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Noch immer die Ersten

Seit 100 Jahren können Frauen in Österreich in alle politischen Ämter gewählt werden. Dennoch gibt es in vielen Orten erst seit Kurzem die erste Bürgermeisterin. Wir haben solche, die über eigene Listen zu ihrem Mandat gekommen sind, befragt.

Bürgermeisterin Monika Wechselberger

Mayrhofen im Zillertal, Tirol, 3.858 EinwohnerInnen

So einfach mache ich es ihnen nicht, ich lasse mich aufstellen“, lautete der Entschluss von Monika Wechselberger. Als Gemeinderätin war sie mit vielen Fragen abgeblitzt, zum Beispiel mit der, warum manche Flächenwidmungen so schnell gehen und andere so lange brauchen. Mit einer eigenen Liste, auf der sie absichtlich keine UnternehmerInnen, sondern „nur“ mehrere „Otto Normalverbraucher“ sammelte, schaffte sie es 2016 in die Bürgermeisterstichwahl von Mayrhofen und gewann – was ihr bis jetzt starken Gegenwind beschert hat. Ihre Liste hält nur vier der insgesamt 15 Mandate im Gemeinderat. Vor allem in baurechtlichen Fragen wird häufig gegen die Entscheidungen der Bürgermeisterin geklagt, aber das Landesverwaltungsgericht hat bisher all ihre Bescheide bestätigt. Ihr wichtigster Wert sei Gerechtigkeit, sagt Wechselberger. Wer sich an die Spielregeln halte, solle nicht die oder der Dumme sein. Die begeisterte Religionslehrerin – „die Bibel und der Glaube sind meine Leidenschaft“ – will mehr Transparenz und berichtet regelmäßig über alle Entscheidungen im Gemeinderat.

Der Versuch, dessen Sitzungen mittels Livestream zu übertragen, scheiterte. „Es ist nicht gewünscht, dass die Art des Umgangs im Gemeinderat in die Wohnzimmer kommt“, meint sie. Als die 49-Jährige ihren Enkel Franzl einmal mit ins Amt bringt, weil ihre Tochter dringend einen Babysitter braucht, attackiert die Opposition, sie würde nur noch „kindsen“. Ein Untergriff, der wohl nur einer Frau passiert. Attacken wegzustecken, sei für sie leichter, weil sie ihren Glauben habe, sagt Monika Wechselberger. „Ich bin nicht allein, sondern habe im ,Gnack‘ meinen Herrgott sitzen, der mich stärkt.“ Außerdem versuche sie zu allen freundlich zu sein, ihnen zuzuhören und ehrlich zu sagen, ob sie ein Problem lösen könne oder nicht. „Wenn man mir etwas nicht vorwerfen kann, dann das, dass ich nicht fleißig bin.“ Mayrhofen ist ein florierender Tourismusort mit jährlich zwei Millionen Nächtigungen. Schwieriger, als neue Gebäude zu bauen, sei es, den Charme und das Flair des Ortes zu erhalten. „Wir müssen aufpassen, dass der Ort nicht verschandelt wird.“ Er soll zudem nicht nur für Gäste, sondern auch für KleinverdienerInnen und Alleinerziehende lebenswert sein. Gute Kinderbetreuung und leistbarer Wohnraum sind vorrangige Themen für Wechselberger. Ihr Mann ist übrigens als Mitarbeiter des Bauamtes einer der 64 Angestellten der Frau Bürgermeisterin. Bis zur nächsten Wahl im Jahr 2022 möchte sie mehr Transparenz erreichen, die Digitalisierung in Verwaltung und Schulen weiter vorantreiben, den Gemeindefuhrpark auf E-Mobilität umstellen und einiges mehr. Wie mehr Frauen in die Kommunalpolitik kommen? Da solle man sich ein Beispiel an Belgien nehmen. Dort dürfen Listen nur zur Wahl antreten, wenn mindestens 40 Prozent Frauen darauf vertreten sind. Zutrauen müssten sich die Frauen allerdings schon auch selbst etwas.

Wichtig als Bürger­meisterin ist: Rückgrat zeigen und Position beziehen.

