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Migräne lindern durch Biofeedback – wem hilft die Therapie?

Migräne lindern durch Biofeedback – wem hilft die Therapie?
Foto: shutterstock
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  • Veröffentlicht: 07.02.2026
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An der Universitätsklinik Innsbruck lernen Migränepatient:innen mittels Biofeedback Stress und muskuläre Verspannungen gezielt zu regulieren. Ein Interview über Trigger, Therapie und nachweisliche Erfolge.

Migräne und Kopfschmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität vieler Menschen – allein in Österreich sind rund eine Million betroffen. Ein passendes Therapiekonzept zu finden stellt Patient:innen vor eine große Herausforderung, denn Migräne ist eine komplexe und gleichzeitig individuelle Erkrankung. In Tirol arbeiten Mediziner:innen derzeit mit Biofeedback und erzielen damit erstaunliche Erfolge. Wir haben die Physiotherapeutin Patricia Meier von der Universitätsklinik Innsbruck zu dieser erfolgsversprechenden Methode befragt.

An der Universitätsklinik Innsbruck wird für Migränepatient:innen die Biofeedback-Therapie angeboten. Welches Ziel wird damit verfolgt und für wen kommt sie infrage?
Patricia Meier: Das Ziel der Biofeedback-Therapie ist es, Migräne- und Spannungskopfschmerzattacken zu reduzieren. Die BFB-Therapie wird in einer unserer Spezialambulanzen angeboten, in der wir uns ganz der Rückmeldung über verschiedenste Körperfunktionen widmen. Am häufigsten verwenden wir ein Muskel-Feedback bei unseren Migränepatient:innen, da muskuläre Verspannungen und Stress ein sehr häufiger Auslöser (Trigger) sind. Zu unseren Aufgaben gehört auch die Aufklärung über mögliche weitere Triggerfaktoren und darüber, wie man diese positiv beeinflussen kann. 

Was sollte konkret beachtet werden? 
Abseits von muskulären Verspannungen und Stress kann alles Unregelmäßige ein Auslöser sein. Deshalb ist es zum Beispiel wichtig, über den Tag verteilt ausreichend zu trinken. Als Faustformel gelten 30 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht – wenn man sich sportlich betätigt und schwitzt, natürlich mehr. Dazu kommt regelmäßiges Essen, wobei es bei Migräne weniger darauf ankommt, was, sondern dass wir überhaupt etwas zu uns nehmen. Es geht um den Rhythmus, so wie auch beim Schlaf. Nicht umsonst betreuen wir viele Schichtarbeiter:innen. Für Migränepatient:innen wäre es gut, mindestens zwei Wochen lang in derselben Schicht zu arbeiten, bevor gewechselt wird. Ein weiterer, wetterbedingter Auslöser, der zum Beispiel in Tirol sehr stark vertreten ist, ist der Föhn, bei dem es zu Hoch-Tiefdruck-Verschiebungen kommt. Für Frauen spielt zudem der Zyklus eine große Rolle. Übrigens müssen meist zwei bis drei Triggerfaktoren zusammenkommen, damit Migräne entsteht. 

Sie haben vorhin Verspannungen hervorgehoben. Welche Körperregionen sind besonders betroffen? 
Die Muskulatur im Bereich der Stirn, des Kiefers und des Nackens. Auffällig ist, dass Verspannungen in diesen Regionen häufig mit Stress zusammenhängen, da wir uns dort unbewusst verkrampfen. Dies sind auch die Regionen, die sich beim Biofeedback-Training als besonders auffällig darstellen. Oft zeigt sich dort eine erhöhte Ruhespannung, die mit verminderter Maximalkraft und Entspannungsfähigkeit einhergeht. All das können wir am Bildschirm sehr gut erkennen – und beeinflussen. 

Wie funktioniert die Therapie? 
Bei den Patient:innen werden kleine Elektroden an den betreffenden Muskelgruppen angeklebt. Dabei fließt kein Strom, sondern die Muskelspannung wird abgeleitet. Das ist die Bedeutung des Begriffs „Biofeedback“: eine Rückmeldung über biologische Funktionen. In diesem Fall handelt es sich um eine „EMG“, also eine Elektromyografie, bei der man vereinfacht eine Information über die Muskelspannung erhält. Dabei sehen wir oft schon im Ruhezustand einen erhöhten Normwert und bei Anspannung – zum Beispiel, wenn man die Augenbrauen bewusst nach oben zieht und wieder locker lässt –, dass die Muskeln nicht mehr die volle Kraft generieren können. Oft merken wir erst durch das Anspannen, dass wir verspannt sind. Das Gute ist, dass Entspannung geübt werden kann. Wenn Verspannungen allerdings schon länger bestehen, entstehen bindegewebige Verklebungen, die erst wieder gelöst werden müssen, damit sich der Muskel wieder vollständig entspannen kann.

„Gerade bei Migränepatient:innen ist es sehr wichtig, sich bewusst Zeit für sich zu nehmen.“
Patricia Meier

Wie lassen sich Letztere erkennen? 
Dafür gibt es eine einfache Übung: Versuchen Sie, Ihre Stirnhaut zu einer Falte abzuheben. Dasselbe können Sie auch im Nacken ausprobieren. Im Vergleich dazu können Sie das auch am Arm machen, wo es am leichtesten geht. Dabei gilt: So gut, wie es am Arm funktioniert, sollte es auch an der Stirn und im Nacken möglich sein. Wenn das nicht der Fall ist, weiß man, dass bereits eine permanente Verspannung vorliegt, die Verklebungen verursacht hat. Der Muskel kann dann gar nicht mehr normal funktionieren, was bedeutet, dass auch die Entspannungsfähigkeit schlechter ist. Man muss sich Folgendes vorstellen: Über dem Muskel liegen Hüllen. Wenn diese zusammengeklebt sind, kann der Muskel sich nicht mehr vollständig entspannen, weil er von außen festgehalten wird. Daran kann man aber gut arbeiten. 

Welche Ergebnisse gibt es zur Wirksamkeit eines konsequenten Biofeedback-Trainings? 
Es gibt zahlreiche Studien zur Wirksamkeit von Biofeedback bei Migräne. Die Leitlinien besagen eine 35- bis 45-prozentige Reduktion der Attacken. Aus unserer Praxis wissen wir jedoch, dass wir eine Reduktion von bis zu 50 Prozent erreichen können, nachdem Patient:innen etwa acht- bis zwölfmal – einmal pro Woche für zwei bis drei Monate – bei uns waren. 

Gibt es einen Faktor, von dem Sie sich wünschen würden, dass Patient:innen ihn konsequent aus ihrem Leben entfernen?
Das ist schwierig, aber am Ende ist es – und das gilt wohl für alle, nicht nur für Migränepatient:innen – der Stress. Was wir am liebsten vermitteln möchten, ist ein Bewusstsein für die Situation und den eigenen Körper. Gerade bei Migränepatient:innen ist es sehr wichtig, sich bewusst Zeit für sich zu nehmen – für Essen, Trinken und Entspannung. Denn Migräne ist wie eine Bremse, die einem deutlich signalisiert, dass eine Pause benötigt wird. 

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Foto: LKH-Universitätsklinik Innsbruck

Patricia Meier arbeitet als Physiotherapeutin in der Neurorehabilitation an der Universitätsklinik Innsbruck.

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