Für die Print-Ausgabe von „Welt der Frauen“ hat Sarah Kuratle exklusiv einen bislang unveröffentlichten Text beigesteuert. Im Kurzinterview erzählt sie, welche Rolle das Schreiben in ihrem Leben spielt.
Wie kamen Sie zum Schreiben?
Übers Zuhören, übers Lesen und übers Sprechen bin ich zum Schreiben gekommen. Mit dem Formulieren und Fabulieren fand und finde ich mich im Leben zurecht. Zwischen Lyrik und Prosa.
Was bedeutet Ihnen das Schreiben?
Zu schreiben lässt mich anders wahrnehmen, weiter denken, tiefer spüren. Wenn ich erzähle, dichte, versuche ich, die Welt, das Erleben zu ordnen und Worte für das Uneindeutige zu finden.
Worum geht es in Ihren Werken?
Ich erforsche, was es heißt, ein Mensch zu sein, in der Natur und Gesellschaft, zu lieben, bedingt oder bedingungslos, so oder anders zu leben, mit Angst oder Wut, traurig und fröhlich zu sein.
Was möchten Sie mit Ihren Werken erreichen?
Meine Werke, insbesondere mein letzter Roman „Chimäre“, sind der Versuch, der Vielfalt und der Verwobenheit als grundlegenden Eigenschaften und Werte auf den Grund zu gehen.
Buchtipp: „Chimäre“ von Sarah Kuratle
Eine Inselgemeinschaft aus Lehrern und Schülern kämpft um den Erhalt der Artenvielfalt. In hängenden Gärten und lebendigen Zeichnungen versuchen sie, das Leben zu retten und selbst nicht unterzugehen. Zu ihnen gehört Alice, die sich auf der Insel als Alois ausgibt.
Eines Tages verlässt sie die Insel und zieht durch die menschenleere Weite auf dem Festland. Nach Jahren der Unterdrückung will sie wahrnehmen, wo sie selbst anfängt und aufhört, was sie begehrt und wen sie lieben kann. Gregor indes, der Freund und Vertraute, bleibt auf der Insel. Harte Erfahrungen fordern ihren Tribut, er trägt ein Trauma mit sich, das er zeichnend zu bannen versucht. Eine Fremde, die in den Gärten auftaucht, findet langsam Zugang zu ihm. Während Alice durch trockengelegte Auen und versehrte Wälder irrt, gerät Gregors Welt ins Wanken.
Chimäre erzählt mit großer poetischer Kraft von den drängenden Themen unserer Zeit, von der Verflochtenheit allen Lebens und Sterbens. Das berührt bis ins Innerste und hallt lange nach.
Sarah Kuratle: „Chimäre“. Otto Müller Verlag, 23,95 Euro.
Zur Person
Geboren 1989 in Bad Ischl, aufgewachsen dies- und jenseits der schweizerisch-österreichischen Grenze. Studium der Germanistik und Philosophie. Ihre Lyrik und Prosa wurden vielfach ausgezeichnet. Ihr Romandebüt „Greta und Jannis“ (2021) war für den Literaturpreis Text & Sprache 2022 nominiert. Ihr zweiter Roman „Chimäre“ (2025), für den sie den Kreationsbeitrag von Pro Helvetia erhielt, stand drei Monate in Folge auf der ORF-Bestenliste.
