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„Niemals zuvor war ich so frei“
Eva Mozes Kor ist die letzte Überlebende der Experimente, die Josef Mengele in Auschwitz an jüdischen Zwillingspaaren vornahm. Ein Gespräch mit einer kraftvollen alten Dame, die in der Vergebung ihre Freiheit fand.
 

Sie halten viele Vorträge vor jungen Menschen. Wie reagieren die auf Ihre Geschichte und Ihre Botschaft, dass Vergebung Freiheit bedeutet?
Eva Mozes Kor: Da bin ich immer wieder erstaunt. Ich kann vor 5.000 Jugendlichen verschiedenen Alters sprechen, und sie sind ganz still und hören aufmerksam zu. Das sind magische Momente. Ich erzähle aus meiner damaligen Perspektive als zehnjähriges Mädchen, was ich in Auschwitz erlebt habe. Mit 13 Jahren habe ich – und zwar genau in der Reihenfolge – Essen und Freiheit herbeigesehnt. Ich sage den Jugendlichen dann: „Ihr habt das alles, also macht etwas daraus!“

Es gibt nach wie vor LeugnerInnen des Holocaust. Ursula Haverbeck zum Beispiel, eine 88-jährige Deutsche, wurde dafür schon mehrfach verurteilt. Was würden Sie ihr gerne sagen?
Ich würde sie fragen, ob sie mir sagen kann, warum meine Geschwister, meine Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten plötzlich verschwunden waren, kurz nachdem wir in Auschwitz ankamen. Ich würde sie fragen, ob sie allen Ernstes behauptet, dass Mengele an mir keine medizinischen Experimente vorgenommen hat. Ich würde ihr die Tätowierung auf meinem Arm zeigen. Die habe ich, denn ich war dort.

Sie nennen als Ihr Motto „Niemals aufgeben“, und Sie schreiben in Ihrem Buch „Die Macht des Vergebens“ von Ihrer festen Überzeugung als Kind, dass Sie Auschwitz überleben würden. Woher kommt Ihre Energie?
Das kann ich nicht wirklich erklären. Vielleicht hat mir eines geholfen: Meine Eltern hatten bereits zwei Töchter, als meine Mutter mit mir und meiner Schwester schwanger war. Sie wollten endlich einen Sohn, doch daraus wurde nichts, wieder zwei Töchter. Das war eine große Enttäuschung für meinen Vater, die er mich – nicht meine Zwillingsschwester Mirjam – immer spüren ließ. Ich lernte also sehr bald, mich zu wehren. In Auschwitz kam mir das sicher zugute. Ich wusste mir selbst zu helfen.

Kommen wir zu Ihrem Lebensthema, dem Vergeben. Was hat sich verändert, als Sie sich dafür entschieden?
Alles. Meine Vergangenheit war bis dahin eine schwere Last, die ich mit mir herumgeschleppte. Mit der Vergebung wurde ich frei. Ich vergleiche das mit Maria aus „The Sound of Music“, wir Amerikaner lieben ja diesen Film, wie Sie wissen. Maria, die ganz oben auf dem Hügel steht, der Wind bläst durch ihr Haar, alles erscheint möglich … So hat sich das Vergeben angefühlt. Niemals zuvor war ich so frei.

Es begann ja damit, dass Sie beschlossen, den deutschen Arzt Hans Münch, der Mengeles Assistent war, zu treffen, um ihm Fragen zu den Experimenten zu stellen. Wie war das für Sie?
Ich hatte große Angst, als ich ihn 1993 erstmals traf. Aber dann hatte ich sofort ein gutes Gefühl, ich mochte ihn sogar, das überraschte mich. Er behandelte mich mit Respekt. Das hatte ich nicht erwartet. Er war bereit, mir alle meine Fragen zu beantworten, er sprach von den Untaten, die er begangen hatte, und dass er mit diesem Albtraum Tag für Tag lebe. Mir öffnete  das die Augen dafür, dass ja auch die überlebenden Nazis mit diesem Horror leben.

