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Gut vierhundert Brücken, steile Treppen, dunkle Durchgänge und rutschige Passagen entlang der Kanäle: Venedig ist ein schlechter Boden für Stilettos oder Slipper mit Ledersohle. Hier braucht?s Ballerinas, Stiefel, flache Treter. Schuhe, die es einem leicht machen. Die Stadt hat ihren eigenen Rhythmus, das Gehen bestimmt den Tag. Der venezianische Alltag: ein Hindernislauf.

Wie viele Meter sind es von der Wohnung bis zum Fischmarkt, vom Campo del Ghetto zur Bootswerft bei San Trovaso, von der Cantina Do Mori heim in die Calle della Madonnetta? Wer in Venedig lebt, hat das Wasser im Blick und den Klang der Schritte im Ohr. Der spürt den unsicheren Grund, auf den er tritt, und das Schwingen der Bohlen, wenn er aufs Vaporetto springt.

Sand, Sumpf, Lehm. Über hundert Inseln sollen es sein, auf denen die Fundamente der Stadt ruhen, getragen von einer unendlichen Zahl von Pfählen. Nichts, worauf sich für immer bauen ließe – wie man ursprünglich dachte. Als sich die ersten Menschen in der Lagune niederließen, waren sie auf der Flucht. Auf allen Seiten lauerten Bedrohungen, feindliche Stämme, Schiffe, Fluten. Angst und Umsicht ließen eine unvergleichliche Stadt aus dem Schlick wachsen. Sie trotzte den Wogen der Zeit.

Desire (Schülerin), Milo (Koch), Monica (Studentin)

 

Von einem Traum schwärmen die LiebhaberInnen Venedigs bis heute, von einem Märchen die Filme und Romane, von einer nicht versiegen wollenden Inspirationsquelle die KünstlerInnen. Eine Stadt, die aufrührt wie kaum eine andere, die das innere Koordinatensystem außer Kraft setzt. Ein unerschöpflicher Nährboden für Geschichte und Geschichten.

Zwanzig Millionen TouristInnen fluten Jahr für Jahr durch die Straßen und Kanäle. An vielen Tagen gibt es kein Fortkommen mehr. Doch am Abend sind die meisten BesucherInnen wieder abgereist oder in ihren Hotels. Nachts werden die Gassen zu Labyrinthen. Eine Geisterstadt: Da, ein Lichtschein am Campiello del Sole, aus dem dritten Fenster oben rechts. Signora Marinelli hat Angst, sie ist alleine im Haus zurückgeblieben,  alle anderen Wohnungen sind längst verkauft. Reiche AusländerInnen haben die Stadt übernommen, die Palazzi und Häuser stehen den Großteil des Jahres über leer. Der Immobilienmarkt boomt. Das „centro storico“ verliert seine BewohnerInnen.

Gut sechzigtausend Menschen leben hier und auf Murano, Burano und den kleineren Inseln, Tendenz abnehmend. Viele der Jungen sind weggezogen und fahren nur mehr zum Arbeiten nach Venedig zurück. Auf dem Festland logiert man billiger, oft auch komfortabler: in größeren Wohnungen, in Siedlungen, wo die Kinder toben können, ohne dass sie oder ihr Ball im Wasser landen. Doch die Wurzeln lassen sich nicht kappen. Mestre, Chioggia, Treviso. Auch dort lässt sich?s gut sein. Doch des Morgens sieht man die AuswanderInnen heimkehren, auf der Piazzale Roma oder am Bahnhof Santa Lucia steigen sie aus den Bussen und Zügen. Ein paar Stunden später, wenn das Tagwerk getan ist, sind sie wieder weg.

Sebastiano (Journalist), Hanna (Reinigungskraft), Patrizia (Galeristin)

Wer zwischen San Marco, Zattere und Fondamenta Nuove ausharrt, muss sehen, wo er bleibt. Der Fleischhauer an der Ecke hat seinen Laden geschlossen. Erst hat diesen ein Kaufmann aus Murano übernommen, später ein Händler aus China. Die Glastiere und Masken kommen aus Taiwan. „Venice sells.“ Wer ein Lebensmittelgeschäft, einen Elektriker oder einen Schuster braucht, sollte wissen, wo er suchen muss. Weite Wege. Die Spuren der Hausfrauen, Notare und Friseurinnen verschwinden aus der Stadt, der Alltag wird zur Hürde.

