Die Pensionistin Christine Gierlinger nimmt an zwei Programmen im Rahmen von Social Prescribing teil. Hier erzählt sie, wie ihr das Angebot dabei hilft, unter Leute zu kommen.
Ich bin 88 Jahre alt und war vor meiner Pension als Lehrerin, später als Volksschuldirektorin in Haslach tätig. Auch mein Mann war Lehrer, Schuldirektor und einige Zeit Bürgermeister. Wir waren oft unter Menschen und hatten viele Kontakte. Als mein Mann 2022 starb, war das Alleinsein zunächst ungewohnt für mich. Seit seinem Tod wohne ich im unteren Teil des Zweifamilienhauses, oben lebt mein Schwiegersohn. Dessen Ehefrau, meine jüngste von drei Töchtern, starb heuer im Juli. Ich möchte mich aber nicht zurückziehen, im Gegenteil: Ich suche weiterhin die Gesellschaft anderer – und dabei hilft mir auch das Angebot des Social Prescribing.
Auf das Programm bin ich über meinen Arzt aufmerksam geworden. In der Ordination von Dr. Rebhandl erzählte mir seine Ehefrau, die ebenfalls dort arbeitet, vom Erinnerungscafé und lud mich ein, einmal vorbeizuschauen. Das Café findet jeden ersten Mittwoch im Monat statt und wird von zwei Frauen geleitet. Eine davon, Julia Commenda, war früher sogar meine Schülerin.
Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Mittlerweile freue ich mich aber jedes Mal darauf. Wir erzählen aus unserem Leben, erinnern uns an frühere Urlaube, Wanderungen und andere Erlebnisse und kommen dabei oft auf Dinge zu sprechen, die schon lange zurückliegen. Beim Erinnerungscafé darf es nicht nur um schöne Erinnerungen gehen, sondern genauso um etwas, das einem Sorgen bereitet.
Erinnerungen, die aufleben
Ich bringe mich dort gerne ein und lese fast jedes Mal ein passendes Gedicht vor. Einmal habe ich eines in Mundart von Hedy Grinninger aus Rohrbach mitgebracht. Danach haben wir darüber gesprochen, welche Begriffe wir noch kennen und welche heute vielleicht schon verschwunden sind. Aus dem Gedicht ist so ganz nebenbei ein Gesprächsthema entstanden.
Hauptsächlich kommen Frauen zum Erinnerungscafé. Damit auch jedes Mal viele teilnehmen, haben wir eine Rufkette eingerichtet: Eine ruft die andere an und erinnert sie daran, am Mittwoch vorbeizukommen.
„Im Alter braucht man nicht nur medizinische Versorgung, sondern auch Gelegenheiten, sich auszutauschen.“
Alleine zu leben stört mich grundsätzlich nicht. Wenn etwas passiert, kann ich jederzeit jemanden anrufen. Ich habe außerdem einen Notfallknopf, den ich aber zum Glück noch nie gebraucht habe. Zu Hause lese ich viel – Zeitung, Bücher, Kalender und natürlich „Welt der Frauen“, die mir meine Tochter jährlich als Abonnement zu Weihnachten schenkte. Außerdem interessiere ich mich besonders für Geschichte, so besuchte ich zum Muttertag mit meinen Kindern zwei Ausstellungen in Linz, „Made in Linz“ und „Bauernkrieg 1626“.
Gemeinschaft leben
Neben dem Erinnerungscafé nehme ich noch an einem zweiten Angebot im Rahmen von Social Prescribing teil: dem Literaturfrühstück, zu dem jede:r einen Text oder ein Buch mitbringt. Fürs nächste Mal habe ich eines über den Hornisten Felix Klieser vorbereitet. Er wurde ohne Arme geboren und spielt sein Instrument mit dem Fuß. Ich habe ihn einmal bei einem Konzert im Brucknerhaus gesehen – das war ein tolles Erlebnis! Nun freue ich mich darauf, dieses Buch den anderen vorzustellen.
Ich glaube, der Wert dieser Angebote liegt darin, dass es einen Anlass gibt, aus dem Haus zu gehen, und zugleich etwas, worauf ich mich freuen kann. Ich kann eigene Interessen und Erfahrungen einbringen, entdecke neue Gesprächsthemen und lerne andere Menschen kennen. Ich finde es wichtig, dass es solche Projekte gibt. Im Alter braucht man nicht nur medizinische Versorgung, sondern auch Gelegenheiten, sich auszutauschen, Interessen zu teilen und Teil einer Gemeinschaft zu bleiben. Man sollte sich nicht abschotten.
Rezept gegen Einsamkeit: Was Social Prescribing bewirkt
Lesen Sie unter diesem Link mehr zum Thema Social Prescribing. In der Sommerausgabe von „Welt der Frauen“ hat Print-Chefredakteurin Melanie Wagenhofer zu diesem Thema recherchiert und auch mit dem ehemaligen Hausarzt Erwin Rebhandl gesprochen (hier erfahren Sie mehr).