Bürgermeisterin Irene Gölles

Gloggnitz in Niederösterreich, 5.916 EinwohnerInnen

Kritik nehme ich mir nicht mehr so zu Herzen wie früher, wo ich manchmal nicht schlafen konnte.“ Nach acht Jahren im Amt ärgert die Gloggnitzer Bürgermeisterin ungerechte Kritik zwar noch immer, denn man wolle ja alles richtig machen, aber sie hat auch gelernt, Stärke zu zeigen. Dominanzverhalten kann man es auch nennen, was Männer meistens besser beherrschen als Frauen: „Wir glauben zu Unrecht, dass es darum geht, noch mehr zu tun, um uns zu beweisen. Ich sage heute meine Meinung deutlich. Man überlegt ohnehin lange, bevor man etwas sagt und wie man es sagt.“ Irene Gölles’ Weg zum Bürgermeisterinnenamt weist einen großen Bruch auf. Sie war mehrere Jahre Vizebürgermeisterin, doch dann warf der amtierende Bürgermeister sie aus der Partei. „Es war die Angst, dass jemand stärker werden könnte als er.“ Gölles sammelte Interessierte in einer eigenen Liste und konnte bei den vergangenen Wahlen deren Stärke kontinuierlich ausbauen. „Der Vorteil ist, dass verschiedene Menschen verschiedene Gruppen ansprechen. Ich weiß gar nicht, was die Leute meiner Liste bei anderen Wahlen wählen.“

Wenn Irene Gölles überregional die Seilschaften von Parteien braucht, kann sie mit ihrem Koalitionspartner rechnen. Gloggnitz, am Rande des Industriegürtels südlich von Wien gelegen, versucht, den Zuzug zu forcieren. Derzeit wird ein Schulzentrum millionenschwer neu gebaut. Kindergärten, leistbarer Wohnraum und Angebote für Wohnen im Alter sind außerdem auf der Agenda ganz oben. Gölles, mit 64 Jahren im Pensionsalter, hat sich noch ein paar Jahre im Amt vorgenommen. Andere Frauen für die Gemeindepolitik zu interessieren, gestalte sich nicht ganz einfach. Viele wollten am Ende doch nicht Entscheidungen verantworten. Und das schlechte Gewissen, weniger Zeit für Kinder und Familie zu haben, kennt ­Gölles, Mutter einer erwachsenen Tochter, aus eigener Erfahrung. „Es dauert sicher noch lange, bis wir gleich viele Frauen wie Männer in der Politik haben werden,“ analysiert sie nüchtern. Es gehörten sehr viele kleine Schritte dazu, vor allem in der Familie, in der Erziehung, um die Aufgaben neu zu verteilen. „Manchmal denke ich, wir waren schon weiter“, sagt sie. Beispielsweise als ihre Vorgängerin Zenzi Hölzl von 1948 bis 1958 erste Bürgermeisterin „in Rot-Weiß-Rot“ war.

Was von mir bleiben soll: Ich möchte gerne nach Zenzi Hölzl, der ersten Bürgermeisterin von Gloggnitz und in Österreich, die zweitbeste Bürgermeisterin der Geschichte der Stadt werden.

