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#MeToo und die Folgen

Revolution heißt wörtlich „Um­wälzung“. Plötzlich ist die Welt wie neu. War die #MeToo-Bewegung ein solcher Umsturz? Und wenn ja: Was hat er gebracht?

In Zeiten von #MeToo“ – diesen Satz hört man jetzt öfter, als ob es eine Epoche vor #MeToo gegeben hätte und wir uns jetzt in der Epoche danach befinden würden. Und tatsächlich scheint es aus heutiger Sicht, als habe die #MeToo-Bewegung eine Art Revolution in Gang gesetzt, zumindest war sie ein deutlicher Wendepunkt, hinter den es kein Zurück mehr gibt.

Ausgelöst hatte diese Wende die Schauspielerin Alyssa Milano. Anfang Oktober 2017 war in den USA der Skandal um den mächtigen Filmproduzenten Harvey Weinstein gerade angelaufen, als am 15. Oktober Milano via Twitter dazu aufrief: „Antwortet mit ,Me too‘ („Ich auch“) auf diesen Tweet, wenn ihr sexuelle Übergriffe erlebt habt.“ Der Zulauf war überwältigend. Am Abend hatte sie bereits 200.000 Antworten; auf Facebook reagierten binnen 24 Stunden knapp fünf Millionen Menschen mit zwölf Millionen Postings. Offensichtlich hatte Alyssa Milano eine Lawine losgetreten.

„ME TOO“ 2006
Damit Wendepunkte eintreten, muss ein richtiger Zeitpunkt erreicht sein, und es müssen die richtigen Komponenten zusammenwirken. Harvey Weinsteins Übergriffe und Gerüchte darüber, dass er für Rollenbesetzungen sexuelle Dienste verlangte, waren auch vor dem Oktober 2017 bekannt gewesen, es gab sogar schon den Hashtag „MyHarveyWeinstein“. Auch der Slogan „Me Too“ ist viel älter als 2017. Er wurde bereits 2006 von der schwarzen Bürgerrechtlerin Tarana Burke eingesetzt, um über sexuellen Missbrauch an schwarzen Frauen zu berichten. „Me Too“ – das sollte gegen Verdrängen, Verleugnen und Abwehr stehen und für eine empathische Haltung: „Mir ist es auch passiert“. 2006 hatte „Me Too“ eine begrenzte Reichweite und Wirkung. Erst 2017 wurde der Hashtag, wie man so schön sagt, „viral“, vermehrte sich also mit rasender Geschwindigkeit.

DAS MASS IST VOLL
Zwar bringt der berühmte eine Tropfen das Fass zum Überlaufen, aber es bedarf eben auch der vielen Tropfen zuvor, die das Fass füllen. Die #MeToo-Bewegung ist nicht zu verstehen ohne die gesellschaftlichen Veränderungen, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden haben. In erster Linie gehört dazu die Aufdeckung von sexuellem Missbrauch in der Kirche und in Erziehungsinstitutionen. Auch hier hat man schon lange davon gewusst – in Österreich etwa durch den Fall Kardinal Groers 1995 –, aber der wirkliche Durchbruch im deutschsprachigen Raum ereignete sich erst 2010, als der Direktor des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, sexuellen Missbrauch an seiner Schule öffentlich machte. Jetzt setzte eine breite Welle der Empörung über „Missbrauchsskandale in der Kirche“ ein, die in manchem der #MeToo-Debatte von heute ähnelt. Seither ist Missbrauch in der Kirche ein Thema, das nicht mehr totgeschwiegen werden kann. Klar ist für die breite Öffentlichkeit seither auch, dass es sich bei sexuellen Übergriffen nicht um Einzelfälle handelt. Missbrauch – egal ob es sich um physische, psychische oder sexuelle Gewalt handelt – beruht auf Macht und Hierarchie; er ist eine Gewaltstruktur, die potenziell alle nach außen abgeschotteten Institutionen durchzieht, Familien, Kirchen und Schulen, Unternehmen, Sportvereine, politische Parteien, Universitäten, den Kunst- und Kulturbetrieb.

