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03/26

Schluss mit Süß: Wie wir endlich weniger Zucker essen

Schluss mit Süß: Wie wir endlich weniger Zucker essen
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  • Veröffentlicht: 24.03.2026
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Zucker ist überall – sogar dort, wo wir ihn gar nicht vermuten. Viele Menschen würden gerne weniger davon konsumieren, manche sogar radikal aussteigen. Aber wie realistisch ist ein Leben ohne Süßes?

Donnerstag, 16 Uhr. Der Arbeitstag zieht sich, der Kopf wird schwer, die Augen auch, irgendwo raschelt Papier. Ehe man sich versieht, „hüpft“ einem ein Stück Schokolade in den Mund und fünf Minuten später fragt man sich, wo denn nur die ganze Tafel geblieben ist? Wer das kennt, ist in bester Gesellschaft, denn auf Zucker zu verzichten, fällt vielen Menschen schwer. Nicht, weil sie schwach sind, sondern weil Zucker einfach gut schmeckt und vermeintlich gut tut.  

Schauen wir uns einmal an, was Zucker im Körper eigentlich bewirkt. Nun, zunächst ist Zucker ein schneller Energielieferant. Sobald wir etwas Süßes essen, gelangt der Zucker ins Blut, der Blutzuckerspiegel steigt und die Bauchspeicheldrüse schüttet Insulin aus. Dieses Hormon sorgt dafür, dass die Energie aus dem Blut in die Zellen transportiert wird, wo sie sofort genutzt oder gespeichert werden kann. Kurzfristig kann Zucker daher wach machen und rasch Energie liefern. Leider fällt der Blutzucker nach dem schnellen Anstieg oft ebenso rasch wieder ab, so mancher kennt das als typisches Nachmittagstief mit Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und neuem Heißhunger. 

Versteckter Zucker

Nicht nur Kuchen und Schokolade enthalten Zucker. Viel häufiger steckt er dort, wo man ihn kaum vermutet.

Fruchtjoghurt: Klingt gesund, enthält aber oft mehrere Zuckerwürfel pro Becher. Naturjoghurt plus frisches Obst ist meist die bessere Wahl. 

Müslis & Granola: Knusprig, voller Körner und trotzdem oft stark gesüßt. Besonders Crunchy-Mischungen enthalten überraschend viel Zucker oder Sirup. 

Smoothies & Fruchtsäfte: Flüssiges Obst liefert große Mengen Zucker in kurzer Zeit – häufig mehr als Limonaden. Besser: Obst essen statt trinken. 

Fertigsaucen & Ketchup: Tomatensauce, Grillmarinaden oder Salatdressings werden häufig gezuckert, um Säure auszugleichen und den Geschmack „runder“ zu machen. 

Brot & Gebäck: Vor allem Toastbrot, Burger-Buns oder abgepacktes Gebäck enthalten oft Zucker oder Sirup, selbst wenn sie nicht süß schmecken. 

Pflanzliche Drinks & Proteinprodukte: Hafer- oder Mandeldrinks sowie Proteinriegel wirken gesund, sind aber häufig gesüßt oder mit Sirup angereichert. 

„Gesunde“ Riegel & Energy Balls: Datteln, Reissirup oder Agavendicksaft klingen natürlich, bleiben aber Zucker. Die Kalorien- und Zuckermenge kann ähnlich hoch sein wie bei klassischen Süßigkeiten.  

Tipp: Auf Zutatenlisten versteckt sich Zucker hinter vielen Namen: Sirup, Maltodextrin, Fruchtsaftkonzentrat, Dextrose, Glukosesirup oder Maltose – alles Varianten mit ähnlicher Wirkung im Körper. 

Auch im Gehirn spielt Zucker eine wichtige Rolle: Er aktiviert das Belohnungssystem und sorgt für die Ausschüttung von Botenstoffen wie Dopamin, die ein angenehmes Gefühl erzeugen. Das erklärt, warum Süßes häufig bei Stress, Frust oder Erschöpfung besonders attraktiv wirkt. 

Problematisch wird Zucker vor allem dann, wenn er regelmäßig in größeren Mengen konsumiert wird. Ein dauerhaft hoher Insulinspiegel kann die Insulinempfindlichkeit verschlechtern, was langfristig das Risiko für Übergewicht, Typ-2-Diabetes oder eine Fettleber erhöht. Gleichzeitig sättigen stark zuckerhaltige Lebensmittel meist schlecht, weil ihnen Ballaststoffe und Proteine fehlen, wodurch man oft mehr Kalorien zu sich nimmt, ohne wirklich zufrieden zu sein. 