Bürgermeisterin Gabriella Gehmacher-Leitner

Anif bei Salzburg, 4.195 EinwohnerInnen

Wenige Frauen haben als persönliches Ziel, Bürgermeisterin zu werden, meist ergibt es sich aus der Situation, so war es auch bei mir.“ Gabriella Gehmacher-Leitner war Gemeinderätin der Liste Krüger, als deren Namensgeber und Bürgermeister plötzlich verstarb. Die Juristin rückte nach und setzte sich in einer Stichwahl durch. Im nächsten Jahr wird wieder gewählt, ein, zwei Perioden möchte sie schon noch weitermachen. Anif, am südlichen Rand von Salzburg gelegen, ist einerseits gefragter Wohnort, andererseits mit massiven Verkehrsproblemen konfrontiert. Die Gemeinde versucht, kostengünstigen Wohnraum vor allem für Familien zu schaffen. Busse in die Stadt verkehren inzwischen jede Viertelstunde, zu Jahrestickets gibt es einen Zuschuss, das Radwegenetz wird ausgebaut. Gehmacher-Leitner engagierte sich vor ihrer politischen Tätigkeit als Mitarbeiterin in einem Eltern-Kind-Zentrum. Familienfreundlichkeit ist nach wie vor ein Herzensanliegen der 54-Jährigen. Kindergarten, Hort, Krabbelgruppen, Tageseltern, aktive SeniorInnen und ein Seniorenwohnhaus beschäftigen die Bürgermeisterin. „Ich höre öfter, dass eine Frau mehr Wert auf das soziale Miteinander legt, vielleicht eine Spur feinfühliger ist als ein Mann“, überlegt sie. Ihre eigene Liste hat bei zehn Mandaten drei Frauen in den Reihen. Damit das mehr werden, spricht Gehmacher-Leitner Frauen direkt an und lädt sie zur Mitarbeit ein. An ihren beiden erwachsenen Töchtern sieht die Politikerin, dass sich etwas ändert: „Sie müssen sich ihre Eigenständigkeit nicht mehr erkämpfen. Sie sind geprägt davon, dass ihnen die Welt offensteht. Die eine hat nach der Matura ein Jahr in Nepal unterrichtet, die andere ist ein Jahr lang alleine auf Weltreise gegangen. Das hätte ich mich nicht getraut.“ Auch ihr Sohn, der noch Schüler ist, wisse ganz genau, dass Frauen wie Männer heute dieselben Möglichkeiten haben, die sie nur entsprechend ihren Fähigkeiten nützen müssen. Die Mama macht’s ihm vor.

Meinen Erfolg messe ich an um­gesetzten Projekten und am Vertrauen der OrtsbewohnerInnen.

Bürgermeisterin Regina Schrittwieser

Krieglach, Steiermark, 5.305 EinwohnerInnen

Die ersten zwei, drei Jahre waren wirklich hart“, erzählt Regina Schrittwieser. 2003 war sie, nominiert von der Liste Schrittwieser, die ihr Ehemann in den 1980er-Jahren gegründet hatte, zur Bürgermeisterin gewählt worden. 2005 musste sie sich einem „schrecklichen Wahlkampf mit Angriffen unter der Gürtellinie“ stellen. Ihr Mann war vor ihr viele Jahre Bürgermeister gewesen. Kurz habe sie sich gefragt, warum sie sich das antue, inzwischen ist sie aber durch weitere Wahlen eindrucksvoll bestätigt, verfügt mit 18 von 25 Mandaten über eine komfortable Mehrheit im Gemeinderat und möchte über ihren 60. Geburtstag hinaus, der im kommenden Jahr ansteht, weitermachen. Regina Schrittwieser liebt es – nach eigenen Worten – zu entscheiden. Seit sie Bürgermeisterin ist, habe sich die Sitzungsdauer stark verkürzt. Sie höre zu, frage nach, bilde sich eine Meinung, und dann werde rasch und konsequent entschieden und umgesetzt. Ein breites Allgemeinwissen sei in ihrem Amt von Vorteil. Mit einer Ausbildung an der Handelsakademie und einem Studium der Agrarökonomie habe sie ein solides Fundament. Als Bürgermeisterin einer Namensliste sei sie außerdem nur den BürgerInnen des Ortes verpflichtet, was die Interessenlage kläre. In Krieglach geht es neben Wohnraum auch um Infrastruktur. Viele der BewohnerInnen pendeln zur Arbeit nach außerhalb. Damit die Menschen bleiben, braucht es gute Verkehrsanbindung, eine funktionierende Nahversorgung, Vereine, Kinderbetreuung, Seniorenangebote. Neben einer Bürgermeisterin verfügt Krieglach sogar über einen Kinder- und Jugendgemeinderat, um die nächste Generation frühzeitig in das politische Geschehen einzubinden. Warum nicht mehr Frauen Bürgermeisterinnen sind? Das liege an fehlenden Vorbildern und traditionellen Rollenbildern. Frauen hätten auch selbst lange kein Interesse gezeigt. Einmal in der Position, sei Selbstbewusstsein gut, aber es sei entscheidend, nicht „selbst die Wichtigste und Schönste“ sein zu wollen, darauf reagiere das Umfeld empfindlich; man müsse sich auch zurücknehmen können, sagt Schrittwieser. Am Bergbauernhof der Familie überlässt sie nun „ihren“ Männern die Arbeit. Teamwork geht auch andersrum.

