Cordsofa, Echtholztisch und überall Pflanzen: Viele Wohnräume sind heute ähnlich eingerichtet. Ein Grund dafür sind Netzwerke wie Instagram und Pinterest, weiß Architektin und Forscherin Bernadette Krejs.
Perfekt drapierte Tagesdecken, kunstvolle Dekoration und leere Wohnzimmertische: Bei den allermeisten Inszenierungen der eigenen vier Wände auf Instagram stellt sich schnell die Frage „Wohnt hier tatsächlich jemand?“. Wie diese makellosen Bilder unser eigenes Wohnen prägen, hat sich Architektin und Forscherin Bernadette Krejs genauer angeschaut und uns im Interview mehr darüber erzählt.
Welchen Einfluss haben Instagram und Co. darauf, wie wir wohnen?
Einen sehr großen, weil Social Media und andere Plattformen unseren Alltag mittlerweile stark durchdrungen haben. Instagram ist eine Foto-Sharing-App, hier stehen Bilder stark im Vordergrund, die uns prägen. In meiner Forschung habe ich mich mit Home- und Interior-Accounts beschäftigt und damit, wie diese Bildwelten das Wohnen mitverändern.
Wie sieht Wohnen à la Instagram aus?
Die Bildwelten, die dort vorgestellt werden, sind uns allen vertraut, sie begegnen uns in unterschiedlichen Medien. Die Oberflächen können variieren, aber die oft in Beige- und Grautönen mit viel Weiß ausgeleuchteten Räume, die ein aufgeräumtes und meist normatives Wohnen zeigen, repräsentieren Idealvorstellungen von Wohnen, die sich über die Plattform global ausbreiten.
Welche Gefahren bergen diese Darstellungen?
Die gezeigten Wohnräume sind oft Bühnen, auf denen Wohnen als Konsum oder Lifestyle propagiert wird. Leistbares und gutes Wohnen, diese Grundrechte, werden aus den ästhetisierten Wohnbildwelten auf Instagram ausgeklammert. Wohnen wird als perfekter Zustand mit austauschbaren Oberflächen gezeigt. Wohnen ist aber viel komplexer, mit unterschiedlichen Formen von Arbeit wie Hausarbeit oder Care-Arbeit verbunden und auch ein Schauplatz von Konflikten und Gewalt.
„Frauen werden oft als perfekte Mütter und Hausfrauen oder als Dekoexpertinnen, die sich um das Zuhause kümmern, dargestellt.“
Was bedeutet das speziell für Frauen?
Populäre Home- und Interior-Accounts auf Instagram zeigen sehr konventionelle und normative Wohnformen, vor allem, was Geschlechterrollen angeht. Frauen werden oft als perfekte Mütter und Hausfrauen oder als Dekoexpertinnen, die sich um das Zuhause kümmern, dargestellt. In diesen Bildwelten bleibt wenig Platz für andere Formen des Zusammenlebens sowie diverse Rollenbilder.
Gibt es Beispiele für inszeniertes Wohnen auf Instagram?
Die McGhees, eine Familie aus Utah, bedienen gleich mehrere Plattformen, neben dem Instagram Account gibt es auch die sehr erfolgreiche Netflix die Show „The Dream House Makeover“. Die Bildwelten, die vorgestellt werden, sind uns allen sehr vertraut: Beigetöne, Grautöne, viel Weiß, ausgeleuchtete Räume. Wie die Häuser in die restliche (Stadt)struktur eingebunden sind beleibt oft unklar, ebenso über wieviel Wohnfläche die Bewohner:innen überhaupt verfügen. Ich habe auch einen Account aus Texas untersucht, die Protagonistin erzählte in einem Interview, dass sie gar nicht mehr mit ihrer Familie in dem Haus wohnen kann, weil das tatsächliche bewohnen die Bildinhalte stören würde. Die auf erfolgreichen Home Accounts gezeigten Häuser sind also oft Bühnen sind, wo ein gewisser Konsum oder Lifestyle auch propagiert wird. Wenn das Wohnen jedoch von einem Grundrecht zu einem Lifestyle wird, kann das für viele längerfristig zu einem Problem werden.
„Letzten Endes kann von der Tischdecke bis zum Teller alles gekauft werden. “
Welche Interessen stecken tatsächlich dahinter?
