Redakteurin Victoria Preining ist ohne Kontakt zu ihrem leiblichen Vater aufgewachsen. Warum sie das nicht als Mangel empfindet und weshalb Familiengeschichten oft komplexer sind, als sie von außen wirken.
„Wie ist das so, ohne Papa aufzuwachsen? Fehlt dir gar nichts?“ Das werde ich gefühlt ständig auf dieselbe Art und Weise gefragt – mit leicht mitleidigem Gesichtsausdruck und großen Augen –, wenn ich erzähle, dass ich meinen Vater nicht kenne. Das liegt aber wohl nicht nur daran, dass ich nicht in einer klassischen Mutter-Vater-Kind-Konstellation aufgewachsen bin, wie sie in Österreich tief verwurzelt ist, sondern auch an meinem nüchternen Umgang. Schulterzuckend antworte ich: „Nein, mir fehlt nichts. Ich kenne es nicht anders.“
Es ist eine Antwort, die dem Umfeld meist nicht reicht. Also folgt ein verhörartiges Gespräch, in dem ich unentwegt wiederkäue: Nein, ich habe meinen Vater wirklich nie getroffen. Nein, ich habe nie mit ihm gesprochen oder eine Nachricht erhalten. Ja, ich kenne die Gründe für seine Abwesenheit und ja, meine Mutter hat diese offen kommuniziert. Ja, ich habe einige Fotos von ihm gesehen. Nein, ich habe noch nie ernsthaft nach ihm gesucht und werde es auch nicht tun. Ja, natürlich dachte ich darüber nach.
Auf Aufklärungsmission
Doch auch das genügt oft nicht. Trotz aller Klärungsversuche finde ich mich – und ich bin mir sicher, so geht es vielen – dann in der Rolle einer Art Forschungsobjekt wieder, dazu bestimmt, exemplarisch zu zeigen, wie sich vaterloses Aufwachsen pathologisch oder psychologisch auswirken könnte. Es wird etwa hinterfragt, ob durch das vermeintliche Fehlen einer männlichen Bezugsperson Probleme mit Männern vorlägen. Ob es einem an Stabilität fehle, man immer nur an „die Falschen“ gerate, unter „Daddy-Issues“, also einem Vaterkomplex, oder einer häufig in den Raum geworfenen „Vaterwunde“ leide. Die Antwort lautet zumindest in meinem Fall kurz und bündig: Nein.
In der Redaktionskonferenz, in der wir über die Themen für diese Ausgabe sprachen und dabei die vielen Facetten von Vaterfiguren diskutierten, war für mich klar: Jetzt ist der Moment, diesen Text zu schreiben und das Thema endgültig zu klären. Ich war ganz im Sinne meiner eher nüchternen Betrachtungsweise überzeugt, dass mir das ganz leicht fallen würde. Schließlich geht es um jemanden, den ich persönlich nicht kenne. Im Gegensatz zu jenen Personen, deren Väter – positiv oder negativ – in ihrem Leben präsent sind, muss ich mir etwa keine Sorgen machen, dass ihn dieser Text verletzen könnte.
Vielleicht ein Promi?
Doch tatsächlich stellte mich die tiefere Auseinandersetzung mit der Frage „Wie war es wirklich?“ am Ende vor einige Hürden. Denn so pauschal ließ sie sich nicht beantworten, auch meine Wahrnehmung hatte sich im Laufe der Jahre erst entwickelt.
In meiner Kindheit war das Thema Papa nur wenig präsent. Ich stellte mir ab und an aber gerne auf fantastische Weise vor, wer er wohl sein könnte: ein Prominenter, ein Adliger, ein Popstar oder gar ein Zauberer? Ich malte mir die unterschiedlichsten Szenarien aus – und verwarf sie auch wieder ohne viel Aufhebens.
Was ich aber schnell erfuhr, war, was es bedeutete, vom normalen oder besser gesagt vom vorherrschenden Familienbild in der Gesellschaft abzuweichen: Denn vaterlos in einer kleinen Gemeinde zu leben, bedeutete, zur Zielscheibe von Hänseleien zu werden. Nicht nur die Frage, ob ich vielleicht „vom Pfarrer“ sei, kenne ich. Ein Bub aus meiner Volksschulzeit hielt es auch für eine gute Idee, mich bei den Kassettenaufnahmen für den Lehrer, ein Abschiedsgeschenk, vor der ganzen Klasse mit einem gemeinen Witz bloßzustellen. Bezeichnend war damals die Reaktion der Betreuungslehrerin, die mich ermahnte, mich nicht „so anzustellen“, schließlich sei der Witz jetzt „auch nicht so tragisch“ gewesen.
„Ich will nicht mehr hören oder erleben, dass Frauen auf das Fehlen eines Vaters reduziert werden.“
So richtig ernsthaft setzte ich mich mit der Abwesenheit meines Vaters aber dennoch erst in der Pubertät auseinander. Mein trotziges Motto lautete: Wer nicht will, der hat schon. Seine Gründe waren für mich irrelevant, für mein jugendliches Ich zählten nur die Fakten: Er wusste, dass es mich gab, wo ich wohnte und wie er mich kontaktieren könnte – und doch tat er es nie. Ein Umstand, der mich zu Beginn meiner 20er, einer Zeit, die stark von Selbstzweifeln geprägt war, in der Folge nicht losließ. Immer wieder dachte ich: Wie kann man sich nicht für sein eigenes Kind interessieren, es nicht kennenlernen wollen? Ich hatte kein Verständnis dafür und suchte die Schuld fälschlicherweise bei mir selbst.
Schluss mit Analysen
Heute wage ich zu behaupten, dass meine nüchterne Antwort auf die Frage „Fehlt dir gar nichts?“ tatsächlich auch der Wahrheit entspricht – ich bin ihrer gleichzeitig jedoch überdrüssig. Ich will nicht mehr hören oder erleben, dass Frauen auf das Fehlen eines Vaters reduziert werden. Ich bin es leid, zu analysieren, was mir aufgrund dessen fehlen könnte.
Stattdessen möchte ich darüber sprechen, was ich hatte: eine wunderbare Kindheit mit einer Mutter, die mich bis heute in jeder Hinsicht stärkt und fördert und mir ein Vorbild dafür ist, was Frauen alles leisten. Dazu kommen meine Großeltern, die – frei nach Rory Gilmore („Gilmore Girls“) – für mich „wie zwei Säulen“ sind, „ohne die ich nicht stehen könnte. Ich bin stolz, ihre Enkelin zu sein.“ Mein Leben war und ist voll von großartigen Menschen – männlich wie weiblich –, die mich in ihrer Vielfalt prägen. Und nur das zählt letztlich.
Man kann das Ganze auch anders sehen: Lesen Sie hier eine andere Perspektive auf die Rolle ihres Vaters von Autorin Saskia Blatakes.
