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Schön genug? Wie wir alte Schönheitsideale hinter uns lassen

Schön genug? Wie wir alte Schönheitsideale hinter uns lassen
Foto: Shutterstock
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  • Veröffentlicht: 07.12.2025
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Als Frau lernen wir früh, dass Schönheit uns weiterbringt. Aber stimmt das wirklich? Susanne Krammer hat diese Ideale hinter sich gelassen und eine neue Freiheit gefunden.

Susanne Krammer ist schon immer fasziniert von Schönheit. Sie umgibt sich als Teenagerin mit schönen Dingen und Menschen und beginnt schnell, sich dem Schönheitswahn immer mehr unterzuordnen. Der Faible für Schönheit geht irgendwann soweit, dass sie erst in die Magersucht schlittert – und später durch eine missglückte Schönheitsoperation nur knapp einer potentiell tödlichen Sepsis entgeht. Das ist mittlerweile einige Jahre her – und Krammer hat ihren Blick auf Schönheit geändert. Wir haben sie gefragt, wie sie heute mit Schönheitsidealen umgeht und was wir alle aus ihrer Geschichte über Selbstliebe und gesellschaftliche Erwartungen an das Frausein lernen können.

Ihr neues Buch „Schön genug!“ ist gerade erschienen. Darin geht es um Schönheitsideale und ihre Tücken. Sie haben sich schon als junges Mädchen für Schönheit interessiert. Warum?
Susanne Krammer: Es war der perfekte Ausgleich zu meinem sehr irdischen Leben, das emotional von einer Schwerkraft geprägt war, in der ich mich ein Stück weit gefangen fühlte. Wann immer ich mit meinen Gedanken spazieren ging, wollte ich an nichts Schlimmes denken – ich habe mich weggeträumt in Welten, die nicht echt sind.

Wann wurde aus dieser Traumwelt eine reale Sehnsucht?
Irgendwann habe ich gemerkt: Es gibt tatsächlich Frauen, die aussehen wie Engel. Eine Claudia Schiffer war für mich so jemand. Ich habe mich also gefragt, wie man so einen scheinbar makellosen Körper haben kann und begonnen, mich selbst zu optimieren. Aber ich konnte mich auch schon immer aufrichtig über die Schönheit anderer freuen.

Etwas, das in Ihrem Beruf als Make up-Artistin elementar ist.
Absolut. Das ist die Quintessenz meines Jobs – Menschen anzuschauen, sie wirklich zu sehen. Ich glaube, ich habe die Fähigkeit, Schönheit wahrzunehmen, wo andere sie vielleicht übersehen. Das ist ein großes Lebenselixier für mich.

Gleichzeitig war die Schönheit für dich auch eine Form von Flucht. Ging es dabei um eine Art Schutzmechanismus?
Ja, um Schutz und Zerstörung zugleich. Ich wollte damals kein Teil der Welt sein, die meine Realität war, sondern zu den Engeln gehören – den vermeintlich perfekten Frauen. Das war ein großer Traum. Es war eine Flucht. Später wurde es aber auch zur Druckkulisse, weil ich merkte: Ich werde nie dazugehören. Ich war das Kind aus der Arbeiterklasse, das plötzlich bei der Königsfamilie steht. So habe ich mich sehr oft in meinem Leben gefühlt – und manchmal tue ich das heute noch.

Wie hat sich dieses Gefühl über die Jahre verändert?
Heute bin ich gepackt mit Selbstliebe und weiß um meinen Unterschied. Ich weiß, dass ich vieles in meiner Kindheit nicht erfahren habe, was andere erleben durften – und das werde ich nie aufholen können. Das war einer der wichtigsten Schritte meiner Heilung: zu begreifen, dass ich das Fehlende nicht füllen kann, aber trotzdem im Hier und Jetzt glücklich sein darf. Wenn ich heute in solchen Räumen bin, weiß ich um meine Andersartigkeit – und ich liebe mich genau dafür. Manchmal passe ich, manchmal nicht. Und das ist okay.

Viele von uns tun sich mit der eigenen Andersartigkeit schwer.
Ja, weil wir uns so sehr wünschen, dass andere uns sehen und sagen: „Du bist in Ordnung.“ Wir suchen ständig Bestätigung. Aber ich bin an den Punkt gekommen, an dem ich sie nicht mehr brauche. Wenn jemand mich nicht mag, ist das sein gutes Recht. Ich kann nicht erwarten, dass mich jeder liebt. Wenn jemand mich nicht sieht oder nicht meiner Meinung ist, bedeutet das keine Ablehnung. Es ist einfach ein natürlicher Prozess.

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Leonie Zimmermann

Chefredakteurin Digital

In Deutschland 1993 geboren und aufgewachsen, nach dem Journalistik-Studium, einer Selbstständigkeit und mehreren Stationen in deutschen Medienhäusern, darunter das RedaktionsNetzwerk Deutschland und das Wochenmagazin stern, seit März als Chefredakteurin digital für Welt der Frauen tätig. Faible für Psychologie, Reisen, Feminismus – und die digitale Welt.

[email protected]

Foto: Barbara Aichinger


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