Ein weiterer Punkt, auf den  Ernährungsmedizinerin Mag. Julia Tulipan hinweist: „Für den Körper macht es kaum einen Unterschied, ob Zucker aus Haushaltszucker oder aus Honig, Agavendicksaft, Dattelsirup und Apfelaftkonzentrat kommt.“ Hinter all diesen vermeintlich gesunden Alternativen versteckt sich ebenfalls schlicht Zucker, der denselben Effekt auf Insulin und Blutzucker hat. Gleiches gilt für scheinbar gesunde Snacks. „Ein Dattelriegel kann am Ende ähnlich viel Zucker enthalten wie ein klassischer Schokoriegel“, sagt Tulipan nüchtern. Der Blick auf die Zutatenliste ist daher oft ehrlicher als das Verpackungsdesign. 

Und was ist mit dem Fruchtzucker aus Obst? Auch hier lohnt ein differenzierter Blick. Ganze Früchte enthalten zwar Vitamine und Ballaststoffe, dennoch seien viele Sorten heute deutlich süßer gezüchtet als früher. Tulipan empfiehlt deshalb, Obst eher als Dessert nach dem Essen zu betrachten, aber nicht in großen Mengen zum Beispiel als Frühstücksbasis. Besonders wichtig ist die Form: Essen statt trinken! Säfte und Smoothies liefern rasch große Zuckermengen und können im Gehalt sogar klassische Limonaden übertreffen. 

Zucker im Griff 

Für viele Menschen sind dies genügend Gründe, um ihren Zuckerkonsum bewusst zu reduzieren. Ihnen geht es meist vorrangig darum, kleine Zuckerfallen im Alltag zu erkennen und zu vermeiden, die sich unbemerkt summieren. Schon das Streichen von stark zuckerhaltigen Getränken oder der Austausch von Snacks kann einen spürbaren Unterschied machen. Ebenso wirkungsvoll: Echte Mahlzeiten mit ausreichend Protein aus Eiern, Joghurt, Fisch, Fleisch oder Hülsenfrüchten kombiniert mit Gemüse. Das stabilisiert die Sättigung und reduziert Cravings (intensive, oft schwer zu kontrollierende Heißhungerattacken auf Süßes), die sonst unweigerlich zum Nasch-Karussell führen. 

Böser Zucker?

Zucker ist kein „Gift“, aber die Menge macht das Problem. Unser Körper kann kleine Mengen gut verarbeiten, dauerhaft zu viel Zucker bringt jedoch das Stoffwechselsystem aus dem Gleichgewicht.

Blutzucker-Achterbahn: Zucker lässt den Blutzucker schnell ansteigen, danach folgt oft ein rascher Abfall. Das kann Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und erneuten Heißhunger auslösen. 

Insulin im Dauereinsatz: Häufige Zuckerzufuhr fordert ständig Insulin. Auf Dauer kann das die Insulinempfindlichkeit verringern und das ist ein Risikofaktor für Übergewicht, Prädiabetes und Typ-2-Diabetes. 

Mehr Hunger statt mehr Sättigung: Zucker liefert schnelle Energie, aber kaum Ballaststoffe oder Proteine. Man isst dadurch oft mehr, als der Körper eigentlich braucht. 

Entzündungen & Gesundheit: Ein hoher Konsum stark verarbeiteter, zuckerreicher Lebensmittel steht mit Entzündungsprozessen im Körper, Fettleber, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Stimmungsschwankungen in Verbindung. 

Tulipan empfiehlt außerdem, die Umgebung zu verändern, statt allein auf Willenskraft zu setzen: Gehen Sie bewusst einkaufen („Wer nichts Süßes daheim hat, kann auch nicht schnell darauf zurückgreifen!“), bewahren Sie Süßigkeiten nicht sichtbar in der Wohnung auf und halten Sie gesunde, zuckerfreie Snacks für den Heißhunger parat. Dafür eignen sich etwa griechischer Joghurt mit Beeren, Nüssen oder ein Stück dunkle Schokolade in klar definierter Menge. „Alltagstauglich wird es, wenn man nicht alles verbietet, sondern zuerst Flüssigzucker stoppt und Mahlzeiten so baut, dass man wirklich satt wird“, sagt Tulipan. Dieser moderate Ansatz eignet sich vor allem für Menschen, die Zucker eher „nebenbei“ konsumieren, ohne dass Kontrollverlust auftritt, oder die bei zu strengen Regeln in Schwarz-Weiß-Denken oder kompensatorisches Essen verfallen würden. Ziel ist nicht Perfektion, sondern ein Essverhalten, das langfristig funktioniert. 

