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Der Kirschbaum war meine Bühne

Der Geschmack meiner Kindheit: Stefanie Werger über eine behütete Kindheit, die Liebe zur steirischen Hausmannskost und Erinnerungen an die Lieblingshenne.

In unserem Haus in Pichling bei Köflach gab es einen großen Garten mit Gemüse und Obstbäumen. Wir mussten zwar sparsam leben, aber die Mama bewies großes Geschick dabei, alles zu verarbeiten. Das „Garteln“ war ihr ganzer Stolz, es gab immer reichlich Kartoffeln, Käferbohnen, Brokkoli, Salat und Beeren. Sie züchtete auch Hendln und Hasen. Unser klassisches Sonntagsessen war Backhendl mit Erdäpfel- und Gurkensalat. Für die Kaninchen konnte ich mich nicht begeistern, das Fleisch war mir meistens zu trocken.Als kleines Mädchen hatte ich eine Lieblingshenne. Wenn ich nach ihr rief, kam sie sofort und hockte sich vor mir hin. Ich nahm sie auf den Arm und spazierte mit ihr durch den Garten. Ihr Ende war ein Schock für mich: Der Nachbar erschlug sie mit einem Stein, weil sie durch den kaputten Zaun in seinen Garten kam.
Ich wuchs mit typisch steirischer Hausmannskost auf. Die einfachen, deftigen Speisen mochte ich besonders gerne, zum Beispiel in Schmalz ausgebackenen Roggenkrapfen mit Erdäpfeln und Speck. Brot kauften meine Eltern meist direkt bei den umliegenden Bauern, und wenn dort gerade geschlachtet wurde, erwarben sie auch einmal eine halbe Sau. Beuschel, Leber und andere Innereien aß ich gerne, nur den Bluttommerl mochte ich gar nicht. Auch Grießkoch oder Milchreis löffelte ich nur zögerlich, viel lieber wäre mir ein Pudding gewesen. Mit 13 Jahren genoss ich mit meiner Mama in Italien die erste „Pasta asciutta“, als wir während der Ferien in einem Touristencamp in Lignano arbeiteten.
Wir lebten recht naturverbunden. Im Frühling suchte ich jungen Röhrlsalat, im Sommer gab es oft Schwammerln – Papa und Opa waren leidenschaftliche Sammler –, und ich ging mit meiner Schwester in den Wald, um Schwarzbeeren zu brocken. Daraus machte die Mutter Marmelade oder Schwarzbeerstrudel. Eis war noch etwas Besonderes. Ich bekam zehn Schilling Taschengeld für die Schulmilch. Es kam schon vor, dass ich mir um das Geld statt Milch in der Konditorei Eis oder Zuckerln kaufte. Bei meinen Freundinnen gab es zur Geburtstagsparty immer französischen Salat, der uns allen sehr schmeckte. Mutter backte jede Woche einen Kuchen oder eine Torte, die Nuss­potitze war ihre Spezialität.
Als ich ungefähr zehn war, sagte sie: „Du musst jetzt auch kochen lernen.“ Ich kochte dann manchmal am Sonntag, was ich so von meinen Eltern abgeschaut hatte, einfache Hausmannskost. Als ich das erste Kochbuch las, gab es von mir als Überraschung köstliche Punschkrapferln und Marmorkuchen.
Ich habe immer gerne gekocht und gebacken, weil ich halt auch gern gegessen habe. Wenn die Kirschen reif waren, turnte ich auf dem Kirschbaum herum und sang laut. Meine Mutter schämte sich, weil die Leute auf der Straße stehen blieben und lachten. Aber mir war das wurscht, denn ich hatte eine Riesengaudi da oben auf meiner selbst erkorenen Bühne mit Kirschenjause._

Die in Graz lebende Künstlerin ist eine Ikone der österreichischen Rock- und Popmusik. Die Sängerin, Musikerin und Kabarettistin hat auch zahlreiche Bücher verfasst.

Foto: Inge Prader

Erschienen in „Welt der Frauen“ 04/19

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