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Wenn die Liebsten psychisch erkranken

Jeder dritte Mensch leidet Schätzungen zufolge mindestens einmal im Leben an einer psychischen Störung. Hinter jedem und jeder Erkrankten stehen auch Angehörige. Von ihnen wird Unterstützung erwartet. Dabei bräuchten sie oft selbst Hilfe.

Niemand sollte alleine sein

Psychotherapeutin Christa Renoldner rät Angehörigen, sich Hilfe zu suchen. Sind Kinder involviert, sollte die Krankheit keinesfalls verschwiegen werden.

Was ist zu tun, wenn ein Familienmitglied psychisch erkrankt?
Christa Renoldner: Unbedingt Fachärzte oder -ärztinnen für Psychiatrie hinzuziehen! Sobald es eine Diagnose gibt und die Medikation erfolgt ist, ist eine Psychotherapie zu empfehlen. Wichtig ist, einen Therapeuten, eine Therapeutin zu finden, dem oder der man vertrauen kann. Schuldgefühle bringen niemandem etwas. Was passiert ist, ist passiert. Besser ist es, sich zu fragen: „Was kann ich jetzt tun?“ Wenn Ihr kranker Angehöriger immer nur Schuldige für seine Situation sucht, stellen Sie ihm zielorientierte Fragen wie: „Was braucht es, damit sich etwas ändert? Möchtest du denn etwas verändern?“ Ich rate auch den Angehörigen, sich selbst Hilfe zu suchen, zum Beispiel bei einer Therapeutin oder einem Therapeuten, vor allem, wenn ihre Angehörigen unter einer schweren psychischen Krankheit leiden, zum Beispiel unter Schizophrenie oder einer bipolaren Störung. Niemand sollte mit seinen Gefühlen und seiner Last alleine sein!

Welchen Umgang empfehlen Sie, wenn Kinder betroffen sind?
Kinder verarbeiten bis ins zwölfte Lebensjahr schuldhaft. Das heißt: Ist Mutter, Vater oder ein Geschwister psychisch krank, glauben sie, dass sie dafür verantwortlich sind. Deshalb sollte ihnen nichts verschwiegen, sondern kindgerecht erklärt werden, was mit dem Familienmitglied los ist, um welche Krankheit es sich handelt und dass die anderen Erwachsenen Hilfe bei Fachleuten suchen. Ansonsten tragen Kinder die Schuldgefühle weiter mit sich.

„Ich muss mir nichts gefallen lassen“

Janine Berg-Peer ist Mutter einer Tochter mit der Diagnose Schizophrenie. Aufopferung und ständiges In-Sorge-Sein kennt sie gut. Sie hat gelernt, damit umzugehen.

Was hätten Sie sich nach der Diagnose, die Ihre Tochter damals erhalten hat, gewünscht?
Janine Berg-Peer: Ich hätte mir ÄrztInnen gewünscht, die mich über ihre Krankheit aufklären. Mir sagen, wie ich damit umgehen kann, wenn meine Tochter weint, mich anschreit oder mir merkwürdige Sachen erzählt. Ich hätte sicherlich nicht sofort alles annehmen und umsetzen können, aber ich hätte mich sicherer gefühlt.

Was wäre für Sie mit professionellem Wissen anders gewesen?
Zum einen hätte ich meine Tochter besser verstanden und auf manche ihrer Verhaltensweisen nicht so aufgeregt reagiert. Ich hätte mir aber auch früher die Erlaubnis gegeben, Grenzen zu setzen und meine Bedürfnisse genauso wichtig zu nehmen wie ihre. Es war meine Entscheidung, mich so in ihr Leben einzumischen. Einmal, als sie ins Krankenhaus eingewiesen wurde, schickte ich einen Putztrupp in ihre Wohnung. Nach ihrer Rückkehr war sie unglücklich, weil alles anders aussah und sie ihre Kaffeetassen, Bücher und ihren Lieblingsaschenbecher nicht mehr fand. Heute weiß ich: Wenn ihre Wohnung für mich schrecklich aussieht, habe ich ein Problem damit, nicht sie. Angehörige handeln nicht absichtlich rücksichtslos. Aber immer, wenn sie die Betroffenen auf etwas hinweisen, was aus ihrer Sicht nicht in Ordnung ist, erinnern sie diese an deren Unzulänglichkeit und vermitteln ihnen noch mehr das Gefühl, nicht richtig zu sein. Ich akzeptiere heute die Lebensart und Entscheidungen meiner Tochter, aber setze auch bewusst Grenzen. Wenn sie sauer ist, kann sie schreien, und ich kann gehen oder den Telefonhörer auflegen.

