Im Interview erzählt die Gründerin des „Offtobers“, Linda Meixner, wie aus einem Selbstversuch eine ganze Bewegung wurde und was passiert, wenn wir unserem Smartphone eine Zeit lang den Laufpass geben.
Wie kam es zu der Idee des „Offtobers“?
Das Ganze basiert auf meiner persönlichen Geschichte, die sich vor fünf Jahren im Zuge eines Selbstversuchs ereignet hat. Während meiner Masterarbeit im Studiengang Kommunikationsdesign habe ich 66 Tage auf mein Smartphone verzichtet. Daraus ist schließlich das „Offline Manifest“ entstanden. Danach habe ich schnell erkannt, dass ich mit meinen Gedanken dazu gesellschaftlich nicht allein bin. So entstand das „Offline Institute“ und daraus auch die Bewegung „Offtober“, bei der ich meine Community dazu aufrufe, einen Monat lang auf Social Media zu verzichten.
Wie sehen die konkreten Regeln des „Offtobers“ aus?
Es handelt sich um eine Social-Media-Detox-Bewegung, bei der wir gemeinsam einen Monat lang auf klassische Kanäle wie Instagram, LinkedIn, TikTok, Snapchat und YouTube verzichten. WhatsApp nutzen wir in Maßen, da es eher ein Kommunikationstool ist. Während dieser Zeit werden die Teilnehmer:innen von uns begleitet. Den Anfang macht ein Live-Call am 30. September, in dem die letzten offenen Fragen geklärt werden, denn eine gute Vorbereitung ist wichtig. Danach erhalten die Teilnehmer:innen zu Beginn jeder neuen Woche Unterstützung. So geht es zum Beispiel nicht nur darum, auf Social Media zu verzichten, sondern auch darum, in einer Woche bewusst hinauszugehen, in der nächsten kreativ zu arbeiten und in der anderen noch einmal zu reflektieren. Auf der anderen Seite geht es darum, das Smartphone wieder verstärkt aus dem privaten Raum zu verbannen.
Welche Tipps empfehlen Sie zur Vorbereitung?
Es ist wichtig zu wissen, dass man anfangs sehr schnell unter „FOMO“ (Anm.: Englisch für „Fear of Missing Out“, zu Deutsch: die Angst, etwas zu verpassen) leiden kann. Um das im Voraus abzumildern, hilft es, sich bei Familie und Freund:innen bewusst zu verabschieden und anzukündigen, dass man in dem Monat besser per Telefon, WhatsApp oder SMS erreichbar ist. Das sollte auch auf den eigenen Kanälen kommuniziert werden. Wir bieten auch immer grafische Tools an, die gepostet werden können.
Abgesehen von der Angst, etwas verpassen zu können: Worauf müssen sich die Teilnehmer:innen in den ersten Tagen noch einstellen?
Das automatische Suchen nach den Apps auf dem Bildschirm. Deshalb raten wir dazu, diese zu löschen oder sie zumindest weit nach hinten zu verschieben. Im Allgemeinen dauert die Eingewöhnungsphase vier bis fünf Tage, dann erst sind die tiefgreifenden Veränderungen spürbar. Viele Teilnehmer:innen haben berichtet, dass diese Tage auch die schwierigsten sind. Wir reden aber von Beginn an ganz offen darüber, dass es normal ist, den Wunsch zu verspüren, wieder nachzusehen. Hier ist es dann wichtig, sich wieder bewusst zurückzuholen.
Sie waren selbst lange als Creatorin sehr aktiv, bevor sie eine Auszeit genommen haben. Anders als beim Offtober haben Sie Ihr Smartphone gegen ein altes Taschenhandy eingetauscht und waren nur per Telefon und SMS erreichbar. Welche Erkenntnisse waren für Sie in dieser Zeit am wichtigsten?
Diese 66 Tage waren für mich lebensverändernd und beeinflussen bis heute, wie ich lebe und was ich tue. Ich habe seither nie wieder eine so starke Bindung zu meinem Smartphone aufgebaut und bin sehr sensibel. Natürlich gibt es auch heute noch Tage, an denen ich häufiger am Handy bin, doch dann versuche ich, das wieder auszugleichen. Doch die Zeit ohne Smartphone war so intensiv, dass alles, was ich tue, darauf aufbaut: Ich konnte wieder viel mehr Glück spüren und wusste wieder genau, wer ich bin und was ich vom Leben möchte. Wenn es von außen leise wird, wird es von innen laut. Meine Sinne wurden intensiver und ich habe den Tag viel bewusster wahrgenommen. Die Tage waren außerdem länger und produktiver, meine Kreativität stieg enorm an. Meine Tiefschlafphasen haben sich verdoppelt und ich habe viel besser geschlafen. Ich habe meine Beziehungen und Bindungen verbessert, weil ich anders zuhören und gleichzeitig anders erzählen musste, um mir die Dinge besser vorstellen zu können. Ich verrate vor dem Offtober aber zum Beispiel gar nicht so viel. Man muss es vielmehr selbst erleben. Wichtig ist mir auch, Folgendes zu sagen: Ein Digital Detox ist nicht die Lösung des Problems, sondern vielmehr eine Möglichkeit, um wieder einmal zu spüren, wie es sich ohne Social Media eigentlich anfühlt und dies bewusst zu machen.
Wie aus der Wissenschaft zu hören ist, ist es aber nicht einfach, dorthin zu kommen: Weil Smartphones und soziale Medien uns täglich mit kleinen Dopamin-Hochs beeinflussen, fühlt sich ein Verzicht schwer an.
