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So cool, so gläubig

Sie sind jung, kreativ, voller Elan und versprühen Ideen. Was sie verbindet: Die Liebe zur Kirche. Und dass es ihnen gelingt, die Kirche wieder mit den Menschen zu verbinden. Via Instagram, durch ein Festival oder mit einem Buch über den „Roadtrip mit Gott“ – was auch immer dazu nötig ist.

Zum Pfarramt in der Wiener Dorotheergasse geht es durch einen kleinen, verwunschenen Innenhof, ein verwinkeltes Stiegenhaus hinauf. Dicke Mauern, knarrende Böden. Hier ist die Wirkungsstätte von Julia Schnizlein, Theologin, Pfarrerin, Pfarramtsanwärterin in der Lutherischen Stadtkirche. In dem alten Gemäuer weht, seit sie da ist, ein frischer Wind. Allein schon durch ihre Art, dieses Fröhliche, Neugierige, Aufgekratzte. Aber auch weil sie die Kirche mit auf Instagram genommen hat. Wer ihrem Account ­ @juliandthechurch folgt, sieht Fotos einer modernen, jungen Frau, sieht Julia Schnizlein mit Schwangerschaftsbauch, mit Leopardenshirt, mit Talar, mit ihren Kindern. Und liest, wie sie mit ihrem Glauben lebt. Tatsächlich fühlt es sich ungewohnt an, einer Pfarrerin gegenüberzusitzen, die schon rein optisch in Kontrast zu dem alten Gemäuer steht: rosa Sneakers, Ringelpulli über einem gemusterten Kleid. Ungewohnt, anders, angenehm.

Julia Schnizlein
Julia Schnizlein mit ihren Kindern
Julia Schnizlein

Alle, denen ich Ihren Instagram-Account gezeigt habe, waren begeistert, die meisten fanden es „sensationell“. Mir selbst ging es nicht anders. Was ist denn die Sensation an Ihnen?
Julia Schnizlein: Vielleicht liegt es schon ein bisschen an Österreich. Das Pfarrerinnenbild ist hierzulande nicht sehr ausgeprägt, der Beruf des Pfarrers wird eher mit einem älteren Mann verbunden. Wenn ich sage: „Ich bin Pfarrerin“, verstehen die Leute meistens „Fahrerin“ – das Berufsbild der Lkw-Lenkerin scheint also greifbarer zu sein als das einer Pfarrerin.

Ist dieser Aha-Effekt, eine weibliche, junge Geistliche zu sein, in Ihrer Arbeit hilfreich oder hinderlich?
Der Effekt sorgt dafür, dass ich mit Menschen schneller ins Gespräch komme. Das finde ich daran schon sehr fein. Ich provoziere das ja auch, wenn ich auf Social-Media-Plattformen ein Foto von mir mit einem Collarhemd poste – ein Kleidungsstück, das ganz stark männlich besetzt ist. Meines ist ein enges, schwarzes Shirt des schwedischen Labels „Casual Priest“, eben mit dem typischen weißen Kragen. Den Überraschungseffekt, den das auslöst, nutze ich tatsächlich, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Sie sind davon irritiert, fragen nach, und schon ist man in einer Unterhaltung. Ansonsten hilft es mir, denke ich, grundsätzlich, Frau und Mutter zu sein. Bei Hochzeiten oder Taufen merke ich, dass die Menschen sich gut verstanden fühlen. Weil ich nachempfinden kann, wie das ist, wenn man die Kinder langsam loslassen muss. Wenn man sich Sorgen macht. Wenn ich das in Taufansprachen sage, sind die Leute sehr berührt. Das haben wir evangelischen Pfarrerinnen den katholischen Kollegen vielleicht voraus, die diese Erfahrung nicht haben.

Wie hat ihr Weg zur Pfarrerin begonnen?
Ich bin in der Nähe von Nürnberg aufgewachsen. Nach dem Abitur haben meine Eltern mir alle Optionen offengelassen, haben gesagt, ich könne studieren, was ich möchte. Mich hat Religion und Theologie immer interessiert – also habe ich das studiert, ohne mir groß zu überlegen, was es tatsächlich bedeutet. Als ich dann, mit 25, fertig war, habe ich mich viel zu jung gefühlt, um Pfarrerin zu werden. Ich konnte mir nicht vorstellen, eine Gemeinde anzuführen. Und so habe ich in Wien ein Aufbaustudium in Journalistik gemacht. Über ein Praktikum bin ich zur APA gekommen, wurde ziemlich bald fest angestellt. Irgendwann bin ich weiter zu „News“ gewechselt.