Unter diesen Umständen Grenzen setzen ist nicht einfach.
Für unsere kranken Angehörigen ist es auch schwer, die eigenen Gefühle zu kontrollieren. Sie sollen lernen, mit ihrer Krankheit umzugehen, ihren Alltag zu schaffen, ihre Emotionen im Griff zu haben und ihre Tabletten zu nehmen. Dann sollten wir genauso lernen, mit unseren Gefühlen umzugehen.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie zu dieser Einsicht kamen?
Ach, nur 16 Jahre. (lacht) Aber es muss nicht so lange dauern. Es ist wichtig, die Realität zu akzeptieren. Ich weiß, wie schwierig es ist, loszulassen. Angehörige erleben das kranke Familienmitglied in Situationen, in denen es keine guten Entscheidungen treffen kann. Eine Manie, Psychose oder suizidale Phase sind Ausnahmesituationen, in denen wir eingreifen müssen. Es gab Momente, in denen ich meine Tochter in die Psychiatrie einliefern ließ. Natürlich sollte eine Zwangseinweisung immer die letzte Lösung sein. In zugespitzten Situationen geht es aber manchmal nicht anders. Bei einer psychischen Krankheit gibt es keine Sicherheit, ich muss Kontrolle aufgeben. Niemand kann sagen, welches Medikament, welcher Arzt, welche Therapie oder Wohnform unserem Angehörigen mit Sicherheit hilft.

www.angehoerigenblog.de

Janine Berg-Peer hält zahlreiche Vorträge, berät Angehörige und bietet Seminare und auch Webseminare an.
Foto: thfroehlich-fotoevents.de

Wie gelingt der Umgang mit psychisch Kranken? 3 Tipps

Wie kommuniziere ich richtig? Wie grenze ich mich ab und gehe mit eigenen Gefühlen um? Folgende Tipps helfen Angehörigen dabei, besser mit der belastenden Situation umzugehen:

1. Richtige Kommunikation

Vermitteln Sie dem oder der Erkrankten, dass Sie seine oder ihre Sichtweise ernst nehmen und akzeptieren. Es ist nicht sinnvoll, den Erkrankten ihre Gedanken, Ängste oder Wahnvorstellungen auszureden. Ersuchen Sie Ihr Gegenüber aber auch, es möge Ihre Sichtweise hinnehmen. Um Missverständnisse zu vermeiden, sollten immer Ich-Botschaften gesendet und entspannte Phasen für ein Gespräch mit dem oder der Betroffenen genutzt werden, sagt Christa Renoldner. Bei aggressiven Reaktionen beenden Sie das Gespräch und verlassen den Raum. Holen Sie notfalls Hilfe! Neue Kommunikationsgewohnheiten einzuüben, sei nicht einfach. Lassen Sie sich nicht entmutigen. Aktives Zuhören bewirkt, dass sich das Gegenüber verstanden fühlt.

