Blick
ins Heft:
Schönheit
06/2026

Sinkende Geburtenrate: Warum immer weniger Kinder geboren werden

Sinkende Geburtenrate: Warum immer weniger Kinder geboren werden
Foto: shutterstock
  • Teile mit:
  • Veröffentlicht: 03.07.2026
  • Drucken

In Österreich hält sich die Vorstellung, Kinder seien bei ihrer Mutter am besten aufgehoben. Was diese Haltung mit der sinkenden Geburtenrate zu tun hat, erklärt die Familiensoziologin Eva-Maria Schmidt.

Die Geburtenrate in Österreich sinkt seit Jahren und erreichte im letzten Jahr einen historischen Tiefstand. Im Durchschnitt bekommen Frauen hierzulande 1,3 Kinder. Auch das durchschnittliche Gebäralter von Müttern hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich nach hinten verschoben und lag 2025 bei 31,7 Jahren. Von den heute 45-jährigen Frauen sind etwa 20 Prozent kinderlos geblieben – somit fällt die Geburtenrate in Österreich im europäischen Vergleich niedrig aus. Auf diese Zahlen weist das österreichische Geburtenbarometer hin, das kürzlich von Forschenden der Österreichischen Akademie der Wissenschaften präsentiert wurde.

Auch die Gründe für die Kinderlosigkeit wurden eruiert und spiegeln die Herausforderungen der letzten Jahre wider. Es zeigt sich, dass unter anderem finanzielle Überlegungen eine große Rolle spielen: Die Statistik Austria beziffert die direkten Kosten für ein Kind bis zum 18. Lebensjahr auf rund 100.000 Euro. Der Entscheidungsprozess für oder gegen Kinder ist aber auf viele Umstände zurückzuführen – das bekräftigt die Familiensoziologin Eva-Maria Schmidt. Welche gesellschaftlichen, persönlichen und strukturellen Faktoren den Kinderwunsch beeinflussen, erklärt sie im Gespräch.

Die Geburtenrate sinkt seit Ende des 19. Jahrhunderts kontinuierlich. War diese Entwicklung erwartbar?
Eva-Maria Schmidt: Ja, diese Entwicklung reiht sich in Trends ein, die im globalen Norden beziehungsweise in westlichen Ländern beobachtet werden können. Die Geburtenzahlen stagnieren in Österreich bereits seit längerer Zeit und werden voraussichtlich weiter zurückgehen. Ein wesentlicher Grund dafür ist die gesunkene Anzahl an gebärfähigen Frauen. Die Geburtenrate selbst muss dann gesondert betrachtet werden: Hier zeigt sich eine deutliche Zunahme gewollter Kinderlosigkeit – sowohl bei Frauen und Männern ohne Kinder als auch bei Menschen, die sich bewusst gegen weitere Kinder entscheiden. Zudem hat sich die durchschnittliche Familiengröße im Laufe der Zeit verkleinert.

„Viele Menschen setzen sich schon lange vor einem konkreten Kinderwunsch mit den Erwartungen auseinander, die an Mütter und Väter gestellt werden.“
Eva-Maria Schmidt

Was sagt die sinkende Geburtenrate über gesellschaftliche Veränderungen oder auch die Anforderungen der Gegenwart aus – etwa Inflation, Klimawandel oder Kriege?
Die sinkende Geburtenrate ist ein multifaktorielles und komplexes Phänomen. In den vergangenen Jahrzehnten gewannen Menschen mehr Wahlfreiheit und Optimierungsmöglichkeiten. Heute haben sie viele Optionen für ihr privates, familiäres und berufliches Leben und möchten alles möglichst gut planen. Damit gehen grundlegende Fragen einher: Wie will ich leben? Was soll der „richtige“ Partner mitbringen? Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Kind? Dadurch werden Familiengründungen oft bewusster geplant und später umgesetzt als früher. Auch die Zukunft wirkt ungewiss und bedrohlich und spielt häufig eine Rolle, einen Kinderwunsch nicht zu verwirklichen.

Hat sich der Blick auf den „richtigen Zeitpunkt“ verändert?
Heute denken Menschen viel bewusster darüber nach, welche Voraussetzungen für ein Kind ihrer Meinung nach erfüllt werden sollten. Lange Ausbildungswege, der Wunsch nach beruflicher und finanzieller Stabilität sowie der Aufbau einer Karriere führen dazu, dass die Familiengründung häufig in eine spätere Lebensphase rückt. Entsprechend hat sich auch das Alter bei der Geburt des ersten Kindes über die vergangenen Jahrzehnte deutlich erhöht. Gleichzeitig sind die Ansprüche an Elternschaft gewachsen. Viele Menschen setzen sich schon lange vor einem konkreten Kinderwunsch mit den Erwartungen auseinander, die an Mütter und Väter gestellt werden – auch wenn diese nach wie vor unterschiedlich ausfallen.