Oft genug muss man flüchten, um ein paar Straßenzüge lang seine Ruhe zu haben. Schnell zu sein, auch findig, das haben die VenezianerInnen über die Jahrhunderte hinweg gelernt: Immer wieder zur Seite springen, wenn Gefahr droht. Das Hochwasser, „l?aqua alta“, die plötzlich aufheulenden Sirenen aus Marghera, wenn Chemie in die Lagune gelangt, die Motorboote, die zwischen den Inseln dahinjagen. Venedig ist verletzlich. Das Brackwasser der Lagune nagt an den Pfählen und Fundamenten, Feuchtigkeit kriecht die Mauern hinauf. Und wenn nun der Meeresspiegel weiter steigt? Sich dem Schicksal zu überlassen, auch darin hat man Erfahrung: Zeiten, Herrscher und Machthaber sind gekommen und gegangen wie Ebbe und Flut, die Serenissima hat überlebt, allen Untergangsszenarien zum Trotz.

Dogen, Franzosen, Österreicher und Italiener – Venedig hat viele Herren gesehen. Und wem gehört die Stadt heute? Den AmerikanerInnen, RussInnen und ChinesInnen? Die VenezianerInnen fluchen. Diese TouristInnen. Überall die Horden mit ihren Stadtplänen, den Kameras und Handys. Und nun auch noch dieser Fotograf. Will ganz nah ran an die Menschen, die hier leben. Kann man ihm trauen? Venedig war immer schon eine Stadt der KünstlerInnen. Veronese, Carpaccio, Peggy Guggenheim, die Biennale. Auch das prägt. Also gut, lassen wir ihn machen. Der Fremde stellt die Weichen. Legt seine Modelle auf den Boden und startet seinen Scanner. Einatmen und ruhig liegen, bitte. Armlänge, Augenfarbe, Form der Nase. Scans vermessen den Menschen, vom Scheitel bis zur Sohle, von der Zehenspitze zurück zum Haupt. Jeder zeigt sich so, wie er ist, in Jacke und Hose, in abgetragenen Schuhen, der Kleidung des Alltags. Wer hinter die Porträts schaut, sieht die Türen zu Werkstätten und Küchen aufgehen, zu den Hinterzimmern der Galerien und den Lagerhallen der FischhändlerInnen.

Der Koch, die einigngskraft, die Studentin. Ein paar Momente lang halten sie still und lassen sich betrachten. Dann stehen sie auf, schnüren ihre Schuhe und Stiefel, nehmen die Beine unter den Arm. Sie verschwinden in der Menge. Zurück bleiben die Fotos von Kurt Hörbst – und Irritationen. „Das Glück begreifen, dass der Boden, auf dem du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße ihn bedecken.“ Franz Kafka. Die Fundamente, die uns tragen, beben. Plötzlich kann alles ganz anders sein. Auch das zeigen diese Porträts. Venedig ist überall. So oder so.

Luca (Kellner), Alessandra (Angestellte), Alil (Bauarbeiter)

Der Blick von oben

Der oberösterreichische Fotograf Kurt Hörbst hatte im Herbst 2011 als „Artist in Residence“ für vier Wochen seinen „People Scanner“ in Venedig aufgebaut. 45 Menschen, die in Venedig wohnen und arbeiten, legten sich unter den Scanner. Aus rund 15 Einzelbildern fügte der Fotograf anschließend lebensgroße Porträts der LagunenbewohnerInnen zusammen. Einige dieser Bilder werden in „Welt der Frau“ das erste Mal gezeigt. Kurt Hörbst ist unter anderem Referent der „Prager Fotoschule Österreich“, seine Arbeit wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. www.kurthoerbst.com

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2012 – von Susanne Schaber