Aufräumen zu bewegen, greifen Eltern oft zur Wenn-dann-Keule: „Wenn du nicht aufräumst, darfst du nicht fernsehen.“ Das klappt meistens gut. Das Kind stöhnt kurz, trabt schließlich in sein Zimmer und räumt die Spielsachen auf. Saalfrank weist auf die Beziehungsebene zum Kind hin: Wenn-dann-Sätze setzten Kinder unter Druck und seien rechtlich gesehen schlicht Nötigung. Aus ihren Beratungen weiß die Pädagogin, dass auch Kinder diese Strategien übernehmen und ihren Eltern drohen: „Wenn du mir keine Geschichte vorliest, gehe ich nicht ins Bett.“

Und irgendwann werden dem Kind die Strafen egal sein, und es verzichtet dann halt eher auf das Fernsehen, „als sich noch länger von den Eltern erpressen zu lassen“, sagen Katja Seide und Danielle Graf, die den Blog „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ betreiben und Elternratgeber schreiben. Je öfter Eltern ihre Machtposition ausnützen, um das Kind zu etwas zu bewegen, desto mehr setzt sich unbewusst beim Kind der Gedanke fest, dass von ihm wohl nicht erwartet wird, dies freiwillig zu tun.

Katja Seide – sie arbeitet als Sonderpädagogin – und Danielle Graf wie auch Katharina Saalfrank vertreten einen kooperativen Erziehungsstil in einer Linie etwa mit dem Schweizer Kinderarzt Remo Largo oder dem dänischen Pädagogen und Familientherapeuten Jesper Juul. Sie postulieren, dass Kinder grundsätzlich Teamworker seien, die mit Erwachsenen zusammenarbeiten wollten. Kinder verweigerten sich nicht, um uns zu ärgern, betont auch Katharina Saalfrank, sondern weil sie nicht anders könnten. Und das geschehe vor allem aus zwei Gründen: Wenn sie gekränkt und ihre Bedürfnisse missachtet werden oder weil sie überfordert sind. Dann schreien sie oder werden aggressiv, weil sie vielleicht noch nicht die Worte haben, um ihre Gefühle zu benennen. Um diese ausdrücken zu können, brauchen Kinder die Hilfe von Erwachsenen, die ihnen zeigen, wie sie ihre Gefühle benennen können. Zum Beispiel: „Du ärgerst dich gerade gewaltig.“

Lesen Sie den gesamten Text in der Printausgabe.

Katharina Saalfrank:
Kindheit ohne Strafen: Neue wertschätzende Wege für Eltern, die es anders machen wollen.
Beltz Verlag, 18,50 Euro

Katja Seide, Danielle Graf:
Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn.
Beltz Verlag, 17,50 Euro.

Foto: Adobe Stock

Erschienen in „Welt der Frauen“ 09/18