Wenn ich aufhöre, soll über mich gesagt werden: ‚Es war schön, mit ihr zusammen­zuarbeiten, und es war eine gute Zeit für Krieglach.

Bürgermeisterin Bianca Moosbrugger-Petter

Reuthe im Bregenzerwald, Vorarlberg, 672 EinwohnerInnen

Im ersten Moment nach der Wahl musste ich mich mit meiner Familie und meinem Arbeitgeber besprechen, ob das auch zeitlich geht. Aber mir war klar, wenn ich die Chance habe, mache ich das.“ Bianca Moosbrugger-Petter rechnete sich bei der Gemeinderatswahl einen Platz im vorderen Drittel aus. Tatsächlich entfielen die meisten Stimmen auf sie. Das Wahlverfahren in Reuthe ist originell: Alle stimmberechtigten BürgerInnen bekommen eine Liste mit allen wählbaren BürgerInnen und schreiben 24, die sie in der Gemeindevertretung und Ersatzgemeindevertretung haben wollen, auf einen Blankozettel. Die besten zwölf ziehen in den Gemeinderat und bestimmen aus ihrer Mitte erst den Gemeindevorstand und danach den Bürgermeister oder die Bürgermeisterin. Warum wurde Bianca Moosbrugger-Petter gewählt? „Ich bin da aufgewachsen, kenne fast alle persönlich und bin in vielen Vereinen aktiv.“ Außerdem war sie lange Gemeindesekretärin, also in der Sache eingearbeitet, und ihr Vorgänger kam bei manchen wegen einer Flächenwidmung in Misskredit.

„Ich habe ein ausgleichendes Naturell und sehe mich als moderierend“, sagt Moosbrugger-Petter. Sie sei froh, wenn es nicht nur Jasager gebe, für gute Entscheidungen seien auch kritische Stimmen wichtig. Eine gute Vorbereitung von Sitzungen bestehe aus vielen Gesprächen, sodass am Ende alle wichtigen Entscheidungen meist einstimmig getroffen werden. Vertrauen entstehe im Bregenzerwald auch durch kluge Lösungen. So kooperiert man in Reuthe in vielen Belangen mit Nachbargemeinden, nützt eine gemeinsame EDV. Am Institut für Gemeindeinformatik arbeitet die Bürgermeisterin auch im Teilzeit-Brotberuf. Wenn die Reuthinger wollen, bleibt Moosbrugger-Petter noch länger im Amt. Aber auch überregionale politische Aufgaben reizen sie. Noch wurde sie nicht gefragt, „ich würde nicht sofort Ja sagen, aber auch nicht Nein – das muss gut überlegt werden“. Ihr Mann, als Monteur oft nicht daheim und deswegen auch nicht zur Rolle des Prinzgemahls genötigt, und der schon erwachsene Sohn stehen hinter ihr. Anderen Frauen rät sie, offen zu sagen, dass sie gerne für Ämter zur Verfügung stehen. Das Rollenverständnis, in erster Linie für die Familie da zu sein, stehe dem oft noch entgegen.

Positiv ist, dass Gemeindevertretung und MitarbeiterInnen hinter mir stehen, auch wenn ich einmal einen Fehler mache.

Österreich und seine Bürgermeisterinnen

Von 2.100 Bürgermeistern sind derzeit in Österreich 162 Frauen, das entspricht 7,7 Prozent. Den niedrigsten Frauenanteil hat Salzburg (4,2 Prozent), den höchsten Niederösterreich (11,3 Prozent). Europaweit liegt der Schnitt bei 13,4 Prozent. In Schweden ist beispielsweise ein Drittel der Bürgermeister weiblich, das wurde ohne jede Quotenregelung erreicht. Erste Bürgermeisterin in Österreich war 1948 Zenzi Hölzl in Gloggnitz, Niederösterreich.

Fotos: Gerd Eder, Marco Riebler, Stefan Zamisch, Lukas Hämmerle

Erschienen in „Welt der Frauen“ 11/18