Als Langstreckenpilotin fliegt Raja Katz um die halbe Welt und kämpft gleichzeitig am Boden gegen Vorurteile. Über das Imposter-Syndrom, sexistische Kommentare und darüber, warum Frauen sich mehr zutrauen sollten.
Frau Katz, Sie sind seit über 12 Jahren Pilotin. Nach zehn Jahren auf der Kurzstrecke, fliegen Sie seit zwei Jahren Langstrecke, von Deutschland bis nach Amerika und Asien. Was ist das Schönste am Fliegen?
Katz: Zum einen natürlich die Aussicht. Aus dem Cockpit sehe ich die Sonne auf- und untergehen, egal wie trüb das Wetter am Boden ist. Zum anderen besuche ich unglaublich viele Orte und habe das Privileg, immer wieder ferne Ziele zu bereisen, wenn ich das möchte. Ich finde es zudem noch immer faszinierend, wie eine 250 Tonnen schwere Maschine vom Boden abhebt und um die halbe Welt fliegen kann. Es ist einfach ein Beruf wie kein anderer. Hinzu kommt der menschliche Aspekt: Bei jedem Flug findet sich eine neue Crew zusammen, die sich vorher in der Regel noch nicht gesehen hat.
Wie oft sind Sie die einzige Frau im Cockpit?
Sehr oft, leider sind Frauen im Cockpit noch immer eine Seltenheit. Wenn ich doch mal eine andere Frau im Cockpit sehe, freue ich mich total, da gibt es überhaupt kein Konkurrenzdenken. Aber schon damals an der Flugschule waren unter 22 Auszubildenden nur fünf Frauen. Das ist vergleichsweise sogar viel – in den Jahrgängen zuvor waren meist nur ein bis zwei Frauen dabei.
Woran liegt das?
Es gibt noch immer zu wenige weibliche Vorbilder im Cockpit. Das führt dazu, dass viele Frauen diesen Berufsweg gar nicht erst einschlagen, weil sie sich den Job nicht zutrauen. Dabei ist das Interesse durchaus vorhanden. Entgegen hartnäckiger Klischees bringen Frauen die gleichen Voraussetzungen für den Beruf mit wie Männer – auch in Mathematik und Physik. Zudem stehen ihnen die gleichen Ausbildungswege und der Zugang zu Flugschulen offen.
Hatten Sie selbst Vorbilder?
Nein, tatsächlich nicht. Auch in meiner Familie fliegt niemand, ich hatte keine Berührungspunkte damit und auch nie diesen einen Schlüsselmoment. Ich wusste einfach, ich will fliegen und sonst nichts. Seit ich zwölf oder 13 Jahre alt war, ist mir das klar gewesen. Das kann Fluch und Segen zugleich sein.
Hatten Sie damals Zweifel, ob Sie die Ausbildung packen?
Ich habe mir jedenfalls sehr großen Druck gemacht. Die Flugschule, an der ich mich beworben habe, hatte eine Aufnahmequote von nur vier Prozent. Ich habe den Aufnahmetest aber zum Glück bestanden. Trotzdem hatte ich lange Zeit mit Zweifeln zu kämpfen, fehl am Platz zu sein. Selbst nach der Ausbildung dachte ich, ich gehöre hier nicht hin. Ich hatte das Gefühl, mir meinen Platz jeden Tag erkämpfen zu müssen, dass nur die beste Version meiner selbst gut genug sei und ich mir keine Fehler erlauben dürfe. Dieses Gefühl kam aber nicht von außen, sondern aus mir selbst. Mein Feind war im eigenen Kopf.
Wie sind Sie mit diesem Druck umgegangen?
Es hat mir geholfen zu verstehen, dass es sich um ein psychologisches Denkmuster, das sogenannte Imposter-Syndrom, handelt. Dabei denken Betroffene, dass sie sich in ihre Position gemogelt haben und eigentlich total unqualifiziert sind. Und dass der Tag kommen wird, an dem die ganze Lüge auffliegt und man alles verliert. Wenn mich doch mal wieder die Zweifel überkommen, sage ich mir das laut vor. Ich erinnere mich daran, dass meine Gedanken nicht echt sind, sondern es einfach dieses Imposter-Syndrom ist, was mir Zweifel einreden will.
