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04-05/2026

Ruth Wodak: „Gendern ist die Spitze des Eisbergs“

Ruth Wodak: „Gendern ist die Spitze des Eisbergs“
Foto: Andreas Röbl
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  • Veröffentlicht: 22.04.2026
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Ruth Wodak erforscht seit Jahrzehnten, wie wir miteinander sprechen. Warum viele Debatten am Kern vorbeigehen und wie unsere Sprache Macht, Politik und das gesellschaftliche Zusammenleben prägen.

Wir kommunizieren so viel wie nie zuvor, gleichzeitig sind uns die Worte auch ein wenig verloren gegangen: Wir reden weniger miteinander und hören nicht mehr so genau zu. Auch die politische Kommunikation hat sich verändert und wir erleben eine Verrohung der Sprache. Und wie wird eigentlich über uns Frauen gesprochen? Mit all diesen Fragen beschäftigt sich Ruth Wodak als international renommierte Pionierin der Sprachwissenschaft und Mitbegründerin der Kritischen Diskursforschung. Im Gespräch erzählt sie, welche Tabus gefallen sind, was in der Corona-Kommunikation schiefgelaufen ist, und warum früher auch nicht alles besser war.

Wann ist ein Gespräch – wie unser Interview – geglückt?
Wenn beide Teilnehmer:innen das Gefühl haben, ihre Erwartungen wurden erfüllt.

Eine freundliche Unterhaltung kann also negativ sein, wenn eine:r sie als Ablenkungsmanöver empfindet? Und ein Streit kann positiv sein, wenn sich beide gehört und verstanden fühlen?
Absolut. Geglückte Kommunikation hängt sehr davon ab, was man erreichen wollte. Wir besitzen alle Einstellungen, Vorstellungen von unserem Gegenüber und Themen, die uns wichtig sind, und versuchen bewusst oder unbewusst, all das unterzubringen. Wir erwarten Antworten und Lösungen für unsere Fragen und Probleme. Wenn zumindest ein Teil dieser Hoffnungen erfüllt wird, ist das Gespräch geglückt.

Voraussetzung ist die gleiche Sprache. Als Kind sind Sie oft umgezogen, haben in verschiedenen Ländern gelebt und zumindest anfangs kein Wort verstanden. Wie war das für Sie?
Das hat mich sehr geprägt. Ich war Einzelkind – ich habe sehr viel ältere Halbgeschwister – und war darauf angewiesen, Kontakte zu knüpfen. Ich versuchte zunächst, mich mit Händen und Füßen auszudrücken. Dadurch begriff ich früh, wie wichtig es ist, sich verständlich zu machen. Sprachen lernen fällt mir leicht. Vielleicht auch, weil ich so früh erlebt habe, welche Bedeutung Sprache für jeglichen Kontakt besitzt. Ich finde Sprachen sehr schön und bin auch dafür, dass Kinder und Jugendliche mehrsprachig aufwachsen.

Sie sprechen neben Deutsch noch Englisch, Französisch und etwas Italienisch, Russisch und Serbisch. Wird das Sprachenlernen durch KI-Tools überflüssig?
Natürlich kann die KI Texte übersetzen, aber Details stimmen oft nicht – jedenfalls bisher. Für Gespräche von Mensch zu Mensch ist sie nicht geeignet, weil alles Nonverbale verloren geht. Viele Menschen sind sich nicht bewusst, wie viel sie über ihr Gesicht, ihren Körper und ihren Habitus ausdrücken: der Blick, ein Verziehen des Mundes, Handbewegungen, wie man dasteht, ob man nervös herumwippt und so weiter. Das Nonverbale kann dem Verbalen auch widersprechen: Man kann sagen, man sei entspannt, und gleichzeitig körperlich angespannt wirken. Dazu kommt die Gefühlsebene. Für meine Studien habe ich mit meinem Team sehr viele Gespräche zwischen Ärzt:innen und Patient:innen analysiert: Vertrauen und Empathie können wir nur von Angesicht zu Angesicht vermitteln. Therapeutische Chatbots können zwar vereinsamten Menschen helfen, denn sie sind besser, als wenn jemand gar keine:n Ansprechpartner:in hat. Aber generell sollten wir – besonders in der Medizin und in der Psychotherapie – Gespräche nicht durch KI ersetzen. Kommunikation besteht eben aus viel mehr als nur Worten.

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Saskia Blatakes

Redakteurin & Bildredakteurin

Schreibt über Wissenschaft & Gesellschaft.
Sie hat Politikwissenschaft studiert, berufliche Stationen waren die Süddeutsche Zeitung, das Institut für Höhere Studien und die Wiener Zeitung. Bevor sie als Redakteurin zur Welt der Frauen kam, arbeitete sie lange als Wissenschaftsjournalistin und Sachbuchautorin.

Sie stammt aus Bayern und hat in Konstanz, Hamburg und viele Jahre in Wien gelebt. Heute ist sie mit ihrer Familie im unaufgeregten Waldviertel zu Hause.

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Foto: Alexandra Grill


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