Der mittlerweile pensionierte Hausarzt Erwin Rebhandl aus Haslach an der Mühl ist ein Pionier des Social Prescribing in Österreich. Im Interview gibt er Einblicke in diese innovative Methode.
Wie wird Social Prescribing praktiziert?
In der Hausarztpraxis ist es wichtig, nachzufragen und zu erkennen, ob Menschen auch soziale Probleme haben. Es kann sich dabei um Einsamkeit, belastende familiäre Situationen, Beziehungs- und Arbeitsplatzprobleme, finanzielle Probleme und so weiter handeln. Und dann muss man dem aktiv nachgehen, also genauer nachfragen, weil die Betroffenen oft nicht von selbst davon erzählen.
Wie stellt man eine dahin gehende Problematik und einen Handlungsbedarf fest?
Das ergibt sich hauptsächlich aus der Anamnese. Aus Studien weiß man etwa, dass gerade Einsamkeit ein starker Faktor für das Auftreten oder die Verschlechterung von Erkrankungen ist. Wenn man das erkennt, muss man den Menschen gezielt soziale Angebote vermitteln, mit denen sie aus dem negativen Kreislauf herauskommen.
Wie haben Sie Ihre Patient:innen dabei erlebt?
Die Reaktionen waren durchwegs positiv. Die Menschen waren oft regelrecht erleichtert, wenn man sie auf soziale Probleme angesprochen und sie dabei unterstützt hat, eine Lösung zu finden. Die Fachleute mit Link-Work-Funktion kümmern sich dann um die Bedürfnisse der Person, damit diese sich wieder besser sozial integrieren kann. Gerade depressive Menschen haben damit oft Schwierigkeiten.
„Die Menschen, die teilnehmen, leben wieder auf, sind wieder in die Gemeinschaft integriert und gehen dann auch wieder von selbst ,unter die Leute'.“
Welche sozialen Angebote werden „verschrieben“?
In Haslach spielen ältere Menschen im Rahmen eines Freifaches in der Mittelschule mit Schüler:innen Schach. Social Prescribing wirkt also auch generationenübergreifend. Und es gibt Wander- und Kochgruppen. Die Gruppe „Rüstig statt rostig“ für Menschen mit mäßiger Mobilitätseinschränkung arbeitet mit einem Programm, das mit Physiotherapeut:innen und Ärzt:innen entwickelt wurde. Die soziale Komponente des Zusammenkommens und des Austausches ist bei allen Angeboten sehr wichtig und immer integriert. Das funktioniert hervorragend, die Teilnehmer:innen kommen nach jedem Treffen begeistert heraus.
Von wem werden diese Netzwerke getragen?
In Haslach haben wir das Vorzeigeprojekt GES.UND, eine Kooperation mit PROGES und dem Gesundheitszentrum. Die Mitarbeiter:innen übernehmen die Aufgabe des Link-Workings, also die Brückenbaufunktion zwischen medizinischer Versorgung, Gesundheitsförderung und sozialen Aktivitäten, und entlasten damit die Ärzt:innen. Ehrenamtlich engagieren sich vorwiegend Frauen, und Frauen sind auch unter den Nutzer:innen der Angebote in der Mehrheit. Aber wir haben auch großartige Erfahrungen mit Angeboten wie „Yoga für Männer“.
Kann dieses Modell zur Entlastung des Gesundheitssystems beitragen?
Absolut. In England wurde nachgewiesen, dass besonders einsame Menschen, jene mit chronischen Krankheiten, in Arbeitslosigkeit oder mit anderen sozialen Problemen dadurch große Vorteile haben: Sie müssen weniger oft zum/zur Ärzt:in, benötigen weniger therapeutische Angebote und auch weniger Psychotherapie. Es wurde ausgerechnet, dass ein in soziale Aktivitäten investiertes Pfund zwei bis acht Pfund an Einsparung im Gesundheitssystem bewirkt. Die Menschen, die teilnehmen, leben wieder auf, sind wieder in die Gemeinschaft integriert und gehen dann auch wieder von selbst „unter die Leute“ oder zu Aktivitäten, zu denen sie sich davor nicht überwinden konnten.
Lesen Sie mehr zum Thema
Für die Sommerausgabe von „Welt der Frauen“ hat Chefredakteurin Melanie Wagenhofer mit zwei weiteren Expertinnen und einer Patientin über Social Prescribing gesprochen. Lesen Sie den Beitrag auch online – unter diesem Link.
