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06/2026

Ganz persönlich: Queere Geschichte in Österreich

Ganz persönlich: Queere Geschichte in Österreich
Foto: Shutterstock
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  • Veröffentlicht: 24.02.2026
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Zwischen einem Bauernhof in Niederösterreich, einem Truck auf dem Wiener Ring und wissenschaftlichem Aktivismus: Queere Geschichte in Österreich ist jung – und vielfältig.

Der Pride-Month im Juni ist ein weltweiter Aktionsmonat, der Sichtbarkeit für queere Identitäten schaffen soll. Jährlich finden internationale Aktionen sowie politische Demonstrationen statt – wie zum Beispiel die Regenbogenparaden in den Hauptstädten. Ein Blick auf die politischen Meilensteine zeigt, wie sich queere Geschichte in Österreich entwickelt hat: Etwa die Entkriminalisierung von Homosexualität, die Einführung der Ehe für alle oder die rechtliche Anerkennung von Trans- und Inter*-Personen. Ebenso wichtig sind gesellschaftliche Entwicklungen, die oft weniger dokumentiert sind: Selbstorganisation, Community-Building, kulturelle Räume. 

Gerade in Österreich ist queere Geschichte noch vergleichsweise jung, wenn es um öffentliche Sichtbarkeit geht. Die erste Regenbogenparade zog 1996 über den Wiener Ring. Viele Beratungsstellen, Vereine und Initiativen entstanden erst in den 1980er- und 1990er-Jahren. Gleichzeitig bleiben queere Lebensrealitäten – besonders am Land oder für ältere Generationen – häufig unsichtbar. 

Geschichte besteht dabei nicht nur aus Gesetzen und Demonstrationen, sondern aus individuellen Erfahrungen – aus ersten Momenten von Zugehörigkeit, aus politischem Engagement, aus Strategien des Verbergens und des Sichtbarwerdens, aus inneren Kämpfen und persönlichen Wendepunkten. Für diesen Queer History Month haben uns vier Menschen ihre Geschichte erzählt – und zeigen damit, wie gesellschaftlicher Wandel im eigenen Leben spürbar wird und so die Gesamtgeschichte verändert. 

Foto: privat

Die erste Regenbogenparade in Österreich 

Carola Zentara, 47 Jahre 
„Ich weiß nicht mehr, wie ich davon erfahren habe. Ich war 18, die Matura lag gerade hinter mir und die Aufnahmeprüfungen für drei Unis vor mir. Irgendwie ist die Info zu mir durchgedrungen, zwischen Landstraße und Zukunft: In Wien soll die erste Regenbogenparade stattfinden. 1996 zieht sie zum ersten Mal über den Ring. Ich schließe mich einer Reisegruppe aus Salzburg an. Im Zug riecht es nach Kaffee aus Thermoskannen und Kaugummi. Ich bin aufgeregt, daheim ungeoutet, am Land gefühlt die einzige. Mut haben die anderen. 

Dann stehen wir am Wiener Ring. Die Parade setzt sich gegen den Uhrzeigersinn in Bewegung. Vor mir eine lesbische Volleyball-Gruppe. Der Ball in der Luft und ich staune: Es gibt Sportgruppen! Ich wandere nach vorne, wieder zurück, wieder nach vorne, als könnte ich in dieses neue Bild von Welt hineinspazieren. Irgendwann stehe ich am Linzer Truck, eine Truppe Jugendlicher in meinem Alter. Wir tanzen, lachen, schließen Freundschaften, die Jahre halten werden. 

Im Laufe des Tages reift eine Entscheidung: Ein Studium in Linz wäre großartig. Zur Aufnahmeprüfung komme ich mit starkem Support meiner neuen Freund:innen. Eine Erinnerung brennt sich ein: Erdbeeren mit Pfeffer und Balsamico am Schlossberg, wir sitzen im Kreis, vor uns die Stadt, meine neue Heimat. Dieses warme Willkommen prägt mich weit über diesen Sommer hinaus. Es macht mir Mut, mich zu engagieren. Dieser Drive ist geblieben. In verschiedenen Städten, in verschiedenen Initiativen, in der Politik und heute wieder in Salzburg, für queere Menschen am Land.“  

Foto: privat

Selbst die Geschichte neu schreiben  

Tinou:
„Ich habe 2022 gemeinsam mit zwei Kolleg:innen das Buch „Inter*Pride – Perspektiven aus einer weltweiten Menschenrechtsbewegung“ herausgebracht. Es ist ein Sammelband, der verschiedene Aspekte, Erfahrungen und Ereignisse der globalen Inter*-Bewegung aufgreift.  

Selbst als Teil dieser Bewegung und Community, ist nicht nur das Machen des Buchs, sondern auch was es bewirkt, etwas Besonderes. Es gab bis zur Veröffentlichung nur sehr wenige Bücher, die zum Thema Intergeschlechtlichkeit aus mehreren Ländern informieren: mit Fachwissen ohne Pathologisierung, gegen die Scham, Normierung und Gewalt, die inter* Menschen immer noch erfahren, in denen aktivistische Stimmen selbst zu Wort kommen und gestalten – und schließlich hält „Inter*Pride“ die Geschichte des Inter*-Aktivismus in Österreich erstmals literarisch fest!  

