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06/2026

„Pretty Privilege“: Haben attraktive Menschen Vorteile im Leben?

„Pretty Privilege“: Haben attraktive Menschen Vorteile im Leben?
Foto: shutterstock
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  • Veröffentlicht: 12.06.2026
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„Wer schön ist, ist auch gut:“ Das Attraktivitätsstereotyp besagt, dass schöne Menschen es leichter haben. Man spricht dabei vom sogenannten „Halo Effekt“. Hat Schönheit wirklich Vorteile?

Seit 25 Jahren beschäftigt sich der Wirtschaftspsychologe Martin Gründl mit der Frage, was Menschen als attraktiv wahrnehmen und welche Folgen Schönheitsideale für unser Leben haben. Warum Schönheit weit mehr ist als Geschmackssache, wie gesellschaftliche Normen unser Selbstbild prägen und weshalb Attraktivität oft unterschätzt wird, erzählt Martin Gründl im Interview.

Sie erforschen etwa seit der Jahrtausendwende Schönheit. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Die Kriterien, was schön ist, ändern sich nicht so rasch, sie sind stabil und universell. Was sich ändert, ist die Mode – damit befassen sich aber eher Soziologen: Frisuren, Tattoos, Bärte. In der Attraktivitätsforschung schauen wir uns die Kriterien an, die ein Gesicht oder eine Figur an sich attraktiv machen. Und das sind im Grunde drei übergeordnete Prinzipien: Gesundheit, Jugendlichkeit und geschlechtstypisches Aussehen. Eine Frau ist also beispielsweise dann attraktiver, wenn sie eher aussieht wie eine „typische“ Frau.

Wer als schön gilt, hat Vorteile – etwa im Arbeitsleben. Was steckt hinter dieser Theorie vom „Pretty Privilege“?
Dieser Begriff hat sich in den letzten 25 Jahren etabliert, beschrieben wurde er schon vor 50 Jahren. Es ist ein Beispiel für den sogenannten Halo-Effekt (Anm.: englisch für „Heiligenschein“): Ein Merkmal – die Schönheit – überstrahlt die Beurteilung anderer Eigenschaften. Wer schön ist, ist auch gut. Menschen, die attraktiv aussehen, werden für intelligenter, freundlicher, geselliger, fleißiger und sogar ehrlicher gehalten. Das führt dann dazu, dass attraktive Menschen Vorteile genießen.

„Attraktive Menschen werden häufiger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen.“
Martin Gründl

Welche sind das konkret?
Sie werden etwa häufiger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Das bestätigen auch Untersuchungen, bei denen auf eine Stellenanzeige verschiedene Bewerbungen verschickt werden. Alle biografischen Daten sind dabei gleichwertig, es werden aber unterschiedliche Bilder mitgeschickt. Und wir sehen, dass attraktivere Menschen häufiger zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden. Auch gibt es Studien aus den USA, die darauf hinweisen, dass attraktive Menschen vor Gericht mildere Strafen bekommen oder sogar eher freigesprochen werden.

Ist dieser Effekt bei Frauen und Männern gleich?
Nach meinen Messungen findet sich das Vorurteil „schön ist gleich gut“ bei beiden Geschlechtern. Im Jobkontext ist der Effekt bei Männern sogar noch etwas stärker als bei Frauen. Bei Männern wirkt dabei die Körpergröße stärker als bei Frauen – große Männer bekleiden eher wichtige Positionen oder steigen in der Hierarchie weiter auf. Bei der Partnerwahl ist es für Frauen wiederum vorteilhafter als für Männer, attraktiv zu sein. Männer legen größeren Wert darauf, dass ihre Partnerin attraktiv ist, wohingegen Frauen andere Dinge eines Partners wichtiger sind, etwa Einkommen oder Status.

Sind wir überhaupt dazu in der Lage, den Halo-Effekt auszublenden?
Nein, nicht komplett. Selbst wenn man Menschen das Prinzip erklärt, bevor man ihnen Bilder zeigt, bewerten sie dennoch attraktivere Menschen besser. Allerdings ist der Effekt nicht mehr so deutlich. Offenbar tritt eine Art innere Zensur ein, die sagt: „Halt! So darf ich eigentlich nicht denken!“ Aber er ist nicht komplett weg. Es ist schon ziemlich tief in uns verankert.

Foto: Hochschule Harz

Zur Person

Martin Gründl ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Harz in Deutschland. Seit 25 Jahren ist er in der Attraktivitätsforschung tätig.

Ursel Nendzig

Chefin vom Dienst

Ist seit vielen Jahren als Redakteurin und Autorin unterwegs. Dafür ist es meist gar nicht nötig, weit zu reisen – die berührendsten, spannendsten und wichtigsten Geschichten spielen sich direkt vor ihrer Nase ab. Überall dort, wo es menschelt, fühlt sie sich wohl und Themen rund um Gesellschaft, Frauen und Feminismus liegen ihr besonders am Herzen. Geboren (Schwäbische Alb, Süddeutschland) und Aufgewachsen (Wienerwald) im kleinen Dorf lebt und schreibt sie heute mit ihrer Familie in einem kleinen Häuschen am Rande der großen Stadt.

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Foto: Barbara Aichinger


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