In welchem Ausmaß spielen die Erwartungen an die Geschlechterrollen eine Bedeutung?
Einerseits existiert nach wie vor das Ideal der anwesenden und kindzentrierten „guten Mutter“, andererseits wird von Frauen erwartet, beruflich erfolgreich und finanziell unabhängig zu sein, um nicht in eine Teilzeit- oder Armutsfalle zu geraten. Der resultierende Druck aus diesen widersprüchlichen Anforderungen ist deutlich spürbar und wird nicht auf struktureller Ebene gelöst. Zudem beeinflusst dieser Druck die Überlegungen vieler Menschen oft lang, bevor ein konkreter Kinderwunsch entsteht.

Foto: shutterstock

Unter welchen spezifischen Erwartungen stehen Männer?
Von ihnen wird häufig erwartet, die finanzielle Absicherung der Familie zu gewährleisten und einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen. Gleichzeitig wünschen sich viele eine enge Beziehung zu ihren Kindern, Verantwortung in der Betreuung zu übernehmen und im Familienalltag präsent zu sein. Die Spannung zwischen diesen unterschiedlichen Rollenbildern führt dazu, dass die Entscheidung für ein Kind sorgfältig abgewogen wird.
Ist eine Entscheidung gefallen, entsteht oft das Gefühl, sie rechtfertigen zu müssen: den Zeitpunkt der Familiengründung, die Anzahl der Kinder oder die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit. Dieser hohe Anspruch an die eigene Entscheidungsfindung kann dazu beitragen, dass die Familiengründung aufgeschoben wird oder manche Entscheidungen gar nicht getroffen werden.

Braucht es neue Konzepte und Karenzmodelle, um die Geburtenrate wieder zu erhöhen?
Es gibt bereits Karenzmodelle, die eine partnerschaftliche Aufteilung zwischen beiden Eltern ermöglichen. In Österreich können Paare die Karenz über einen längeren Zeitraum hinweg vergleichsweise ausgewogen gestalten – etwa, wenn beide das gleiche Ausmaß an Kinderbetreuungsgeld in Anspruch nehmen und im erlaubten Maß Geld dazuverdienen, während der Partner Teilzeit erwerbstätig ist. In der Praxis werden diese Möglichkeiten jedoch nur selten genutzt. Nach wie vor dominiert das traditionelle Modell: eine längere Karenz der Frau und Vollzeitarbeit des Mannes. Der gesellschaftliche und kulturelle Kontext in Österreich trägt dazu bei, dass diese Form der Arbeitsteilung meist bevorzugt wird. Andere Modelle erfordern oft mehr Abstimmung zwischen den Partnern und gehen mit einem höheren Rechtfertigungsdruck einher. Die staatlichen Familienleistungen sind in Österreich im Europavergleich sehr hoch.

Warum ist die Geburtenrate gerade zu einem politischen Thema geworden? 
Grundsätzlich ist jede Gesellschaft auf die Reproduktion der Bevölkerung angewiesen. Viele sozialstaatliche Systeme bauen darauf auf. Die sinkende Geburtenrate kommt aber keineswegs überraschend – auf diese Entwicklung konnte man sich seit Jahrzehnten einstellen. Es greift zu kurz, die Sorgen und Abwägungen vieler Menschen zu relativieren oder ihnen zu vermitteln, sie sollten sich „nicht so viele Gedanken machen“. Die damit verbundenen Dilemmata sind real und prägen die Lebensentscheidungen vieler Frauen und Männer. Aktuell spüren Menschen sehr stark, dass sie erwerbstätig und leistungsfähig bleiben müssen und im Beruf nicht ausfallen dürfen.

„Der entscheidende Faktor sind die gestiegenen Lebensstandards und Erwartungen an ein gutes Familienleben.“
Eva-Maria Schmidt

