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Femen: Schöne Feministinnen

In der Ukraine hat sich während der Orangen Revolution 2008 die radikale feministische Gruppe „Femen“ gegründet. Großes Medieninteresse ist den fotogenen Damen sicher, denn sie protestieren immer oben ohne. „Femen“ kämpft für mehr Demokratie, Frauenrechte, gegen Sextourismus und Prostitution. Die Aktionen der Frauen, die oft mit Blumenkränzen und Haarbändern auftreten, sind immer spektakulär. So zogen sie zum Beispiel als Dienstmädchen verkleidet vor das Haus des wegen Vergewaltigung einer Hotelangestellten angeklagten französischen Politikers Dominique Strauss Kahn; sie protestierten halb nackt und mit Gasmasken vor dem Gesicht beim Gelände des stillgelegten Kernkraftwerks Chernobyl; sie demonstrieren in verschiedenen ukrainischen Städten gegen Sextourismus und skandieren Sätze wie beispielsweise „Odessa ist kein Bordell“.
Sehr verwirrend ist dabei, dass die Aktivistinnen von „Femen“ gegen Frauenhandel und Prostitution kämpfen, sich aber dabei selbst wie Prostituierte aufputzen. Nur so könnten sie sich Gehör verschaffen, erklären die Frauen. Sie verstehen ihre nackten Brüste als Waffen, und sie wollen die Sexindustrie mit ihren eigenen Mitteln schlagen. Kann das gelingen? Tatsächlich entstehen beeindruckende Medienbilder, vor allem, wenn die halb nackten, schreienden Frauen von Polizisten abgeführt werden. „Femen“-Gegner behaupten, die Gruppe werde heimlich von einem Sponsor dafür bezahlt, erst recht Sextouristen in die Ukraine zu locken. Die Frauen von „Femen“ sehen das natürlich anders: „Wir hoffen, dass in 20 Jahren die Menschen über Feministinnen als schöne, nackte Frauen sprechen.“

Pussy Riot: Aufsässige Damen

Die aufsehenerregendsten feministischen Aktionen finden derzeit in Osteuropa statt. Das ist kein Wunder, denn hier verbindet sich der Protest der Frauen auch mit politischen Forderungen nach mehr Demokratie. Die russische Punkrockband „Pussy Riot“ (dt. etwa: „Vagina-Aufstand“) überfällt mit nicht gerade zart klingenden E-Gitarren gerne Kaufhäuser, Einkaufszonen, große Plätze und protestiert öffentlich gegen das autoritäre politische System in Russland. Das Markenzeichen der „Pussy Riots“, die sich 2011 gegründet haben, sind bunte Strickmasken, die ihre Gesichter verhüllen. Internationale Aufmerksamkeit erregte im August ein Gerichtsprozess gegen drei Frauen der Band. Sie wurden zu zwei Jahren Straflager verurteilt, weil sie in der russisch-orthodoxen Erlöserkathedrale in Moskau ein „Punkgebet“ gesungen hatten, in dem es hieß: „Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin, vertreibe Putin.“ Das vom Gericht verordnete Strafmaß für „Rowdytum“ ist unverhältnismäßig hart und wird international scharf kritisiert. Amnesty Inernational bezeichnete die Inhaftierten als politische Gefangene. Derzeit entstehen viele Unterstützungsinitiativen für die Frauen von „Pussy Riot“, die in ihrem Punkgebet auch gesungen hatten: „Mutter Gottes, du Jungfrau, werde Feministin, werde Feministin.“

Slutwalks: Provokante Schlampen

Die Protestform der nackten Brüste war auch schon von den Fiministinnen der 1970er-Jahre gerne eingesetzt worden, schien mittlerweile aber etwas aus der Mode gekommen. Doch jede Mode kommt auch wieder. Im Jahr 2011 hatte ein Polizeibeamter in Toronto bei deiner öffentlichen Veranstaltung gesagt, Frauen sollten sich eben nicht wie „Schlampen“ aniehen, wenn sie sexuelle Übergriffe vermeiden wollen. Die Empörung der anwesenden Frauen über diesen altmodischen, chauvinistischen Ausspruch war groß und führte schließlich zu einem weltweiten Protest. Als Reaktion formierten sich im Sommer 2011 in mehr als 75 Städten sogenannte „Slutwalks“ („Schlampen-Märsche“). In Vancouver, Miami, Melbourne, Sao Paulo, Amsterdam, London, Paris, Glasgow, Berlin und auch in Wien demonstrierten Hunderte bis Tausende Frauen für ihr Recht auf Selbstbestimmung und ihr Recht, sich so zu kleiden, wie sie wollen. „This is no permission“ („Das ist keine Erlaubnis“) stand oft auf den mehr oder weniger offenen Dekolletes. Die „Slutwalks“ wurden in einigen Städten auch 2012 fortgesetzt.

