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Ökofeminismus und Kunst: Wie passt das zusammen?

Ökofeminismus und Kunst: Wie passt das zusammen?
Foto: Shutterstock
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  • Veröffentlicht: 27.11.2025
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Sofia Ballon Hamann setzt sich mit ihren Kunstprojekten für Feminismus und Ökologie ein. Uns hat sie erklärt, wie das zusammenpasst.

Feminismus und Ökologie gehören fest zusammen – da ist sich Sofia Ballon Hamann sicher. Die interdisziplinäre und internationale Projektmanagerin setzt sich mit ihren künstlerischen Produktionen mit feministischen Themen auseinander und für Menschenrechte ein. Als strategische Leitung von „Science meets Art“ verbindet sie zudem wissenschaftliche Erkenntnisse mit künstlerischen Initiativen. So werden etwa in Workshops Geschlechtergerechtigkeit und Klimakrise zusammengedacht – Stichwort Ökofeminismus. Wir haben sie gefragt, was es damit genau auf sich hat, warum Haman ihr Leben der Kunst widmet und wie uns das alle weiterbringen kann.

Sie bezeichnen sich selbst gerne als „priviligierte Immigrantin in Österreich“. Warum – und wieso ist diese Perspektive wichtig?
Ich bin in Peru geboren und aufgewachsen, besitze heute aber einen EU-Pass. In Kombination mit der Ausbildung, die mir meine Eltern ermöglichen konnten, gibt mir das viele Möglichkeiten, die andere Frauen nicht haben: Ich kann weltweit komfortabel leben, studieren und arbeiten, wo ich möchte. Nur deshalb kann ich mich jetzt auch in Wien persönlichen Interessen widmen, meiner Kreativität mehr Raum gebe und einen Alltag führen, der in Peru unmöglich wäre. Das ist ein Privileg als Frau – vor allem im Hinblick auf die körperliche Sicherheit und den gesellschaftlichen Druck.

In Peru wird das klassische Rollenbild noch gelebt, Frauen haben weniger Rechte als Männer. Wie sind Sie aufgewachsen?
Ich bin Einzelkind, meine Erziehung war eher traditionell und meine Eltern streng. Trotzdem wurde ich nie gezwungen, in stereotype Mädchenrollen zu passen. Ich habe Kochen als wichtige Lebenskompetenz für alle gelernt und gleichzeitig meine körperliche Kraft in verschiedenen Mannschafts- und Einzelsportarten kennengelernt. Meine Eltern legten schon immer großen Wert darauf, dass ich unabhängig, weltoffen und belesen bin. Und so wuchs ich zu einer unkonventionellen Frau heran.

Heute nennen Sie sich überzeugt Feministin. Wie sind Sie zu einer geworden?
Ein prägendes Erlebnis war das Lesen von Eve Enslers „Vagina-Monologen“ mit etwa 16 Jahren. Dieses Werk nutzt Theater, Poesie, Gesang und vor allem das Geschichtenerzählen, um auf die Notlage von Frauen weltweit aufmerksam zu machen. Es berührte mich zutiefst. Und die Erkenntnis, dass Frauen weltweit keine Gleichberechtigung erfahren, motivierte mich, mich dafür einzusetzen, diese Ungleichheiten sichtbar zu machen und zu bekämpfen. Also studierte ich Politikwissenschaft und Gender Studies und engagiere mich seitdem für Frauenrechte.

Mittlerweile klären Sie auch viel über den Zusammenhang zwischen Feminismus und Ökologie auf. Warum ist das so wichtig?
Im Feminismus werden wir uns der von Menschen geschaffenen Ausgrenzung bewusst: Frauen wurden zum Gegensatz zu Männern, unterschiedliche Hautfarben zum Gegensatz zu Weiß, die Arbeiterklasse zum Gegensatz zu den Eliten – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. So wurde auch die Erde irgendwie zum Gegensatz zur Menschheit und im Interesse bestimmter Fortschritte entbehrlich.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Ich finde es beispielsweise befremdlich, wie wir von Menschenhand geschaffene Technologien monetär bewerten und rechtlich schützen, ohne den tatsächlichen Wert der Dinge zu berücksichtigen, die zerstört werden, und die Pflegearbeit, die geleistet wird, um solche Ziele zu erreichen.

„Üblicherweise wird Kunst als etwas betrachtet, das man konsumiert. Doch Kunst geht weit darüber hinaus, sie durchdringt viele unserer Handlungen.“
Sofia Ballon Hammann

Die Verbindung zwischen Feminismus und Ökologie soll also darauf aufmerksam machen und Ausgrenzung überwinden?
Genau. Der Begriff „Cuerpo-Territorio“, der im globalen Süden und in indigenen Gemeinschaften entwickelt wurde, drängt sich hier auf. Er spricht von unserer Verbundenheit mit dem Land, davon, uns als irdische Wesen zu sehen, unsere Haut und unseren Körper so zu spüren, wie wir mit den Fingern in der Erde wühlen oder in einem natürlichen Gewässer schwimmen. Wir sind uns der Schäden bewusst, die unserem Planeten zugefügt werden, und fühlen sie, da sie auch unseren Körpern zugefügt werden.

Wir sind Teil unserer Umwelt, Teil der Natur. Das ist in indigenen Völkern oft glasklar. Warum übersehen wir im Westen das dennoch so häufig?
Wir leben in einer schnelllebigen Welt, in der Erfolg in den meisten Gesellschaften mit hohem Gehalt und Kaufkraft, einer angesehenen Position oder akademischen Graden gleichgesetzt wird. Viele Menschen konzentrieren sich daher auf ihre Arbeit, ihr Einkommen, Anerkennung durch andere und oberflächliche Annehmlichkeiten – anstatt auf ihr eigenes seelisches und körperliches Wohlbefinden oder auf den Erhalt der wertvollen Ökosysteme, die unser Leben auf diesem Planeten ermöglichen. Als Peruanerin bin ich beispielsweise wenig begeistert von der Entwicklung von Elektrofahrzeugen und ihrer zunehmenden Beliebtheit in Europa und den USA.

