Nach der Matura stehen unzählige Türen offen. Was grundsätzlich ein Privileg ist, kann auch herausfordernd sein, weiß die Maturantin Sophie Rose. Über die Suche nach dem eigenen Platz im Leben.
Volljährigkeit, Führerschein, Matura, Auszug aus dem Elternhaus: Mit dem 18. Geburtstag beginnt für viele junge Menschen ein völlig neuer Lebensabschnitt. Gerade bei Maturant:innen stehen viele wesentliche Entscheidungen an. Fragen wie „Wo geht es als Nächstes hin? Was möchte ich studieren? Möchte ich das überhaupt? Und wo?“ prasseln auf sie ein.
Während manche an diesem Wendepunkt bereits einen konkreten Fahrplan haben, fühlt er sich für andere wie eine unübersichtliche Kreuzung mit unzähligen möglichen Abzweigungen an. Dieses Gefühl der Ungewissheit und Verunsicherung kennt auch Sophie Rose. Die 18-Jährige aus Gmunden hat im Vorjahr die Schule abgeschlossen und erzählt im Gespräch offen: „Ich wusste nicht, was ich nach der Matura machen wollte. Du hast so viele Möglichkeiten und das ist auf der einen Seite ein sehr großes Privileg. Auf der anderen Seite können genau diese vielen Optionen aber auch überfordernd wirken und zum Hindernis werden. So geht es, glaube ich, vielen Jugendlichen – und so empfand ich es auch. Dabei haben mich meine Eltern nie unter Druck gesetzt, sofort mit einem Studium beginnen zu müssen.“
Matura – und jetzt?
Einfach etwas zu studieren, nur um des Studiums willen, das kam für die Gmundnerin nicht in Frage. Auch wenn es in ihren Augen völlig in Ordnung ist, sich während der Studienzeit noch einmal umzuentscheiden, wollte sie sich bei ihrer Wahl von Anfang an möglichst sicher sein. „Ich sah für mich keinen Sinn darin, etwas zu beginnen, ohne zu wissen, ob es mir tatsächlich gefällt und ob ich mir in diesem Bereich eine Zukunft vorstellen kann.“ Statt also vorschnell eine Entscheidung zu treffen, hielt sie zunächst bewusst inne und arbeitete in einem Café in ihrer Heimatstadt. Bis sie durch eine Freundin von der Möglichkeit erfuhr, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu absolvieren. Sie bewarb sich, wurde aufgenommen und begann im November des Vorjahres im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz zu arbeiten.
„Es ist auch ein cooles Gefühl zu wissen, dass man selbstständig sein kann.“
Für die 18-Jährige ist es eine große Chance, für die sie sehr dankbar ist: „Ich darf zwar keine direkten Behandlungen an den Patient:innen durchführen, dafür aber an allen Aspekten der Stationsarbeit teilnehmen, von der Essensausgabe über die Zimmerreinigung bis hin zur Visite. An den sogenannten Hospitationstagen habe ich die Möglichkeit, in die verschiedensten Arbeitsbereiche des Krankenhauses hineinzuschnuppern.
Ich war zum Beispiel schon in der Notaufnahme, in der Neurologie, in der Gastroenterologie und im OP. Das war sehr spannend.“ Das Krankenhaus habe sie bewusst ausgewählt, um einmal hinter die Kulissen blicken zu können. Vom FSJ zeigt sie sich nach den ersten Monaten überzeugt: „Ich glaube, es ist eine gute Chance, etwas Neues zu erleben und – in meinem Fall im Gesundheitswesen – Erfahrungen zu sammeln, ohne gleich völlig auf sich allein gestellt in der Arbeitswelt bestehen zu müssen.“
Zwischenphasen statt harter Übergänge
Ähnliches empfindet Rose auch in Bezug auf die Wohnsituation. Zwar lebt die junge Frau unter der Woche allein in einer vom Krankenhaus zur Verfügung gestellten Wohnung, doch am Wochenende führt ihr Weg stets wieder nach Hause – wie bei den meisten ihrer Freund:innen. Diese Zwischenphase schätzt die 18-Jährige: „Am Anfang war es gewöhnungsbedürftig, das Zuhause zu verlassen. Aber es ist auch ein cooles Gefühl zu wissen, dass man selbstständig sein kann. Diese aktuelle Zwischenlösung passt für mich sehr gut, weil ich nicht komplett weg bin. Früher dachte ich immer: Wenn ich 18 bin, ziehe ich sicher aus. Dabei ist es schön, am Wochenende wieder heimzukommen.“
Sorgen und Hoffnungen
Inzwischen hat Sophie Rose auch eine konkrete Vorstellung davon, wohin es beruflich gehen könnte. „Ich überlege, im Pflegebereich zu arbeiten“, erzählt sie. Dafür hat sie sich bereits für das Studium der Gesundheits- und Krankenpflege an einer Fachhochschule beworben, auch der Medizinaufnahmetest steht für sie im Raum. Einzig die Rahmenbedingungen des Berufsfeldes stimmen die junge Frau nachdenklich. Vor allem die oft mangelnde Wertschätzung und Bezahlung bereiten ihr Sorgen. „Natürlich gibt es diese Momente, in denen man sich fragt, warum man das alles macht“, sagt sie. Gerade, wenn sie sieht, wie schlecht Pflegekräfte teilweise bezahlt oder wie wenig gesellschaftlich sie anerkannt werden. „Die Wertschätzung der Patient:innen ist sicher da. Aber am Ende des Tages muss das Leben auch finanzierbar sein – und alles wird immer teurer.“
Sorgen bereiten Rose auch die aktuellen weltpolitische Entwicklungen. „Wir erleben gerade keine einfache Zeit.“ Gleichzeitig sei ihr bewusst, in welch privilegierter Situation sie lebt: „Man kann froh sein, in Europa – beziehungsweise in Österreich – zu leben.“ Wie viele in ihrem Alter macht ihr außerdem der Gedanke zu schaffen, dass der Freundeskreis mit der Zeit auseinanderdriften könnte. „Auch wenn das bis zu einem gewissen Grad wahrscheinlich ganz normal ist.“
Emanzipiertes Leben
Trotz aller Zweifel und Zukunftssorgen ist die junge Frau sich bewusst, dass sie selbst viel bewirken kann. Seit Langem beschäftigt sie sich mit der weltweiten Unterdrückung von Frauen. Diese Auseinandersetzung zeige ihr immer wieder, dass Gleichberechtigung keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein hohes Gut, dass – von den Politiker:innen ebenso wie von den Wähler:innen – geschützt werden muss. „Mir ist auch bewusst, dass ich die Möglichkeit habe, mich weiterzubilden und ein emanzipiertes Leben zu führen. Das ist ein großes Privileg, das man nicht verschwenden darf. Und es ist ein Gedanke, an den ich mich immer erinnere, wenn mich etwas überfordert.“