Mittlerweile ist es in Unis und Buchhandlungen zu finden und viele Menschen fühlen sich repräsentiert und bestärkt. „Inter*Pride“ ist Teil einer wichtigen Geschichte und gehört auch zu meiner persönlichen.“  

„Ältere Trans-Damen, die laut lachen, die Scherze machen, die die Kellnerinnen beim Namen kennen. Hier ist sie einfach Maria.“
Anonyme Erzählerin

Meine Freundin Maria 

Anonym, 68 Jahre:
„Meine Freundin Maria sagt, es gebe zwei Leben. Eines in Gummistiefeln zwischen Stall und Weide. Und eines im Auto, am Weg in die Türkis Rosa Lila Villa. Unter der Woche ist sie Bauer in Niederösterreich. Die Hände riechen nach Schafwolle, die Nachbarn sagen Herr zu ihr, und jedes falsche Wort könnte ein Gerücht zu viel sein. Sichtbar als Frau zu leben, ist hier für Maria keine Option. Die Angst vor den anderen Bauern sitzt ihr im Nacken wie ein kalter Wind. Am Samstag bringt sie mit ihrem Hund die Schafe in den Stall und steigt ins Auto.  

Jahrzehntelang ist das ihr Ritual. Sie fährt die Autobahn hinunter, bis die Schilder Wien ankündigen, biegt auf einen Parkplatz vor der Stadt. Der Motor verstummt, das zweite Leben beginnt. Maria lackiert sich die Nägel, zieht ein Kleid an, setzt die Perücke auf und schaut sich im Rückspiegel in die Augen. 

Ziel ist die Türkis Rosa Lila Villa an der Linken Wienzeile, ein Haus, das 1982 besetzt wurde und seither ein queeres Zentrum mit Beratung, Gastronomie und Wohnungen ist. Im Sommer sitzt Maria mit ihren Freundinnen im Gastgarten unter einem ausladenden Baum. Ältere Trans-Damen, die laut lachen, die Scherze machen, die die Kellnerinnen beim Namen kennen. Hier ist sie einfach Maria. Wenn die Lichter der Stadt irgendwann verschwimmen, steigt Maria wieder ins Auto. Im Kofferraum liegt das Kleid.“

Foto: privat

Der lange Weg zum stolzen “Ich bin ich!” 

Angelina Lederer, 31 Jahre:
„Der Wecker klingelt um 6 Uhr früh. Verschlafen öffne ich meine Augen, sehe an mir hinunter und denke nur: Mist. Nichts hat sich verändert, obwohl ich es mir so sehr gewünscht habe. Jahrelang habe ich dafür gebetet, bei jeder Sternschnuppe daran gedacht, gehofft, irgendwann in einem anderen Leben, in einem anderen Körper aufzuwachen. Stattdessen ist alles gleich geblieben – das gleiche Leben, der gleiche Körper, die gleichen Probleme und dieses endlose Labyrinth an Fragen, aus dem ich alleine keinen Ausweg finde. 

2007 besuche ich die Unterstufe eines Gymnasiums, doch meine Gedanken kreisen kaum um Schule oder Freundschaften, sondern fast ausschließlich darum, was mit mir nicht stimmt. Während sich andere Mädchen für Schminke und Jungs interessieren, fühle ich mich fehl am Platz und merke immer deutlicher, dass ich anders bin – und dass auch die anderen das bemerken. Wörter wie „Schwuchtel“ sind plötzlich allgegenwärtig, und ich lebe in ständiger Anspannung, jederzeit gefragt zu werden, ob ich einen Freund habe, ein Junge sein wolle oder lesbisch sei. Also ziehe ich mich zurück, sperre mich nach der Schule in mein Zimmer und schlafe viel, einfach um nichts spüren zu müssen. Für Lernen und Zukunftspläne bleibt kaum Kraft, ich komme nur knapp durch. 

2011 versuche ich schließlich, weiblicher zu wirken, mich für Jungs zu interessieren und das zu tun, was man mit 16 eben tut, doch hinter dieser Fassade bleibt alles leer. Heimlich verliebe ich mich in Mädchen und wünsche mir verzweifelt, ein Junge zu sein, um sie lieben zu dürfen. 

Erst als ich Schulfreunde näher kennenlerne und sich mein bester Freund und ich uns gegenseitig outen, beginnt sich etwas zu verändern. Ich verstehe langsam, dass ich kein Mann sein muss, um eine Frau lieben zu können. 2015 mache ich Matura, habe meine erste Freundin und beginne, mein Leben nicht mehr nur zu ertragen, sondern zu leben. Heute arbeite ich als Lehrerin und Mentaltrainerin, werde nächstes Jahr meine Partnerin heiraten und weiß trotz aller Steine auf meinem Weg: Ich bin angekommen.“ 

Sandra Gloning

Freie Journalistin

Sandra Gloning ist freie Online- und Print-Journalistin in Wien mit einem breiten Themenfeld rund um Frauen, Lifestyle und Minderheiten und dem Ziel, Geschichten aus dem echten Leben zu erzählen.

Foto: Zoe Opratko

[email protected]


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