Münch hat Sie dann 1995 zu den Gedenkfeiern der Befreiung von Auschwitz begleitet und dort seine Taten bezeugt.
Genau, er bezeugte mit seiner Unterschrift, was damals tatsächlich geschehen war. Er zögerte nicht, als ich ihn darum bat. Den Verantwortlichen der Gedenkfeier erzählte ich damals übrigens nicht, dass ich einen Nazi mitbringen würde, das hätten die mir wohl nicht erlaubt! Ich habe also ein Originaldokument, das bezeugt, was in Auschwitz geschah. Das sollten wir vielleicht auch Frau Haverbeck zeigen.

Ja, sie sollte auch Ihr Buch lesen. Darin schreiben Sie, wie dankbar Sie Hans Münch sind, und erklären, was die Vergebung bei Ihnen bewirkte.
Ich dachte lange darüber nach, welches Geschenk ich Münch als Dankeschön machen könnte. Mir fiel nichts ein, was seiner Tat würdig gewesen wäre. Und dann war es plötzlich da: Vergebung ist mein Geschenk an ihn – und auch an mich. Ich habe den Nazis vergeben, auch öffentlich, das hat mir viel Kritik eingebracht. Wenn ich damals meinen Mann, meine Kinder gefragt hätte, was sie von der Idee, zu verzeihen, hielten – sie hätten es mir ganz sicher ausgeredet. Daher noch ein Rat: Wenn Sie eine Idee haben und dranbleiben möchten, dann machen Sie das nur mit sich selbst aus.

Miteinander zu reden ist aber auch wichtig. Sie schreiben, dass Kinder das in der Schule lernen sollten – vor allem auch, wie man einander vergibt.
Natürlich. Aber manches muss man mit sich selbst klären. Durch den eigenen Schmerz kann man nur selbst gehen. Was ich auch noch sagen möchte: Vergeben und vergessen ist das falsche Konzept. Man kann nicht vergessen, was einem geschehen ist. Aber man kann durch das Vergeben Frieden schließen mit der Vergangenheit. Ich habe mit dem Vergeben mein Problem gelöst. In der Auseinandersetzung damit erkannte ich, dass ich so die Macht über mein Leben wieder zurückgewann. Als Opfer, als das ich mich bis dahin fühlte reagierte ich nur auf das, was Menschen mir angetan hatten. Vergeben aber stand alleine in meiner  Macht. Ich wollte einfach nicht länger ein Opfer sein. Viele Auschwitz-Überlebende haben mir das sehr übel genommen.

Aber vielen Menschen haben Sie mit Ihrer Haltung auch sehr geholfen.
Ich hoffe es. Jeder kann sich selber heilen. Das ist noch dazu kostenlos. Wenn du also nicht magst, wie es dir geht, kannst du es für dich selbst immer ändern. Es ist recht einfach: Ich nahm Himmler, Mengele, Gröning die Macht über mein Leben, indem ich ihnen verzieh. Dafür brauche ich weder die Erlaubnis noch die Akzeptanz von anderen. Hat man diese Freiheit jemals erlebt, wird man sie nie mehr missen wollen.

Eva Mozes Kor

Eva Mozes Kor wurde 1934 in Portz in Siebenbürgen geboren und als zehnjähriges Mädchen mit ihrer Familie nach ­Auschwitz deportiert. Weil sie und ihre Schwester Mirjam Zwillinge waren, kamen sie dort zu Josef Mengele, der an Zwillingen grausame medizinische Experimente durchführte. Nach der Befreiung ging Eva Mozes Kor nach Israel, heiratete 1960 einen Amerikaner und zog mit ihrem Mann nach Indiana, wo sie heute noch lebt. Ihre Schwester Mirjam starb 1993 an den Spätfolgen der Behandlungen in Auschwitz. Eva Mozes Kor ist nach wie vor höchst aktiv – um den Holocaust nicht vergessen zu lassen und um über die Macht der Vergebung zu sprechen.

 

Eva Mozes Kor: Die Macht des Vergebens. / Benevento Verlag / 24,00 Euro

Eva Mozes Kor: Die Macht des Vergebens. / Benevento Verlag / 24,00 Euro

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 03/17 – von Carola Malzner

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