Genau, das ist sehr mühsam. Schwierig ist auch die Verhaltensänderung, das Smartphone konstant aus Räumen fernzuhalten. Genauso ist es schwierig, das Handy nicht automatisch an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer herauszuholen. Man muss sich erst wieder darin üben, wirklich nur da zu sitzen und seine Umgebung wahrzunehmen – und auch wieder Langeweile zuzulassen. Aber ich möchte hier auch den Druck rausnehmen. All diese Apps sind so konzipiert, dass wir möglichst viel Zeit auf ihnen verbringen. Zeit bedeutet bei Social Media gleich Daten und Daten bedeuten Geld. Das heißt, dort arbeiten Spezialist:innen für menschliche Verhaltenspsychologie daran, uns zum Bleiben zu bringen. Ich sage immer: Uns scrollt die Lebenszeit durch die Finger. Deshalb ist es wichtig, einmal wieder zu verzichten, um danach wieder in ein digitales Gleichgewicht zu kommen.
„Ich bin keine Technikfeindin, aber ich glaube, wir müssen einen gesunden und bewussten Umgang damit erlernen.“
Wie sieht es mit der beruflichen Vereinbarkeit des Offtobers aus? Gibt es Regelungen, die es Menschen, die beruflich mit den Kanälen arbeiten, ermöglichen, diesen trotzdem zu absolvieren?
Selbstverständlich ist es schwieriger, wenn der eigene Beruf mit Social Media zusammenhängt oder man sogar seinen Lebensunterhalt damit verdient. Aber auch hier geht es nicht darum, alles oder nichts zu machen, sondern bewusste Entscheidungen zu treffen. So kann man berufliche Kanäle zum Beispiel gut vorbereiten. Inhalte vorplanen, klare Zeitfenster setzen, in denen man aktiv ist, und dann auf den privaten Kanälen komplett verzichten. Das ist natürlich schwieriger. Eine andere Möglichkeit ist, das Thema ins Unternehmen zu tragen. Firmen können den Offtober strategisch begleiten, indem sie in dieser Zeit zum Beispiel verstärkt auf andere Kanäle wie Mailings setzen oder ihre eigene Community dazu einladen, bei der Pause mitzumachen. Wenn man sich die Zeit nehmen kann, ist ein kompletter Offtober natürlich die schönste und intensivste Erfahrung.
Was raten Sie den Teilnehmer:innen, denen es während des Monats doch passiert, dass sie sich auf einer der Plattformen einloggen?
Wir sprechen von vornherein darüber, dass das passieren kann. Wenn es dazu kommt, ist es wichtig, sich das bewusst zu machen und sich nicht groß darüber aufzuregen. Es geht darum, das Geschehene bewusst wahrzunehmen und den Auslöser zu hinterfragen. Bestrafen Sie sich nicht, sondern kommen Sie einfach wieder zurück.
Gibt es abschließend noch etwas, das Sie anfügen möchten?
Ich würde mir wünschen, dass alle, die das Interview lesen, mitmachen. Beim Offtober lache ich immer über meine Vision, dass im Silicon Valley irgendwann die Lampen wackeln, weil so viele Menschen in diesem Monat auf Social Media verzichten. Das ist ein großer Traum von mir. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen diese Abläufe verstehen und sich der Bewegung anschließen. Denn dieses Thema wird uns in Zukunft noch lange beschäftigen. Die Technologie wird nicht weniger in unserem Leben. Ich bin keine Technikfeindin, aber ich glaube, wir müssen einen gesunden und bewussten Umgang damit erlernen. Und dabei fehlt uns oft eine Bedienungsanleitung.
10 Tipps von Linda Meixner für den bewussten Smartphone-Umgang im Alltag
- Spüren: Es geht darum, wieder wahrzunehmen, wie das Leben ohne Social Media ist. Ob das nun einen Tag, ein Wochenende oder einen Monat lang ist.
- Nachrichten lieber gebündelt lesen. Planen Sie feste Zeiten ein, in denen Sie Ihre Nachrichten lesen. So entscheiden Sie, wann Sie das Handy in die Hand nehmen, und nicht umgekehrt. Stellen Sie die Push-Nachrichten aus.
- Legen Sie Ihr Smartphone möglichst weit weg vom Körper ab. Schaffen Sie Räume, in denen Smartphones nicht erlaubt sind, zum Beispiel das Schlaf- oder Badezimmer.
- Planen Sie Social-Media-freie Zeiten wie Öffnungszeiten ein. Wann sind Sie für Nachrichten erreichbar und ab wann nicht mehr?
- Aus der Wissenschaft: Stellen Sie Ihren Bildschirm auf schwarz-weiß um. Das verringert die Attraktivität der Inhalte. Manche verwenden auch bewusst eine hässliche Handyhülle, die sich nicht gut anfassen lässt.
- Sorgen Sie für Bewegung, am besten zwei- bis viermal pro Woche an der frischen Luft und ohne Handy.
- Werden Sie wieder kreativ und aktiv mit Ihren Händen. Suchen Sie sich Hobbys, vom Gärtnern bis zum Journaling. Das sorgt für Entspannung.
- Anstatt an der Kaffeemaschine, an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer zu scrollen, nutzen Sie die Zeit, um aus dem Fenster zu sehen oder einfach einmal tief durchzuatmen.
- Pflegen Sie Ihre sozialen Kontakte wieder im echten Leben. Selbst ein Telefongespräch ist besser als digitaler Austausch. Nehmen Sie sich bewusst Zeit für Treffen, bei denen das Smartphone nicht dabei ist.
- Nutzen Sie alte Zeitträger: Wer wieder mehr Uhren oder Wecker nutzt, ist automatisch weniger am Handy.
