Die Fotografin Teresa Novotny verbrachte trotz anfänglich großer Skepsis eine Woche bei den Missionsschwestern vom Kostbaren Blut im kärnterischen Wernberg. Das Ergebnis: Eine bildstarke Studie über Fürsorge und Zusammenhalt.
In ihren Bildern geht es um Frauen, die sich ein Leben lang um andere kümmern. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?
Meine Familie fährt seit Jahren jeden Sommer mit einer großen Gruppe von Freund:innen und Verwandten ins Kloster Wernberg. Ich habe mich als Agnostikerin und Feministin sehr lange dagegen gewehrt, bis ich dann doch einmal ein paar Tage dort verbrachte. Sehr schnell war ich von der speziellen Atmosphäre fasziniert. Ich wurde neugierig und wollte mehr über die Schwestern und ihr Leben wissen.
Für Ihr Projekt haben Sie über eine Woche im Kloster verbracht, wie war das?
Ich war zwar nicht in den tatsächlichen Ablauf des Schwesternalltags integriert, habe aber übers Fotografieren Einblick bekommen und war damit auch bis zu einem gewissen Grad dem klösterlichen Rhythmus unterworfen: Wann haben die Schwestern Zeit für mich? Wann sind die Ruhezeiten? Wann gibt es Gemeinschaftsarbeit? Wann passiert was auf der Pflegestation? Jeder Tag hat eine klare Struktur und Ablauf, das gibt auch Halt. So eine Form von Stabilität kann auch neue Räume im Kopf freischaufeln, das fand ich spannend an mir selbst zu beobachten.
Wie haben die Schwestern auf Sie als Fotografin reagiert?
Unterschiedlich. Manche haben sehr genau geprüft, wie ernst es mir mit meinem Anliegen überhaupt ist, bevor sie mit mir gesprochen haben. Andere waren sehr offen und haben sich gefreut, dass jemand ihre Geschichte hören möchte. Bei manchen wirkte das Reden fast wie eine Befreiung. Am Anfang hat es definitiv auch irritiert, wie ich als Gast da auf einmal mit der Kamera aufgetaucht bin und dokumentiert habe. Das war sicherlich befremdlich für einige der Schwestern, vor allem, wenn sie mich nicht einmal mal aus dem Gästebetrieb her kannten. Am meisten habe ich mich aber gefreut, wenn über die Zeit bei manchen genug Vertrauen entstanden ist, die anfängliche Skepsis in eine Einladung zur Begleitung und eine Erzählung zu verwandeln.
Die Fotos wirken sehr vertraut, wie ist Ihnen das gelungen?
Es braucht Vertrauen, Offenheit und Geduld von beiden Seiten, das schafft eine gute Atmosphäre.
Wann ist die Idee entstanden, daraus ein Buch zu machen?
Beim Vorbereiten einer Ausstellung der Bilder im Kloster hat sich herausgestellt, dass ich nur einen kleinen Teil der Geschichten und Fotos zeigen kann. Das fand ich sehr schade, denn hinter jedem Gesicht verbirgt sich eine spannende, bewegende Geschichte. Mir geht um Sichtbarkeit und Sichtbarmachung und da funktionieren Bücher als Trägermedien gerade für Fotografie ideal. Sie sind – wenn sie gut gemacht sind – wunderschöne Objekte. Sie bleiben und begleiten. Man kann sie weitergegeben oder verschenken, in Bibliotheken ausleihen. Auf Reisen mitnehmen. Allein diese Mobilität eines Buches als haptisches Objekt trägt unglaublich viel zur Sichtbarmachung und Vermittlung der Geschichten der Schwestern bei. In meinem Essay verbinden sich Sichtbares und Unsichtbares: die Rituale im Klosteralltag, die Geschichten hinter den Gesichtern, das Rot eines Rocks, der sich der Unsichtbarkeit widersetzt. Und die Erkenntnis: Care ist kein weiches Thema. Es ist ein Fundament.
Zur Person
Teresa Novotny ist Portrait- und Architekturfotografin mit eigenem Studio in Wien. In ihren künstlerischen Arbeiten beschäftigt sie sich mit den Themen Altern und Weiblichkeit.
Website: https://teresanovotny.com
Crowdfunding: https://www.startnext.com/schwester-fotobuch