In dieser Zeit sind Sie auch Mutter geworden. Wie haben Ihre beiden Töchter Sie beeinflusst?
Meine kleine Tochter Elsa ist mit nur einem halben Herzen geboren. Während ihres ersten Lebensjahrs wurde sie oft operiert, lag lange im Krankenhaus und wir hatten ständig Todesangst um sie. Dieses Jahr hat meinen Blick für das, was wesentlich ist, geschärft. Ich habe gemerkt: Ich will meine Zeit eigentlich nicht mehr mit Sachen verbringen, die ich für unwichtig halte. Ich will nicht Artikel über die besten Grillrezepte schreiben, während ich glaube, dass ich etwas Wichtigeres zu sagen habe. So ist der Wunsch aufgekommen, das Evangelium zu verkünden.

Julia Schnizlein

Julia Schnizlein,

Jahrgang 1978, ist Pfarramtskandidatin in der Lutherischen Stadtkirche in Wien, Innere Stadt. Nach ihrem kirchlichen Examen wird sie sich für die Pfarrerinnenstelle bewerben, die dann für zwölf Jahre läuft. Auf Instagram ist sie unter @juliandthechurch zu finden, dort schreibt sie über ihr Leben als Pfarrerin und ihren Glauben.

Wie war Ihr Verhältnis zu Kirche und Religion in der Zeit bis zur Geburt Ihrer Tochter?
In diesen 14 Jahren hatte ich tatsächlich Kirche und Gott ein bisschen aus dem Blick verloren. Es ist tragisch, das zu sagen, aber: Ich habe es nicht so gebraucht. Ich hatte ein super Leben, Karriere, viel zu tun, ich hatte meinen Mann, wir hatten Spaß, wir waren gesund, alles war fein. Bis zu Elsas Diagnose. Damit kamen dieser Einbruch und die ganz klare Erkenntnis: Es ist nicht alles in meiner Hand. Dieser Schicksalsschlag hat mir gefehlt – so arg das klingt.

Ist es Teil Ihrer Botschaft, zu sagen: „Kommt nicht erst zum Glauben, wenn Ihr einen Schicksalsschlag erlitten habt“?
Ja. Ich war froh, dass ich meinen Glauben hatte. Ich wäre sonst ins Bodenlose gefallen. Wenn man denkt, man kann alles kontrollieren, und bekommt dann eine Krebsdiagnose, verliert einen lieben Menschen, den Job oder die Ehe, fällt man in ein sehr tiefes Loch. Wenn man sich aber schon vorher klarmacht, dass man nicht alles in der eigenen Hand hat, aber weiß, dass da jemand ist, der einen trägt, dann macht das, glaube ich, resilient.

Die Kirche muss zu den Menschen kommen und sollte nicht warten, dass die Menschen in die Kirche kommen.
Julia Schnizlein

Mit Ihrem Account @juliandthechurch sind Sie auf Instagram und öffnen dort die Kirche für die digitale Welt. Wie kommt das an?
Seit der Coronakrise und seitdem Gemeinden und Gläubige gezwungen sind, mehr über das Digitale zu kommunizieren, erfahre ich mehr Verständnis. Vorher gab es unter der Kirchenklientel, die ja im Durchschnitt eher älter ist, aber vor allem auch aus der Kollegenschaft durchaus Vorbehalte gegen ­Social Media und gegen mein Tun. Auf meinem ­Instagram-Account sieht man erst mal nur Fotos und denkt sich vielleicht: „Was für ein oberflächliches Posieren.“ Wenn man aber genauer hinschaut, sieht man, dass ich jedes Foto mit einem längeren Text hinterlege und dass es mir darum geht, das Evangelium und Jesu Botschaft zu verkünden, zu erzählen, wie es ist, mit dem Glauben zu leben, wie es im Pfarrberuf als Frau ist, mit Kindern. Erst wenn man mir folgt, versteht man es. Und entzückenderweise tun das in meiner Gemeinde auch viele ältere Menschen. Und die finden es auch sehr gut.