DIE STARKE STIMME DER SCHWACHEN
Mit #MeToo sei ein „Echoraum“ entstanden, so beschreibt es die Publizistin Isolde Charim. Was sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat, könnte man optimistisch auch als „Demokratisierung der Kultur“ bezeichnen; die alten, patriarchalen Strukturen, die Männern oder Autoritäten „natürliche“ Vorrechte einräumen, lassen sich nicht mehr legitimieren. Verändert hat sich die Einstellung zu Frauen, Kindern und generell den sogenannten „Schwächeren“ in der Gesellschaft.

Natürlich geht bei Revolutionen auch einiges schief. Dass durch #­MeToo eine „Kultur des Verdachts“ entstehe, beklagen die KritikerInnen, man könne jetzt nicht einmal mehr Flirten (siehe Kasten unten). Stimmt das? Sicher schießt #MeToo in manchem über das Ziel hinaus, aber gemessen an dem, was vorher im Argen lag, ist das wohl das geringere Übel. „Es war normal“, sagt Nicola Werdenigg über die sexuelle Gewalt im Österreichischen Skiverband.

Man hat die unhaltbaren Zustände hingenommen und aus Scham geschwiegen. Diese Zeiten sind hoffentlich vorbei.

Der Begriff „Me Too“ wurde schon 2006 von der Bürgerrechtlerin Tarana Burke eingesetzt, um über sexuellen Missbrauch an schwarzen Frauen zu berichten, und stand auch damals für eine empathische Haltung.

Schauspielerin Alyssa Milano, manchen noch aus der Serie „Charmed – Zauberhafte Hexen“ bekannt, rief im Oktober 2017 nach Aufkommen des Skandals um Harvey Weinstein den Hashtag „Me Too“ ins Leben.

Ein Einwand gegen #MeToo ist, dass Frauen zu Opfern degradiert werden. Die deutsche Autorin Svenja Flaßpöhler kritisiert das und hält es für sinnvoller, stattdessen das Bild einer „potenten Frau“ zu entwerfen.

Über das Ziel hinaus? Einwände gegen #MeToo.

Es sind vor allem drei Einwände, die gegen #MeToo erhoben werden: Der erste lautet, dass das generelle Etikett „#MeToo“ alles miteinander vermischt. Hier werde ohne Unterschied angeklagt, egal ob es um Vergewaltigung gehe, um bloßes Begrapschen oder „nur“ um verbale, ungehörige Übergriffigkeiten. Richtig an dem Einwand ist, dass man zwischen den einzelnen Fällen unterscheiden muss, und das wird auch keine der #MeToo-Aktivistinnen bestreiten. Dennoch ist der große Topf, in den da offenbar alles geschmissen wird, wichtig: Denn es geht bei #­MeToo nicht nur um harte Fälle sexueller Gewalt wie etwa bei Harvey Weinstein, sondern ums Prinzip. Angeklagt wird ein Machtverhältnis, in dem eine Person eine andere zum sexuellen Objekt degradieren kann, sich „selbstverständlich“ bedient, ohne Einwilligung und ohne dafür Rechenschaft ablegen zu müssen. Diese „patriarchale“ Grundhaltung bestimmt den bloß verbalen Übergriff genauso wie die Vergewaltigung.

Mit #MeToo entstehe eine Kultur des Verdachts, der falschen Anschuldigungen, ja der „Hexenjagd“, wurde oft moniert. Auch hieran ist etwas richtig: Die Empörung schaukelt sich auf und führt in Einzelfällen zu harten, mitunter auch ungerechten Konsequenzen. Aber selbst wenn Fälle falscher Anschuldigungen darunter sind, bleibt der Schaden gering, gemessen an dem Unglück und dem Leiden der von Missbrauch Betroffenen, das so lange keine Beachtung fand. Der Begriff „Hexenjagd“ wird gerne von jenen ins Spiel gebracht, die lieber alles beim Alten lassen würden. In heißen gesellschaftlichen Debatten schlägt das Pendel zu Beginn oft in die eine oder andere Richtung zu hart aus, bevor es eine gute Mitte findet. Nach einiger Zeit wird es hoffentlich gelingen, Vorwürfe des Missbrauchs auf besonnene Weise abzuwägen.

