Die Schweizerin Sarah Marquis wandert seit über 25 Jahren allein durch die entlegensten Winkel der Erde. Über den Zusammenhalt unter Frauen und das tiefe Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Frau Marquis, seit über 25 Jahren wandern Sie durch die Wildnis, insgesamt sind Sie schon einmal um die komplette Erde gelaufen. Unter anderem sind Sie drei Jahre lang von Sibirien nach Australien gewandert und acht Monate durch Südamerika. Woher kommt Ihre Liebe zum Wandern und Entdecken?
Ich wurde als Forscherin und Entdeckerin geboren. Schon im Alter von sechs oder sieben Jahren bin ich von zuhause weggelaufen, habe meinen Hund und meine Tasche gepackt, bin durch den Wald gestreift und habe mich in einer Höhle versteckt. Ich wollte schon immer raus in die Wildnis und das Unbekannte entdecken. Das ist meine Mission im Leben.
Fühlen Sie sich nicht auch manchmal einsam, wenn Sie monatelang allein in der Wildnis unterwegs sind?
Nein, denn wir sind nie allein. Wir sind Teil der Natur, wir sind der Baum, die Blume, die Erde. Es ist so wichtig, dass wir uns wieder mehr mit der Umwelt verbinden, selbst wenn wir nur barfuß durch den Park um die Ecke laufen. Wenn ich da draußen in der Wildnis bin, bin ich glücklich.
Wie bereiten Sie sich auf Ihre Expeditionen vor?
Das ist immer ein bisschen verschieden. In jedem Fall muss ich meinen Körper trainieren, denn ich trage einen 30 Kilogramm schweren Rucksack auf dem Rücken. Darin befindet sich meine Ausrüstung, vom Wasserkocher über die Teekanne bis hin zum Getreide. Dann lese ich alles, was ich über die Region finden kann. Ich studiere meine topographische Karte so lange, bis ich genau weiß, wie die Landschaft aussieht, wo es Wasser gibt, wo das Gelände unwägbar wird.
Sicherlich geht aber trotzdem manchmal etwas schief?
Es läuft nie alles nach Plan. In Tasmanien bin ich zum Beispiel in eine Schlucht gefallen. Ich habe mir meine Schulter gebrochen und keinen Empfang auf meinem Satellitentelefon gehabt. Ich musste drei Tage nach oben kriechen, bis ich mir einen Helikopter rufen konnte.
Und in solchen Momenten haben Sie keine Angst?
Die Angst ist wie eine Freundin, sie begleitet und beschützt mich. Wenn ich losgehe, weiß ich, dass mein Leben auf dem Spiel steht. Aber ich glaube fest an meine Fähigkeiten. Wir sind so viel stärker, als wir denken. Und wir können nur außerhalb unserer Komfortzone wachsen. Das Leben in der Natur mit all den Höhen und Tiefen hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Deshalb gehe ich immer wieder aufs Neue los.
Gibt es bestimmte Regeln, die Sie befolgen, um Risiken zu minimieren?
Ich achte immer auf die Umgebung und laufe bei Tageslicht. Auch mein Nachtlager suche ich mir bei Tag aus. Ich gehe dann die Umgebung ab und schaue, ob ich tierische, oder menschliche Spuren im Boden sehe. Außerdem muss das Lager weit weg von Wasserstellen sein, denn wo Wasser ist, sind auch andere Menschen und Tiere. Ich verhalte mich so unauffällig wie möglich, mache kein Feuer und trage Kleidung in Tarntönen. Wenn ich durch Dörfer laufen muss, mache ich das ebenfalls früh am Morgen. Außerdem ändere ich meine Routinen jeden Tag, ich gehe niemals zur gleichen Zeit los.
Gab es trotzdem schon unschöne Begegnungen?
Ich bin abseits von getrampelten Pfaden unterwegs, in Ländern, deren Sprache ich nicht spreche und deren Kultur ich nicht gut kenne. Kurz gesagt: Brenzlige Situationen gibt es immer wieder, denn im Unbekannten lauern auch Gefahren. So zum Beispiel, als ich in der Wüste Gobi in der Mongolei unterwegs war. Schon von Weitem sah ich, wie zwei große, betrunkene Männer auf ihren Pferden in meine Richtung ritten. Weit und breit war niemand sonst, und es gab auch keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Erst wollte ich die beiden noch abhängen, aber ich war viel zu langsam. Also bin ich umgedreht und auf sie zugegangen. Ich hatte ein ungutes Gefühl. Wer will schon als Frau allein mit zwei betrunkenen Männern in der Wüste sein?