Wann hat es sich von einer Selbstverständlichkeit zu einer Ausnahme entwickelt, in die Kirche zu gehen?
Das hat etwas mit Individualisierung zu tun und damit, dass es nicht mehr zum guten Ton gehört, in die Kirche zu gehen. Dazu kommt die Vielfalt der alternativen Angebote. Ich finde es aber auch gut, dass es diesen Druck nicht mehr gibt: Wer sich sonntags nicht in der Kirche blicken lässt, der ist kein guter Christ. Das halte ich für Quatsch. Ich finde es schön und wichtig, dass der Kirchgang freiwillig geschieht. Ich denke, dass die Menschen diese Verbindlichkeiten nicht mehr so mögen. Sie möchten sich den Sonntag frei halten. Und ich muss sagen, als Mutter verstehe ich das auch. Das Leben ist unter der Woche schon so durchgetaktet. Aber auch da kann die Kirche versuchen, Antworten zu finden, mit alternativen Angeboten.

Wie könnten die aussehen?
Zum Beispiel mit anlassbezogenen Gottesdiensten. Ich habe etwa einen Valentinstag-Gottesdienst gehalten, der sehr gut besucht war. Die Leute haben sich in der Kirche den Segen geholt und sind dann zum Candle-Light-Dinner weitergezogen. Ich möchte auch Beisl-Gottesdienst machen, möchte zu den Leuten gehen, ganz niederschwellig. Ich möchte, dass wir uns mehr in das Leben der Menschen integrieren und nicht von den Menschen verlangen, ihr Leben nach der Kirche ausrichten zu müssen.

Julia Schnizlein

Das ist sicher ein großer Schritt für viele.
Ja, und das verstehe ich auch. Deshalb muss und wird es den Sonntagsgottesdienst weiterhin geben, gar keine Frage. Aber alle, die am Sonntag nicht früh aufstehen möchten, soll man trotzdem nicht ausschließen. Und gerade mit Instagram habe ich das Gefühl, dass das sehr gut geht. Das Feedback ist überwältigend gut. Ich möchte noch mehr in diese Richtung tun: Meine Predigten als Podcast online stellen. Ich arbeite an einer Predigt gute eineinhalb Tage, und da ist es doch schön, wenn sie über ­andere Wege noch Verbreitung findet!

Dank der technischen Möglichkeiten ist es auch recht einfach geworden.
Genau. Ich denke da immer an Luther. Er hat die mediale Revolution genutzt: den Buchdruck. Hätte er das nicht getan, hätten wir die Reformation nicht gehabt. Die heutigen technischen Möglichkeiten nicht zu nutzen, hielte ich für falsch.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was würden Sie sich von der Kirche wünschen?
Dass es kein Gegensatz wäre, modern und trotzdem konservativ zu sein. Ich weiß, dass es viel zu bewahren gibt. Ich finde aber, dass die Kirche mit den Menschen gehen muss. Vielleicht nicht mit der Zeit. Aber mit den Menschen. Und das könnte sie noch viel stärker tun.

Was antworten Sie, wenn jemand fragt, wozu wir die Kirche noch brauchen – wo wir doch alle möglichen Alternativen haben?
Viele Menschen treten aus der Kirche aus, weil sie sagen: „Ich kann auch alleine glauben.“ Ich finde aber, das bringt einen nicht so viel weiter. Es gibt da diesen Witz: Man ist noch kein Christ, wenn man in die Kirche geht, genauso wenig, wie man ein Auto ist, wenn man sich in die Garage stellt. Man könnte sich auch ohne Schule fortbilden, aber die Gemeinschaft macht aus, dass man aneinander wächst. Dass man seine blinden Flecken entdeckt. Für mich ist nicht wichtig, wie oft jemand in die Kirche kommt, aber das Teilen, die Gemeinschaft, finde ich schon wichtig. Nach dem Gottesdienst sagen viele Menschen, das sei wertvoll gewesen, weil sie das Hamsterrad angehalten hätten, sich Zeit für sich genommen hätten.

Haben Sie diesen Gedanken: dass alles anders gekommen wäre, wenn Ihre Tochter nicht diesen Herzfehler hätte?
Ich denke, ich wäre auf jeden Fall Pfarrerin geworden. Es wäre vielleicht später passiert. Ich kann nicht sagen, dass ich dankbar bin für ihr halbes Herz. Aber ich glaube schon, dass alles einen Sinn hat. Ich bin dankbar, dass ich wachgerüttelt wurde und ich meinen Glauben, den ich aus den Augen verloren hatte, wiedergefunden habe. 

Welt Der Frauen September 2020Lesen Sie mehr zum Thema über die katholische Theologin Katharina Brandstetter & über die Baptistin, Feministin und Autorin Mira Ungewitter in unserer Printausgabe.
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Erschienen in „Welt der Frauen“ September 2020

Fotos: Julia Schnizlein/PressTheButton / privat

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