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Raus auf die Straße!

An einem Kaffeehaustischchen auf dem Gehsteig sitzen und für eine Stunde das Wimmelbild der Stadt bestaunen ist zwischendurch recht vergnüglich.

Ja, das Nichtstun! Könnte einem leichtfallen, tut es aber nicht. Nennen wir es vielleicht lieber Pause. Klingt gleich weniger schambesetzt. Eine solche Pause legte ich dieser Tage ungeplant ein, und ich kann das Konzept wärmstens weiterempfehlen. Durch eine unerwartete Verkettung von Terminausfall und spontaner Kinderfremdbetreuung klaffte da plötzlich ein weites, zweistündiges Nachmittagsloch. Nun geht es mir wie allen anderen auch. Unverhofft auftauchende freie Stunden pflege ich gemeinhin mit der Erledigung von Liegengebliebenem oder dem Vorziehen von demnächst anstehenden Erledigungen umgehend wieder zuzustopfen. Nicht so an diesem Tag. Ein leises Stimmchen in meinem Kopf fragte nämlich keck: „Warum eigentlich? Könnte doch auch einmal leer bleiben, die Zeit, zumindest ein Teil davon.“
Der Nachmittag war sonnig, die Luft lau, die Stadt voller Leben. Und ehe ich mich’s versah, zog mich dieser sanfte städtische Strom an ein kleines, wackeliges Tischchen, das vor einer Café-­Vinothek auf dem verbreiterten Gehsteig stand. Gerade kam die Sonne ums Hauseck, das Tischchen stand in einem strahlenden Lichtkegel, bald auch eine Tasse für mich darauf, und ich saß auf dem Stuhl dahinter, direkt an der warmen Hausmauer mit freiem Blick auf PassantInnen, Straße und den Marktplatz gegenüber. Ich erwähne beiläufig, dass mir der Ort der Handlung mehr als vertraut ist. Ich komme dort alle Tage vorbei. Es war also nicht so, als säße ich plötzlich in Istanbul, Tel Aviv oder Marrakesch beim Kaffee und bestaunte die fremde Buntheit. Nein, alles war vertraut und zugleich durch den Perspektivenwechsel angenehm entrückt. Denn ich schritt ja nicht am Gehsteig eilig vorbei oder brauste auf dem Rad die Straße entlang, sondern saß untätig, blinzelte hinter meiner Sonnenbrille ins Spätnachmittagslicht, erwartete niemanden, hielt nach nichts Ausschau und hatte auch weder zu lesen oder zu telefonieren noch groß über irgendetwas Anstehendes nachzudenken.
So kam es, dass ich einfach nur schaute und mir selbst zunehmend gefiel, wie ich da so lässig an meinem runden Metalltischchen lümmelte und urban ins städtische Nachbarschaftsleben hinausblickte, das sich mir umgehend als freundlich und interessant präsentierte. Ich sah einen gut aussehenden Mann auf einem Mountainbike vor sich hin lächeln. Ich sah eine junge, dunkelhaarige Frau erst in die eine, dann in die andere Richtung an mir vorbeigehen, hörte sie auf Englisch in ihr Telefon sprechen und beobachtete, wie sie suchend den Blick umherschweifen ließ. Wo sie wohl herkam und wen sie hier traf? Doch als sie vorbei war, entließ ich sie ohne Bedauern aus meinen Gedanken, denn schon betrat eine kleine, nervöse Dame mit drei grauen Pudeln die Szenerie und ein ihr entgegenkommendes Kind rief aufgeregt aus: „Drei gleiche Hunde!“ Ich sah Autos abbiegen und einparken, sah den Bus an der Station stehen bleiben und wieder abfahren, hörte Tellerklappern und Kindergeschrei, Hupen und Bellen, und der Wind blies mir den Rechnungszettel vom Tischchen und ich hob ihn wieder auf. Wie ein großes, wogendes, lebendiges Wimmelbild erschien mir die Welt – mit mir mittendrin als Teil davon, und alles war für eine Stunde Nichtstun angenehm, wohlig und gut.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 06/18