Nicht jedes potenziell traumatisierende Erlebnis führt zu Störungen. Es gibt einige Faktoren, die Betroffene gut schützen. Ein Gespräch mit der Psychotherapeutin Nina Petrik.
Was ist unter einem Trauma zu verstehen?
Man weiß heute, dass Trauma nicht im Ereignis selbst, sondern im Erleben des Ereignisses liegt. Das kennt man auch aus der Stressforschung: Wie stark jemand etwas als Stress erlebt, hängt von der subjektiven Bewertung der Erfahrung ab. Grundsätzlich sind Traumareaktionen in unserem Nervensystem angelegt und „normale“ Reaktionen einer Person auf „abnormale“ Zustände oder Ereignisse, sogenannte Extremstresserfahrungen. Jedoch ist das, was in uns ein Trauma bewirken kann, bei jedem unterschiedlich, und es hängt außerdem von mehreren Faktoren ab: etwa von den verfügbaren Bewältigungsstrategien, von der biologischen „Ausstattung“, von der Art des Extremstressereignisses, von der Tagesverfassung und dem sozialen System, in dem ein Mensch lebt oder in dem er diese traumatische Erfahrung macht. Wenn etwa jemand in ein vertrauensvolles Umfeld eingebettet ist, muss kein Trauma entstehen.
Inwieweit spielt Resilienz eine Rolle?
Ich habe mich intensiv mit Resilienz beschäftigt und sehe sie als eine kreative Kraft in uns, die uns hilft, über Hindernisse hinwegzukommen. Gerade bindungstraumatisierte Menschen finden oft kreative Wege aus ihrem Trauma und können – mit Hilfe und Zeit – ihre eigene Resilienzquelle gut anzapfen. Wir alle haben unseren „Resilienzkoffer“ und für die verschiedensten Schwierigkeiten gewisse Tools zur Verfügung. Wenn für eine konkrete Situation zu wenige dieser Tools zur Verfügung stehen, können Störungen entstehen. Das heißt aber nicht, dass der Koffer generell leer ist, bloß für diese Situation sind keine passenden Ressourcen vorhanden. Und man muss sagen, es gibt Ereignisse, für die die allermeisten Menschen keine Ressourcen zur Verfügung haben. Wie Viktor Frankl etwa das KZ so gut überstanden hat, ist für mich immer noch ein Wunder.
„Über die motorische Bewegung des Malens kommt man ohne Umweg auf die Körpersprachebene.“
Es gibt Studien, die belegen, dass ein Trauma nicht immer Traumafolgestörungen verursachen muss.
In der Therapie sehen wir halt auch nur jene Menschen, die bereits mit gewissen Herausforderungen zu kämpfen haben. Ich denke, ein Extremstressereignis verändert immer. Aber das müssen nicht in jedem Fall krankheitswertige Veränderungen sein. Vielleicht wird der eine vorsichtiger, der andere engagierter bei gewissen Themen.
Wie setzen Sie Ihre unterschiedlichen Zugänge aus Körper- und Kunsttherapie ein?
Trauma ist ein körperliches und psychisches Geschehen. So wie Menschen sehr unterschiedlich auf Extremstresserfahrungen reagieren, so unterschiedlich reagieren sie auch auf verschiedene Angebote der Behandlung. Manche finden einen Zugang über gestalterisches Schaffen, andere über den Körper, zum Beispiel über Konzentrative Bewegungstherapie, Yoga, Atemtechniken, EMDR, wiederum andere über Sprache und Schreiben. Die Phasen der Traumatherapie (Anm.: Sicherheit herstellen/Stabilisieren, Durcharbeiten/Trigger entmachten und Integrieren) sind leitgebend. Mit welchen Methoden wir arbeiten, mache ich davon abhängig, was dem Klienten leichtfällt.
Kunst kann ebenso eine Form von Körperarbeit sein.
Ja, Kunst kann sehr „somatisch“ erlebt werden. Denken Sie nur an die „Expressive Art Therapy“. Ich bin ausgebildet in „Guided Drawing“, das sich grundsätzlich sehr gut für die psychische Regulierung und Stabilisierung eignet, weil man mit beiden Händen gleichzeitig zeichnet. Das hat etwas Rhythmisches, damit schon sehr Körperliches und übrigens auch eine große Ähnlichkeit mit EMDR. Über die motorische Bewegung des Malens kommt man ohne Umweg auf die Körpersprachebene. Ich verwende diese Methode etwa bei Menschen mit präverbalem Trauma, die das Erlebte nicht in Worte fassen können. Generell halte ich jede Form der Kunsttherapie für gewinnbringend in der Traumabehandlung, weil sie Leichtigkeit, Eleganz und Wirksamkeit vereint und gut angenommen wird.