Bye-bye Zucker 

Für manche Menschen reicht dieser moderater Ansatz nicht, sie entscheiden sich dafür, Zucker komplett aus ihrem Leben zu verbannen. Das kann sinnvoll sein, wenn bestimmte zuckerhaltige Lebensmittel immer wieder zum Kontrollverlust führen oder wenn starke Cravings auftreten. „Wenn ein Keks zu viel ist und tausend nicht genug, kann Abstinenz leichter sein als moderate Regeln“, zitiert Tulipan die britische Psychologin Dr. Jen Unwin. 

Ein solcher radikaler Schnitt sollte gut vorbereitet sein: Küche ausmisten, Triggerfoods konsequent entfernen und Mahlzeiten so planen, dass sie sättigen und Energie liefern. Und: Stellen Sie sich auf Entzug ein! Gerade die ersten zwei bis drei Wochen können unerquicklich sein: Starkes Verlangen, Heißhunger, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Gereiztheit oder Konzentrationsprobleme sind keine Seltenheit. Ebenso filmreife Szenen wie nächtliche Ausflüge zur Tankstelle oder heimlich versteckte Vorräte. Für Tulipan sind das deutliche Zeichen dafür, dass mehr als nur Genuss im Spiel ist. Doch die gute Nachricht: Wer diese Phase übersteht, wird belohnt, mit stabilerer Energie, weniger Snackdrang und einem ruhigeren Kopf. Das ständige Kreisen um das nächste Süße lässt nach, weil der Blutzucker nicht mehr Achterbahn fährt. 

Freiheit statt Verzicht 

Ob ein moderater oder radikaler Ansatz besser zu einem passt, hängt stark von der eigenen Persönlichkeit ab. Am Ende geht es beim Zuckerverzicht nicht um Zwang, sondern um Wahlfreiheit. Wer bewusst entscheidet, wann und wie er Süßes genießt, gewinnt ein Stück Kontrolle zurück und spürt vielleicht, dass weniger Zucker nicht weniger Genuss bedeutet, sondern mehr Klarheit, Energie und Gelassenheit. Und wer weiß: Vielleicht schmeckt das nächste Stück Schokolade, das man bewusst auswählt statt es nebenbei zu inhalieren, sogar doppelt so gut. 

10 Tipps für den zuckerfreien Start

Flüssigzucker streichen: Softdrinks, gesüßte Säfte, Eiskaffee oder Smoothies zuerst reduzieren. 

Küche ausmisten: Alle Süßigkeiten und stark zuckerhaltigen Snacks aus Sichtweite entfernen. 

Bewusste Mahlzeiten: Hauptmahlzeiten mit ausreichend Protein, Gemüse und gesunden Fetten planen. 

Snack-Alternativen bereitstellen: Nüsse, griechischer Joghurt mit Beeren oder dunkle Schokolade in kleinen Portionen. 

Einkaufsroutine anpassen: Vorräte bewusst auswählen, nicht hungrig oder impulsiv einkaufen. 

Obst bewusst genießen: Ganze Früchte nach Mahlzeiten als Dessert. Säfte oder Smoothies vermeiden. 

Trigger identifizieren: Achten, wann Heißhunger auftritt, und alternative Routinen entwickeln. 

Flüssigkeit & Bewegung: Viel Wasser trinken, kurze Bewegungspausen helfen, Heißhungerattacken zu reduzieren. 

Schrittweise vorgehen: Nicht alles auf einmal ändern, sondern Etappen setzen und Erfolge feiern. 

Geduld haben: Die ersten zwei bis drei Wochen sind kritisch. Danach stabilisiert sich Energie und Verlangen. 

 

Angelika Kraft

Freie Journalistin

Angelika Kraft ist selbstständige Journalistin in Wien mit einem breiten Themenspektrum. Neben Welt der Frauen und Refresh arbeitet sie unter anderem für Active Beauty, Gesund&Leben, all4family, Tipi, Gewinn, Cash oder Freie Fahrt. In ihrer Freizeit schreibt die diplomierte Marktkommunikationsfachfrau gerne Geschichten und Gedichte, liest, reist, fotografiert und arbeitet mit Leidenschaft in ihrem Garten. Als Sommelière und Diplom-Kaffeesommelière interessiert sie sich zudem für gutes Essen und Trinken.

Foto: Mario Witti

[email protected]


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