Qualitätsvolle Kinderbetreuung und lange Öffnungszeiten fehlen an vielen Orten Österreichs.Hier hat die Politik viel versäumt.
Gleichzeitig gilt die frühe außerfamiliäre Betreuung hierzulande oft nicht als Ideal. Viele Eltern, besonders Mütter, sehen die Betreuung ihrer Kinder primär als eigene Aufgabe. Zwar wird ein besseres Betreuungsangebot grundsätzlich begrüßt, Daten zeigen jedoch, dass viele Frauen ihre Kinder zumindest zeitweise selbst betreuen möchten. Auf die Frage „Würden Sie auf Vollzeit aufstocken, wenn es mehr Kinderbetreuungseinrichtungen mit längeren Öffnungszeiten gäbe?“ antworteten in Studien 90 Prozent der Frauen: „Nein, ich möchte mein Kind selbst betreuen.“
Angebote werden also nicht immer angenommen, was wiederum die Entscheidung anderer Eltern beeinflusst, die offener dafür wären. Wenn das eigene Kind etwa um 16 Uhr eines der letzten im Kindergarten ist, stellen Mütter ihre Entscheidung schnell infrage. In der Debatte wird zudem häufig die Rolle des zweiten Elternteils übersehen. Denn: Kinderbetreuung ist nicht allein eine Frage staatlicher Angebote.

Kosten, Inflation und veränderte Lebensstandards: Warum haben frühere Generationen ihren Kinderwunsch weniger von finanziellen Einbußen abhängig gemacht?
Der entscheidende Faktor sind die gestiegenen Lebensstandards und Erwartungen an ein gutes Familienleben. Viele Menschen sind heute weniger bereit, Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Auch die Inflation spielt eine Rolle. Die veränderten Vorstellungen von guter Kindheit und gelingender Elternschaft wirken noch stärker. Beobachtbar ist zudem eine wachsende Ungleichheit zwischen Menschen mit und ohne Kinder – finanziell, zeitlich und gesundheitlich. Trotz staatlicher Unterstützungsleistungen bleibt diese Differenz bestehen und wird zunehmend sichtbar.

Welche europäischen Länder sind in Bezug auf Familienfreundlichkeit und Vereinbarkeit Spitzenreiter?
Es geht nicht nur um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern auch um gesellschaftliche Erwartungen. In Ländern wie Frankreich oder Dänemark geht man nicht davon aus, dass Kinder und Familienleben unter der Erwerbstätigkeit der Frauen leiden. In Österreich stimmen dem allerdings bis zu 60 Prozent der Menschen zu. In Frankreich und Dänemark werden Kinderbetreuungseinrichtungen als wichtige Bildungseinrichtungen angesehen und selbstverständlicher genutzt. Elternschaft wird als erfüllender wahrgenommen und das spiegelt sich in den Geburtenraten wider. Frankreich verzeichnet eine der höchsten in ganz Europa. Länder wie Island zeigen beispielsweise, dass eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit gelingen kann. In Österreich hingegen prägen häufig Sorgen und Vorbehalte die Debatte. Gleichzeitig ist der Wunsch vieler Väter groß, sich stärker in die Kinderbetreuung einzubringen. Oft stoßen sie dabei jedoch auf strukturelle und kulturelle Hürden.

Die eigentliche Herausforderung liegt also weniger in einzelnen Maßnahmen als in einem strukturellen und kulturellen Wandel.
Zentral wäre eine angemessene Bewertung von unbezahlter Reproduktions- und Sorgearbeit in Familien, ohne die ein Mensch nicht überleben und auch eine kapitalistisch organisierte Gesellschaft nicht bestehen kann. Außerdem bleibt das System unausgewogen und ungerecht, solange überwiegend Frauen dafür ihre Erwerbstätigkeit reduzieren und die Männer nicht. Es bräuchte also eine gleichwertigere Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen Eltern. Dafür müssten Frauen in ihrer Rolle als finanzielle Versorgerin bestärkt werdenMänner wiederum in ihrer fürsorgenden Rolle. Gelingen kann das in öffentlichen Diskursen, durch gesetzliche Rahmenbedingungen, in Abläufen am Arbeitsplatz und in den Familien.

Foto: Uni Wien

Zur Person

Die Soziologin Eva-Maria Schmidt ist stellvertretende wissenschaftliche Direktorin des Österreichischen Instituts für Familienforschung an der Universität Wien. Ihre Forschungsinteressen umfassen unter anderem Arbeit unbezahlter und bezahlter Art, Geschlecht und soziale Ungleichheiten, Elternschaft und Elternkarenz, Kinderwunsch und soziale Normen.

Sabrina Kraußler

Online-Redakteurin

Sabrina Kraußler ist seit Juli 2025 Online-Redakteurin bei „Refresh“ und „Welt der Frauen“. Die in Wien lebende Journalistin beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen, Psychologie, Gesundheit und Fragen rund um ein selbstbestimmtes Leben.

[email protected]

Foto: Daniela Pöll


mehr von Sabrina Kraußler lesen

Post aus der Redaktion

Mit unserem Newsletter bekommen Sie regelmäßig Einblicke hinter die Kulissen, persönliche Empfehlungen und das Beste aus der Redaktion direkt in Ihr Postfach.

Jetzt abonnieren