Warum?
Das dient lediglich dem globalen Norden dazu, seine bequem formulierten Umweltziele zu erreichen und sich selbst zu loben, während gleichzeitig weiterhin illegaler und lebensbedrohlicher Bergbau in meinem Land gefördert wird. Wir sollten uns stattdessen auf öffentliche Verkehrsmittel und andere gemeinschaftliche Fortbewegungsmittel konzentrieren oder unsere eigene Energie zur Fortbewegung nutzen.

Ihre Form des Aktivismus ist die Kunst. Wie kann sie helfen, neue Perspektiven auf unser Leben zu entwickeln?
Üblicherweise wird Kunst als etwas betrachtet, das man konsumiert. Doch Kunst geht weit darüber hinaus, sie durchdringt viele unserer Handlungen. Von der natürlichen oder architektonischen Schönheit, die wir in unserer Umgebung wahrnehmen, bis hin zur Art, wie wir die Dinge auf unserem Nachttisch arrangieren – all das ist Kunst. Viele Menschen scheuen sich davor, sich selbst als „kreativ“ oder „künstlerisch“ zu bezeichnen, doch ich denke, das gehört genauso zum Menschsein wie das Atmen. Kunst ist unsere Fähigkeit, uns auszudrücken und zu verbinden; sie überwindet Sprachbarrieren und andere Hindernisse und kann so neue Perspektiven öffnen.

Mit Science meets Art nutzen Sie Kunst auch zur Wissensvermittlung.
Wir möchten Wissenschaft zugänglicher machen, indem wir sie den Menschen näherbringen und neue Perspektiven einbringen. Dank unserer Partnerinstitutionen konnten wir Künstlern Räume und finanzielle Mittel bieten, um sich mit bisher unerforschten Themen auseinanderzusetzen und mit Wissenschaftlern ins Gespräch zu kommen, die von künstlerischen Ansätzen und praktischen Erkenntnissen aus ihrer Forschung profitieren können.

Von was für konkreten Projekten sprechen Sie da?
Da gab es zum Beispiel einen Nachmittag zum Thema „Kunst, Wissenschaft und Müll“ sowie eine Ausstellung über Pionierinnen im Vienna Bio Center. Beim ersten Nachmittag kochten wir essbaren Biokunststoff und fertigten eine Skulptur aus Müll an, während wir über die Bedeutung von Reparatur, die Möglichkeiten der Wiederverwendung und die lokale Entwicklung von Technologien zur Reduzierung von Reifenabriebpartikeln diskutierten. Beim zweiten Nachmittag feierten wir den Internationalen Frauentag und den Internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft mit einer Ausstellung von Porträts von Pionierinnen neben aktuellen Forschungsergebnissen von Wissenschaftlerinnen in Wien.

Das nächste Projekt ist die Ausstellung „Was zwischen uns wächst.“ Welche Botschaft nehmen die Besucher:innen der Ausstellung bestenfalls mit?
Ich finde den Titel der Ausstellung wunderschön poetisch: Was zwischen uns wächst. Vielleicht ist dies an sich schon eine wichtige Botschaft. Der Zusammenhang zwischen Feminismus und Ökologie, die Bedeutung der Aufrechterhaltung gesunder Beziehungen zwischen allen Lebewesen auf unserem Planeten, eine Rückkehr zu den Grundlagen. Es wird sich wie eine andere Welt anfühlen und gleichzeitig einen tiefen Bezug zu unserer Heimat herstellen.

Was wünschen Sie sich für den Feminismus dieser Tage?
Zunächst einmal sollten sich alle Menschen, unabhängig vom Geschlecht, darüber im Klaren sein, was Feminismus nicht ist. Er ist kein Hass auf Männer und auch keine Bevorzugung von Frauen in männerdominierten kapitalistischen Strukturen. Wahrer Feminismus bedeutet, unsere Sozialisation zu hinterfragen und zu analysieren, warum wir in einer ungleichen Welt leben. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen den Begriff annehmen und ihren eigenen Weg als Feministinnen erkennen; Traditionen aufbrechen, Institutionen hinterfragen, sich dafür einsetzen, dass jeder Zugang zu grundlegenden Menschenrechten hat.

Foto: zVg

Zur Person

Sofia Ballon Hamann ist Projektleiterin der Gruppe Science Meets Art. In dieser Funktion verschränkt sie wissenschaftliche Szenarien mit künstlerischer Forschung. Ökofeminismus erscheint dabei als systemische Antwort auf die Ausbeutung von Natur und Menschen. 

Ausstellungs-Hinweis: Was zwischen uns wächst, 5. Dezember 2025 – 22. Jänner 2026, SOHO Studios, Liebknechtgasse 32, 1160 Wien. Mehr Infos dazu hier.

Leonie Zimmermann

Chefredakteurin Digital

In Deutschland 1993 geboren und aufgewachsen, nach dem Journalistik-Studium, einer Selbstständigkeit und mehreren Stationen in deutschen Medienhäusern, darunter das RedaktionsNetzwerk Deutschland und das Wochenmagazin stern, seit März als Chefredakteurin digital für Welt der Frauen tätig. Faible für Psychologie, Reisen, Feminismus – und die digitale Welt.

[email protected]

Foto: Barbara Aichinger


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