Ein Beispiel aus der Praxis: Mit einem psychisch kranken Menschen anhaltend zu diskutieren, macht für Janine Berg-Peer keinen Sinn. Auch Doris Forster würde heute nicht mehr versuchen, ihre Schwester zu überzeugen, sondern würde ihre Empfindungen respektieren. Bei Vorwürfen oder Beleidigungen bricht Berg-Peer das Gespräch aber ab und sagt: „Ich finde es schade, dass du das so siehst. Ich nehme es anders wahr. Reden wir ein anderes Mal darüber.“ Damit werde vermieden, in die Aufregung des Betroffenen hineingezogen zu werden. „Beim Zuhören muss ich aber auch verstehen wollen, was der andere sagen will, ohne sofort auf das, was er fühlt, möchte und glaubt, zu reagieren“, sagt Berg-Peer. „Ich habe in den Jahren gelernt, meiner Tochter zuzuhören, und habe sehr viel erkannt – nämlich, was ihr guttut, was sie bei Wutanfällen fühlt und wie ich sie wirklich unterstützen kann.“

2. Negative Gedanken abfangen

Es sei wichtig, sich der eigenen auftauchenden Gefühle und Gedanken bewusst zu werden, sagt Janine Berg-Peer. Bei ängstlichen Gedanken helfe es, sich Fragen wie diese zu stellen: „Ist dieser Gedanke wahr? Ist es wahr, dass meine Tochter zu Suizid neigt, nur weil ich neulich über den Suizid eines psychisch Kranken gelesen habe? Stimmt es, dass sie obdachlos wird, nur weil ich sie nicht bei mir wohnen lasse? Ist es sicher, dass das befürchtete Ereignis auch so schlimm sein wird, wie ich es mir vorstelle?“

3. Grenzen setzen

Beginnen Sie Grenzen zu setzen und rechnen Sie damit, dass es aufgrund Ihrer Verhaltensänderung anfangs zu Konflikten kommt. Halten Sie durch! Fällt Ihnen die Grenzziehung schwer, suchen Sie sich professionelle Hilfe. Respektieren Sie aber auch die Grenzen des oder der Betroffenen.

Ein Beispiel aus der Praxis: Janine Berg-Peer hörte eines Tages auf, ihre Tochter zu den gemeinsamen Abendessen abzuholen. Sie wollte, dass sie selbstständig kam. Zuerst gab es Protest. „Dann komme ich eben gar nicht mehr“, wütete sie. Janine Berg-Peer fühlte sich zunächst schlecht. Doch ihre Tochter kam. Bis heute fährt sie selbstständig mit der U-Bahn.

Hilfe!

Wo finde ich Unterstützung, wenn ein Familienmitglied psychisch erkrankt?

Selbsthilfegruppen und Beratungsgespräche
Der Verein HPE (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter) ist eine wichtige Adresse für Angehörige. Unter „www.hpe.at“ finden Sie zahlreiche Informationen.Betroffene können auch online oder telefonisch ein Beratungsgespräch vereinbaren.

Verrückte Kindheit
Ein neues Projekt von HPE heißt „Verrückte Kindheit“. Es widmet sich Kindern und ihren Bezugspersonen, wenn ein Elternteil psychisch erkrankt ist. www.verrueckte-kindheit.at

Krankheitsbilder
Unter „www.gesundheit.gv.at/krankheiten/psyche“ sind einzelne Krankheitsbilder beschrieben. Ziehen Sie immer einen Facharzt oder eine Fachärztin bei!

Schnelle Hilfe
Rasche Unterstützung gibt es auch unter dem Telefonseelsorge-Notruf 142.

Suizidgefahr erkennen
Unter „https://psychische-hilfe.wien.gv.at/site/fakten/suizidpraevention“ finden Sie häufige Warnsignale, an denen Sie erkennen können, dass ein Mensch möglicherweise Suizidgedanken hat.

Janine Berg-Peer: Aufopfern ist keine Lösung.
Kösel Verlag, 17,50 Euro

Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker:
Mit psychischer Krankheit in der Familie leben.
Balance Buch + Medien Verlag, 20,60 Euro

Edith Scherer/Thomas Lampert:
Basiswissen: Angehörige in der Psychiatrie.
Psychiatrie Verlag, 18,50 Euro

Welt der Frauen Jänner/Februar 2018Möchten Sie den Artikel gern in gedruckter Form noch einmal nachlesen? Dann bestellen Sie hier die Ausgabe Jänner/Februar 2018, in der er erschienen ist

 

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