 

Geschlechtervielfalt ist Frauenförderung

Wie unterstützt man Frauen in Unternehmen am besten? Eine Streitfrage, die mit der Forderung nach Quoten oder dem Appell an Vielfalt beantwortet wird. Was nützt?

Claudia, Neusüß, Mitbegründerin der „Weiberwirtschaft“

„Diversity“ – „Vielfalt“ – ist eines der Zauberworte des neuen Feminismus, der in Organisationen und Unternehmen heute oftmals als „Gender Diversity“ daherkommt, also als „Geschlechtervielfalt“. Immer schon war es ja ein Streitpunkt, ob nicht unter den Begriffen „Frauen“ und „Feminismus“ zu viele verschiedene Positionen und Identitäten unter einen Hut gezwängt werden mussten. Das „Diversity“-Konzept, das sich aus der Bürgerrechtsbewegung der USA herleitet, trägt dem Rechnung und betont den Respekt vor der Verschiedenheit der Einzelnen. Es enthält einerseits den Gedanken, dass „Geschlecht“ gar nicht einheitlich zu fassen ist und dass auch die Unterteilung nur in Mann und Frau eine zu grobe Einteilung wäre.
Das Diversity-Konzept betont aber auch, dass Geschlecht nur eine Kategorie unter anderen ist. Auch das Alter, die ethnische und soziale Herkunft, die sexuelle Orientierung und die Religion sind ja Merkmale, die einen Menschen ausmachen und manchmal auch schwerer wiegen als das Geschlecht.
Hat aber „Diversity“ überhaupt noch viel mit dem alten Begriff des Feminismus zu tun? Das kommt ganz darauf an, wie man das Konzept verwendet. Es ist jedenfalls ein gutes Mittel, Frauenbelange in die Wirtschaft zu bringen, meint die Unternehmerin und Wissenschafterin Claudia Neusüß. „Ob man das Ziel nun ‚Feminismus‘ nennt oder ,Gender Diversity‘, das hängt auch vom Umfeld ab, in dem man sich bewegt“, sagt sie. Wirtschaftliche Unternehmen hören nämlich bei „Diversity“ eher hin als beim Wort „Frauenförderung“ – und das müsse man nutzen.
Claudia Neusüß gehört zu den Mitbegründerinnen der „WeiberWirtschaft“, einer seit 1987 bestehenden Frauengenossenschaft, die in Berlin-Mitte ein großes Fabrikgebäude aufgekauft hat und hier Unternehmensgründerinnen versammelt und unterstützt. Auf sehr vitale Art verbindet Claudia Neusüß ihr feministisches Engagement mit Wirtschaftsnähe. Die promovierte Politologin war Vorstandsmitglied der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, lehrte als Gastprofessorin für „Gender Diversity in Wirtschaft und Management“ und unterrichtet im Master-Lehrgang „Women’s Studies & Feminist Research“ am Rosa-Mayreder-College in Wien. Derzeit baut sie eine Agentur für Personal- und Organisationsentwicklung auf, die sich vor allem auf wertorientiertes Management konzentriert und auch „Gender-Diversity-Trainings“ im Angebot hat.

„Die Wirtschaft profitiert vom Feminismus“, meint Claudia Neusüß, denn eigentlich könne man es sich nicht leisten, auf die Potenziale von Frauen zu verzichten und auf die Chance, die in einer gut gemischten Belegschaft steckt. Nur das Zusammenspiel verschiedener Erfahrungen garantiere, dass Unternehmen sich erneuern können, sie brauchen Wandel durch Vielfalt. Wenn Neusüß das wortgewaltig erklärt, glaubt man ihr sofort und möchte am liebsten gleich mit dem Umbau beginnen. „Wir können wirklich überall sein“, sagt sie, „grundsätzlich gehören Feministinnen in die Wirtschaft.“ Für viele ist das Diversity-Konzept ein Mittel, dieses Ziel zu erreichen.