Instagram und Co. sind keine öffentlichen digitalen Räume, sie sind Werbeplattformen, die monopolistischen Unternehmen gehören und ökonomische Interessen verfolgen. In der Logik der Plattformökonomie geht es darum, über Daten Kapital zu generieren. Viel Interaktion ist essenziell. Oft haben Accounts Kooperationen mit großen Firmen. Das fängt mit einem netten Familienbild und dem Frühstück an – und letzten Endes kann von der Tischdecke bis zum Teller alles gekauft werden.
Waren im Laufe der Zeit unterschiedliche Trends beobachtbar?
Man könnte sagen, dass Wohnzeitschriften die Vorläufer dieser Home- und Interieur-Accounts auf Instagram waren. Das wichtigste Print-Werk über das Wohnen war jedoch der Ikea-Katalog mit einer sehr hohen Auflagenzahl und wurde weltweit vertrieben. Sowohl in den Wohnzeitschriften als auch auf Instagram kann man Wohn-Trends verfolgen, diese sind in ihren Oberflächen sehr unterschiedlich. Das gemeinsame Teilen von gewissen Trends und Stilen lässt das Gefühl von Gemeinschaft entstehen, man gehört einer gewissen Werte -und Ästhetikgemeinschaft an. Die gezeigten Wohnoberflächen sind austauschbar sind, wie tatsächlich gewohnt wird in diesem Raumkonfigurationen ist jedoch meistens sehr konventionell, hier gibt es nicht viel Innovation: Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer und Kinderzimmer, in dem die Kleinfamilie wohnt. Auch Geschlechterrollen werden meist sehr konventionell inszeniert: die Frau als Mutter, Hausfrau und Dekorexpertin. Andere Formen des Zusammenwohnens sehen wir kaum.
Unser Buchtipp: Bernadette Krejs: Instagram-Wohnen. Architektur als Bild und die Suche nach gegenhegemonialen Wohnbildwelten. transcript Verlag, 39 Euro
Welche Formen könnten das sein?
Die Kleinfamilie ist eigentlich eine sehr junge „Erfindung“, die sich aber stark durchgesetzt hat und bis heute als die Norm begriffen wird. Davor haben wir auch in ganz anderen Konstellationen zusammengelebt. Heute gibt es sehr viele Single-Haushalte, Alleinerzieher:innen und alte Menschen. Es wäre eigentlich spanend in Bildern zu sehen, wie wir gemeinschaftlich zusammenleben könnten auch außerhalb dieser Kleinfamilie.
Die Coronapandemie hat die Sicht auf die eigenen vier Wände im wahrsten Sinne des Wortes verändert. Warum?
Durch Corona sind die unterschiedlichen Wohnverhältnisse viel präsenter geworden. Einerseits wurde das Wohnen sichtbarer, andererseits wurde auch die Ungleichheit in der Verteilung von gutem Wohnraum spürbar. Eine alleinerziehende Person mit zwei Kindern auf 50 Quadratmetern, die Homeoffice, Homeschooling oder auch eine gute Freizeit dort verbringen will, wird an ihre Grenzen geraten. Die Frage des Zugangs und der Leistbarkeit zu gutem Wohnraum für alle ist dadurch noch einmal viel essenzieller geworden.
Was kann man dem entgegensetzen?
Ich würde mir wünschen, dass wir auf Social Media auch andere Bildwelten vermehrt sehen, zum Beispiel Bilder, die zeigen, dass Hausarbeit auch kollektiv in Gemeinschaft erledigt werden kann. Es gibt eine Fülle an Gegenkonzepten zu diesen dominanten normativen Wohnbildwelten. Auf Instagram werden vom Algorithmus aber vor allem Accounts bevorzugt und dadurch sichtbar, die eine Homogenisierung und Gleichheit des Wohnens durch viele Klicks reproduzieren. Vielleicht haben wir aber irgendwann auch kommunale Plattformen, die uns allen gehören und wo wir bestimmen, welche Formen von Sichtbarkeit es dort gibt. Vielleicht gäbe es dann populäre Accounts, die auch Wohnbilder des Sorgetragens, Reparierens, Kümmerns und des Bewohnens zeigen.
Über die Person:
Bernadette Krejs ist Senior Scientist an der TU Wien im Forschungsbereich Wohnbau und Entwerfen und Mitgründerin des feministischen Kollektivs Claiming*Spaces an der TU und der aktivistischen Forschungspraxis „Palace of UN/Learning“ mit Max Utech.
