Gefühle spürt man auch von außen, denkt Andrea Roedig. Manchmal überkommen sie uns wie ein Lufthauch, weshalb wir sie dann auch nicht – oder nur schwer – erklären können.
Neulich habe ich eine Kollegin aus früheren Tagen besucht. Ich hatte sie zwischenzeitlich aus den Augen verloren, sie ist Professorin an der Uni gewesen und hat sich vor allem mit der Philosophie der Gefühle beschäftigt. Wir aßen Kuchen, später Spargel, sie zeigte ihren großen Garten, in dem sich imposant eine Rose fast zu einem Baum ausgewachsen hatte.
Nebenbei sprach sie von einem Aufsatz, an dem sie gerade schreibe, über „Verachtung“ als typisches und fatales Gefühl unserer politischen Gegenwart. Und dann sagte sie etwas, das mich noch lange nachdenken ließ: „Gefühle sind Atmosphären.“ Sie sind nicht in uns drin, wie wir uns das normalerweise vorstellen, als „inneres Erleben“, sondern werden räumlich – das heißt, auch äußerlich – erlebt und finden damit objektiv zwischen den Menschen statt.
Ich finde das sehr einleuchtend und verließ die Kollegin mit einer neuen Sicht auf die Dinge (Denn wozu sonst ist Philosophie gut?): Gefühle liegen sozusagen in der Luft. Vielleicht treten wir in sie ein wie in einen Raum oder durchschreiten sie wie eine Wolke. Radelnd ließ ich auf dem langen Heimweg ein paar beschwingte Erkenntnisgefühle um mich herumschweben, bis ein schlecht gelaunter Autofahrer mich durch wildes Hupen in eine ganz anders gestimmte Atmosphäre zerrte. Stabil sind Gefühle auch nicht gerade.
