Mit ihrem kleinen Sohn floh Radmila Mitrovic vor drei Jahren in ein Frauenhaus und trennte sich vom Vater des Kindes. Heute lebt sie das erste Mal in einer eigenen Wohnung.
Ich wurde in Serbien geboren und hatte bis zu meinem 25. Lebensjahr ein ganz normales Leben: Schule, Elternhaus, Arbeit, alles war stabil. Ich habe zu studieren begonnen, das Studium aber nicht abgeschlossen – wegen der Liebe. Ich habe einen Mann kennengelernt, der in Wien gelebt hat, wurde schwanger und bin, als ich im sechsten Monat war, zu ihm gezogen. Ich wollte nicht wahrhaben, dass die Beziehung toxisch war, obwohl mich einige Menschen in meinem Umfeld darauf hingewiesen haben.
Dann habe ich den Vater meines Sohnes geheiratet. Er hatte keine eigene Wohnung, wir wohnten bei seiner Mutter, auch nach der Geburt. Die Wohnung war viel zu klein. Wir bekamen eine Unterkunft für obdachlose Familien von „Obdach Wien“, einer Einrichtung des Fonds Soziales Wien. Dort lebten wir einige Monate, in denen sich die Situation in der Beziehung sehr verschlechtert hat. Auch Gewalt war im Spiel. Ich wusste, ich muss weg, aber ich wusste nicht, wie und wohin. Ich wusste nicht, dass es Frauenhäuser oder Mutter-Kind-Häuser gibt. Ich hatte keinen Aufenthaltstitel, und mein damaliger Mann drohte mir damit, dass ich abgeschoben, er ins Gefängnis und unser Sohn ins Heim kommen würde, wenn ich die Polizei rufe.
Ein entscheidender Tag
Als meine Eltern nach Wien kamen, um uns zu besuchen, sahen sie meine Situation das erste Mal. Und sie haben mir geholfen, zu gehen. Ich werde das Datum niemals vergessen, es war der 13. Jänner 2023. Ein Taxi kam und brachte mich und mein sechs Monate altes Baby zu einem Frauenhaus. Ich hatte nur die allernötigsten Sachen dabei. Mein Mann kannte die Adresse nicht, zu ihm sagte ich nur: „Wir gehen jetzt und kommen nicht zurück.“
Selbst betroffen? Hier gibt es Unterstützung
Wir kamen erst im Frauenhaus unter, dann in einem Mutter-Kind-Haus. In dieser Zeit lernte ich Deutsch. Außerdem wurde mir klar, dass ich in Wien bleiben wollte, damit mein Sohn Kontakt zu seinem Vater haben kann.
Erste eigene Wohnung
Wir zogen in ein anderes Mutter-Kind-Haus um, wo ich eine Einzimmerwohnung hatte. Dort begann sich mein Leben zu verändern. Mit der Hilfe meiner Betreuerin plante ich meine nächsten Schritte. Sie half mir, über das „Housing First“-Programm vom neunerhaus eine Wohnung zu bekommen. Meine erste eigene Wohnung.
Ich habe mein Leben endlich in den eigenen Händen, bin unabhängig und muss mir keine Sorgen mehr machen, wo ich als Nächstes unterkommen kann. Ich habe meine Privatsphäre und fühle mich sicher. Auch mein Sohn, der jetzt dreieinhalb ist, spürt, dass das jetzt sein Zuhause ist und keine Übergangslösung.
„Es wird nie schlimmer als jetzt. Es kann nur besser werden.“
Eine Freundin hat mir vom Peers-Kurs erzählt, den das neunerhaus anbietet. Der Kurs dauert sieben Monate, und als Peer hilft man anderen Betroffenen mit seiner eigenen Erfahrung. Ich habe beschlossen, das auch zu versuchen, habe mich beworben und wurde genommen. Jetzt betreue ich andere Wohnungslose – und ich merke, dass es ihnen auch hilft, wenn sie meine Geschichte hören.
Geschämt habe ich mich nie für meine Situation, zum Glück. Deshalb sage ich allen Frauen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind: Es wird nie schlimmer als jetzt. Es kann nur besser werden. Deshalb: Hol dir Hilfe, sage irgendjemandem, wie es dir geht, rede offen und verstecke deine Probleme nicht!