Begriffserklärungen
EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist eine Methode, bei der das Gehirn über Augenbewegungen beidseitig stimuliert wird.
Brainspotting gilt als Weiterentwicklung von EMDR. Hier hält man gewisse Augenpositionen („Spots“) fixiert. Beide Methoden werden in der Traumatherapie eingesetzt und helfen, belastende oder unbewusste Erinnerungen zu verarbeiten.
Bodyscan ist eine angeleitete Übung, bei der man den gesamten Körper achtsam „scannt“ und die verschiedenen Empfindungen wertfrei wahrnimmt.
Sind EMDR und Brainspotting vorwiegend Tools zur Konfrontation?
EMDR kann man auch rein zur Ressourcenarbeit einsetzen. Bezüglich Konfrontation stellt sich nicht die Frage, ob ja oder nein, sondern eher wann oder für wen. Manche wollen es, andere steigen schon aus, wenn man nur in die Nähe des Themas kommt. Manchmal können Erinnerungen auch nie bearbeitet werden, weil sie zu schrecklich und zerstörerisch sind. EMDR und Brainspotting sehe ich wie ein präzises Werkzeug, das etwa konkrete Trigger entmachtet oder Ressourcen installiert. Bei Entwicklungstraumata ist vieles oft sehr diffus. Ich würde da zuerst mit anderen Methoden arbeiten.
Therapieziel ist die Integration des traumatischen Ereignisses. Aber was bedeutet das genau? Verschwinden dann plötzlich alle Symptome? Angenommen, mir wird bei jedem Menschen mit Glatze schwindelig. Ist das dann einfach weg?
Integration meint zunächst, dass ich mein Leben in guter Qualität leben kann. Und die vorher störenden Symptome sind ja Teil der Traumatherapie, die kann ich mit EMDR zu entmachten versuchen. Manche Symptome aber lassen sich vielleicht nie völlig beseitigen, dann bedeutet Integration, dass ich damit einen Umgang gefunden habe, der nicht selbst- oder fremdschädigend ist. Also in Ihrem Beispiel könnte das sein, dass Sie vielleicht misstrauischer bleiben bei allen Menschen, die eine Glatze haben. Aber Sie können das einordnen: Der Trigger wird sozusagen entmachtet. Ihr Körper muss nicht „außer Kontrolle“ geraten, weil er weiß, da besteht im Hier und Jetzt keine Gefahr.
Können Sie uns ein kurzes Beispiel für Körpergedächtnis geben?
Ich selbst hatte vor einigen Jahren einen Fahrradunfall, bei dem ich von einer Straßenbahn angefahren wurde. Und obwohl alles gut ausgegangen ist, die Sanitäter hilfreich und die Ärzte unterstützend waren, hat mein Körper auf Verschiedenes reagiert: Beim „Bodyscan“ bin ich immer an derselben Stelle eingeschlafen. Als ich versuchte, wach zu bleiben, sind Erinnerungen an die Operation nach dem Unfall aufgetaucht. Wenn ich eine Straßenbahn bremsen hörte, bekam ich Herzrasen. Ich „dachte“ mich nicht traumatisiert und dennoch „fühlte“ mein Körper sich noch bedroht. Ich konnte das schließlich gut mit einer EMDR-Kollegin auflösen.
Kann sich der Körper auch „alleine“ heilen?
Es ist möglich, dass sich Symptome im Laufe des Lebens abschwächen. Heilsame Erfahrungen sind dafür wichtig, vor allem gute Beziehungen. Es hilft auch, den Zusammenhang herzustellen zwischen Symptomen und dem, was man erlebt hat. Das kann vieles abschwächen.
Wie würden Sie einer schwer traumatisierten Person wieder Zuversicht geben?
Der größte Schritt ist schon getan, wenn jemand eine Therapie beginnt. Alleine dieser Mut, für sich selbst einzustehen, kann euphorisieren. Und alles andere kann nur besser werden.
Zu den Personen
Nina Petrik ist Psychologin und Psychotherapeutin (Konzentrative Bewegungstherapie) in Wien mit zahlreichen Weiterbildungen. kbt-wien.at
Verena Halvax ist Redakteurin und Schreibcoachin. Sie hat sich aus persönlichen Gründen intensiv mit dem Thema Trauma beschäftigt. schreiben-als-weg.at
