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Roedig fragt: Wann wird’s Wald?

Roedig fragt: Wann wird's Wald?
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  • Veröffentlicht: 20.11.2025
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Wir tragen „Sehnsuchtslandschaften“ in uns, bevor wir sie gesehen haben. Manche Orte rufen etwas in uns wach – eine Erinnerung, die älter ist als jede Erfahrung.

Eine klassische Frage der Bewusstseinsphilosophie lautet: Was war zuerst? Die Idee von einem Ding oder die sinnliche Erfahrung? Weiß ich zum Beispiel schon, was ein Apfel ist, bevor ich jemals einen gesehen habe? Der gesunde Menschenverstand würde sagen: „Klare Sache. Erst sieht der Mensch und dann lernt er, was – zum Beispiel – ein Apfel ist.“ Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen ist.

Das klingt plausibel, in Bezug auf den Wald aber habe ich meine Zweifel. Als Stadtkind aufgewachsen, kannte ich von früh auf nur vereinzelt Bäume, an denen die Hunde ihr Beinchen hoben. Es gab einen Spielplatz mit Randbepflanzung, einer Sandkiste und angelegtem Teich, dem „Schwanenspiegel“. Im Urlaub gab es Strand und Meer. Kein Wald, nirgends. Ich erinnere mich aber, dass ich bei einem Ausflug mit den Pfadfinder:innen zum sogenannten „Grafenberger Wald“ in komplette Verzückung geriet. Ich lief den anderen davon, rannte endlos zwischen den Bäumen hindurch. „Indianerin“ war ich und frei. Beladen mit einem dicken Ast kehrte ich irgendwann zur Gruppe zurück und rief glücklich: „Hugh, ich habe einen Bären gefangen!“ Und wurde sehr gescholten. Man habe mich überall gesucht. Egal war es mir. Ich kannte den Wald, schon bevor ich ihn kannte. Mein Element. Und im nächsten Leben, versprochen, werde ich Försterin.

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