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Schrödingers Kugel

Während meiner ersten Schwangerschaft konnte ich mich gar nicht früh genug in Umstandsmode hüllen – ich genoss das Gefühl endlich in den exklusiven Club der Babybauchträgerinnen aufgenommen worden zu sein. Am Liebsten hätte ich schon in der sechsten Woche alles rausgestreckt, was da war, nur um meinem stolzen Status optischen Ausdruck zu verleihen. Überhaupt waren die ersten Wochen geprägt von hemmungsloser Aufregung und einem bestimmt für meine Umwelt sehr anstrengenden Mitteilungsbedürfnis. „Ja, danke, noch 100 Gramm Gouda, ich bin nämlich schwanger!“
Dieses Mal ist alles anders. Zwar zwickt und zwackt es auch schon gewaltig und ein paar Extrakilos haben sich auch schon dazugesellt, aber trotzdem genieße ich es jetzt im vierten Monat noch mit geschickt drapierter Kleidung ein wandelndes Fragezeichen zu sein. Blähbauch? Zu viel gegessen? Oder vielleicht doch schwanger? So sehr ich meine Rundungen grundsätzlich liebe – schwanger hin oder her – im Moment versuche ich noch eine Weile optische Neutralität herauszuschinden. Ich habe jetzt auch endgültig die alten Umstandsklamotten rausgeholt – es hilft nichts und warum sich das Leben schwer machen, wenn die gemütliche Umstandsjoggingshose mit dem Schlabberbund sich anfühlt wie eine sanfte, einlullende Umarmung?

Sehr genau weiß ich noch, dass ich mir die letzten Wochen der letzten Schwangerschaft nichts sehnlicher gewünscht hatte als für ein paar Stunden mal ohne Riesenbauch, ganz federleicht herumzuflanieren – nicht watschelnd, in gescheiten Schuhen und einfach mal nicht so viel Raum einnehmend. Deshalb genieße ich die Zeit mit Schrödingers Kugel – ist sie oder ist sie nicht schwanger – noch solange der Bauch nicht seine eigene Wirklichkeit einfordert, wobei es sich beim momentanen Wachstum an Umfang wohl nur mehr um Tage handeln kann.

Susi Nagele-Krautgartner

wurde 1982 geboren und lebt mit Mann und Sohn in München. Die promovierte Kunstpädagogin und Künstlerin realisiert Kunst- und Kunstvermittlungsprojekte verschiedener Sparten im In- und Ausland. Dafür wurde die gebürtige Innviertlerin bereits mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Themen wie Gleichstellung, Gender und deren lebenspraktische Umsetzung beschäftigen sie in all ihren Texten und Bildern. Der Blog ist die Fortsetzung von “Susis Babyzeit” (2014-2016). www.susikrautgartner.com