Was haben Sie dann gemacht?
Mir wurde plötzlich klar: Die Männer sind zwar betrunken, ihre Pferde aber nicht. Als ich schließlich vor ihnen stand, riss ich meine Arme in die Luft und fing an zu schreien. Die Pferde erschreckten sich, stiegen und die Männer fielen fast herunter. In der Mongolei ist es das Schlimmste, vom Pferd zu fallen. Einem alten Glauben nach zieht ein solcher Sturz böse Geister und großes Unglück an. Die beiden Männer waren so geschockt, dass sie einfach davonritten.
Woher wussten Sie plötzlich, was zu tun ist?
Der Schlüssel ist, präsent und im Moment zu bleiben. Wir haben alle einen Überlebensinstinkt, ein Bauchgefühl, eine innere Stimme, die uns leitet. Wenn wir wirklich durstig sind, können wir sogar Wasser riechen. Gerade wir Frauen besitzen einen sechsten Sinn, wir sind verbunden mit dem Land, mit Mutter Erde – und auch untereinander. Dieser Zusammenhalt begegnet mir immer wieder auf meinen Expeditionen.
Inwiefern?
Andere Frauen verstehen mich und meine Reise, selbst wenn ich die Sprache nicht spreche. Besonders eindrücklich habe ich das in einem Dorf in der chinesischen Provinz Yunnan erlebt. Erst sind mir die Frauen misstrauisch und wütend entgegengetreten, weil das die Regeln des Dorfes so vorschreiben. Aber dann haben sie hinter der nächsten Ecke mit einer Schüssel Reis auf mich gewartet – ein wunderbares Zeugnis von gelebter Schwesternschaft.
Am Ende überwiegen also die schönen Momente?
Es sind eher die Augenblicke dazwischen, die die Erfahrung ausmachen: die Hitze, der Wind, das raue Wetter, die endlose Landschaft und die täglichen Kilometer. Gehen hat etwas Philosophisches: Ich denke nicht darüber nach, wie weit ich noch vor mir habe oder wie weit ich bereits gekommen bin. Ich bin einfach dort, wo ich gerade bin.
Wenn Sie nach tausenden Kilometern dann aber endlich am Ziel ankommen, überkommt Sie da nicht ein Gefühl des Glücks?
In der Regel schaue ich zurück und bin einfach dankbar dafür, was ich geschafft habe, dankbar dafür, am Leben zu sein. Und vor allem bin ich hungrig! Als ich nach meiner dreijährigen Expedition in Australien ankam, hatte mein Team nichts zu essen dabei. Also sind wir in das nächste Roadhouse gefahren, es war 70 Kilometer weg. Doch wir kamen zwei Minuten zu spät. Als wir ankamen, hatte die Küche geschlossen. Dann gab es eben ein Snickers zum Abendessen.
Ihre Erlebnisse schreiben Sie auch in Büchern nieder, außerdem halten Sie Vorträge und Seminare. Was möchten Sie anderen Frauen mit auf den Weg geben?
Wir haben genug durchgemacht, jetzt sind wir bereit, nach vorn zu schauen und unseren Platz in der Welt einzunehmen. Die Zeit ist gekommen, unsere eigene Stärke zu entdecken. Geht hinaus und folgt eurem Herzen! Nehmt jedes Abenteuer an, das euch begegnet! Tut das, was euch glücklich macht – dann seid ihr auf dem richtigen Weg zum Erfolg!
Zur Person
Sarah Marquis ist eine Schweizer Abenteurerin und Autorin von zwölf Büchern. Seit mehr als 25 Jahren durchquert sie einige der entlegensten Regionen der Erde zu Fuß. So legte sie etwa 4.260 Kilometer durch den Westen der USA sowie 14.000 Kilometer durch das australische Outback zurück, wanderte acht Monate lang von Chile nach Peru und verbrachte ab 2010 drei Jahre auf einer Expedition von Sibirien über die Mongolei, die Wüste Gobi, Laos und Thailand bis nach Australien. Für ihre Leistungen wurde sie unter anderem von „National Geographic“ als „Adventurer of the Year“ nominiert und als eine der einflussreichsten Reisenden weltweit gewürdigt. Wenn sie nicht in der Wildnis unterwegs ist, tankt sie Kraft in ihrem selbstgebauten Tiny House mitten im Walliser Wald. Ihre Abenteuer teilt sie zudem auf ihrem Instagram-Kanal und auf ihrer Website.
Instagram: @explorer_sarahmarquis
Website: sarahmarquis.com