Glauben Sie, dass eher Pilotinnen davon betroffen sind?
Meiner Meinung nach, ja. Wenn Männer einen schlechten Tag im Flugsimulator haben, akzeptieren sie das einfacher und machen weiter. Es kommen immer eine Spur mehr Nachfragen, wenn man als Frau in einer Männerdomäne arbeitet.
Ist das bis heute so?
In der Crew hatte ich bislang nur gute Erfahrungen. Die Airline, für die ich arbeite, fährt auch eine Null-Toleranz-Politik in Bezug auf Diskriminierung. Manche Kolleginnen von anderen Airlines und aus dem Ausland teilen aber auch andere Erfahrungen. Misogyne und abwertende Kommentare habe ich persönlich bislang eher von Passagierinnen und Passagieren bekommen. Sie bringen meine Kompetenz in Zusammenhang mit meinem Geschlecht. Auf der Kurzstrecke habe ich das noch eher erlebt, weil da die Leute beim Boarding direkt am Cockpit vorbeilaufen und man sie auch teilweise begrüßt.
„Ich bekomme viele Rückmeldungen von Frauen, die mir sagen, dass sie sich durch mich trauen, den Weg ins Cockpit zu gehen.“
Was kamen da zum Beispiel für Kommentare?
Dass ihnen unwohl sei, weil ich als Frau im Cockpit sitze, oder dass man beim nächsten Mal lieber wieder mit einem Mann fliegen möchte.
Was macht das mit Ihnen?
Ich mache mich nicht mehr von solchen Kommentaren abhängig. Ich weiß, dass ich kompetent genug bin, das Flugzeug zu fliegen. Ich verfüge über alle Qualifikationen und Lizenzen, die es benötigt. Und mit dem Ticketkauf verpflichten sich Passagierinnen und Passagiere dazu, sich an die Beförderungsrichtlinien sowie an die Anweisungen der Crew zu halten. Wenn sich also jemand danebenbenimmt, ist diese Person auch eingeladen, wieder auszusteigen.
Sie teilen Ihren Berufsalltag auch auf Instagram. Was kommen da für Reaktionen von Follower:innen?
Ich bekomme viele Rückmeldungen von Frauen, die mir sagen, dass sie sich durch mich trauen, den Weg ins Cockpit zu gehen. Das freut mich und bestärkt mich darin, weiterzumachen. Ich hatte immer diesen großen Traum und jetzt bin ich auf der anderen Seite davon. Ich will Frauen helfen, diesen Traum ebenfalls zu verwirklichen.
Was würden Sie jungen Frauen raten, die in technischen Berufen arbeiten wollen?
Macht es, traut euch, habt keine Angst! Wenn es Diskriminierung gibt, kannst du das melden. Es gibt niemanden, der dich zurückhält, außer dein Kopf. Es geht nur um die Leistung und deine Qualifikationen – wenn du das hast, dann „come as you are, be yourself“. Eine Frau in Technikberufen muss keine graue Maus sein, du kannst dich schminken und schick anziehen. Auch ich mache mich gerne zurecht, und das ist völlig in Ordnung. Du brauchst nicht die Validierung von Menschen, du brauchst deine Lizenzen und Zeugnisse und sonst nichts. Je diverser das Team, desto besser die Ergebnisse, desto vielfältiger die Ideen. Deshalb wünsche ich mir, dass Frauen mehr gefördert werden und sich mehr zutrauen.
Zur Person
Raja Katz ist eine deutsche Langstreckenpilotin, Speakerin, Content– Creatorin und engagierte Fürsprecherin für Frauen in der Luftfahrt. Seit über 12 Jahren fliegt sie mit Airbus-Flugzeugen Passagierinnen und Passagiere um die Welt. Außerdem setzt sie sich aktiv für eine stärkere weibliche Repräsentation in der Luftfahrt ein.
Auf ihrem Instagram-Kanal @raja_in_the_sky teilt sie authentische Einblicke aus ihrem Alltag als Pilotin und bestärkt Frauen weltweit, den Weg ins Cockpit zu wagen.