#MeToo lege Frauen auf eine Opferposition fest, heißt ein weiterer Einwand. Frauen erschienen hier immer nur als diejenigen, die passiv seien und „Nein“ sagten. Die deutsche Autorin und #MeToo-Kritikerin Svenja Flaßpöhler hält es für sinnvoller, stattdessen das Bild einer „potenten Frau“ zu entwerfen. Fraglich ist allerdings, ob der Einwand trifft. Dass Frauen sich zusammentun, das Wort ergreifen, ihre Erfahrungen öffentlich machen, ist genau genommen das Gegenteil von Opferstatus, es ist eine Ermächtigung. Nur das öffentliche Sprechen über Unrecht befreit aus der wehrlosen Position; das gilt nicht nur für Frauen, sondern für jede Form von Emanzipationsbewegungen. Und kann man jetzt nicht mehr flirten, wie manche fürchten? Nein, es geht wohl eher darum, anders zu flirten. Die generelle Regel heißt: Respekt. #MeToo ist eine große Chance, dass Menschen aller Art und Begehrenslagen die Spielregeln von Erotik und Sexualität neu verhandeln.

„Jetzt muss man etwas tun“

Nicola Werdenigg, ehemalige österreichische Meisterin im Skiabfahrtslauf, berichtete 2017 erstmals öffentlich über sexuelle Gewalt, die sie während ihrer Sportkarriere erfahren hatte.

Im Oktober 2017 startete die #MeToo-Bewegung, im November 2017 haben Sie dem „Standard“ Ihre Geschichte erzählt – was bedeutete und was bedeutet #MeToo für Sie?
Nicola Werdenigg: Der Entschluss, mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, kam vorher. Im Mai 2017 las ich von der Anklage gegen einen 61-jährigen Volleyballtrainer, der über 16 Jahre lang minderjährige Mädchen sexuell missbraucht und dabei zum Teil auch noch pornografisches Material erstellt hatte. In den Zeitungen standen darüber gerade einmal briefmarkengroße Meldungen. Da habe ich mir gedacht: „Jetzt muss man was tun.“ Mein Fall kommt aus dem Skisport, und der ist in Österreich eine so heilige Kuh, dass niemand mehr wegschauen kann. Dass sich das mit #MeToo traf, war ein glücklicher Zufall. Für mich ist ­#MeToo weit mehr als ein Hashtag. Es ist die Möglichkeit für Betroffene, von sexueller Gewalt und Machtmissbrauch zu erzählen und Verständnis bei Menschen zu finden, denen selbst Ähnliches widerfahren ist.

Warum ist das Öffentlichmachen dabei so wichtig? Könnte man nicht auch sagen: „Wir treffen uns in Betroffenengruppen, aber wir machen das Geschehene nicht publik?“ Ein Vorwurf gegenüber #MeToo ist ja, dass da auch falsche Anschuldigungen kursieren und Karrieren zerstört werden.
Ich glaube, dass nur ein Bruchteil dessen öffentlich gemacht wird, was wirklich geschieht. Es geht beim Veröffentlichen auch weniger darum, Täter an den Pranger stellen oder einzelne Taten herauszustreichen. Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es auch in honorablen Umfeldern gang und gäbe ist, Macht zu missbrauchen – bis hin zu schweren sexuellen Übergriffen. Gerade ist mit dem Staatsopernballett und seinen brutalen Trainingsmethoden wieder eine Eliteinstitution in den Fokus geraten. Wir sind in Europa, in Österreich, gerade erst dabei, die Spitze eines Eisbergs freizulegen.

Glauben Sie, dass Bewegungen wie #MeToo oder #WeTogether wirklich ­etwas verändern, also auch vorbeugend gegen sexuelle Gewalt wirken?
Man weiß aus wissenschaftlichen Studien, dass allein durch das Sprechen darüber und das Enttabuisieren 50 Prozent der Fälle von sexuellen Übergriffen vermieden werden könnten. Wirklich pädophile Täter werden sich nicht von #MeToo abschrecken lassen, aber für Menschen mit der Haltung „Das kann ich mir herausnehmen, es wird eh nicht darüber geredet“ hat sich schon einiges verändert. Täglich kommen neue Fälle ans Licht, ein Dominoeffekt tritt ein, es ist tatsächlich eine Lawine losgetreten worden. Sorgen mache ich mir eher um die Randbereiche der Gesellschaft, in denen Menschen nicht in der Lage sind, das Unrecht, das ihnen geschieht, zu artikulieren. Ich denke an Pflegeheime oder Behinderteneinrichtungen. Wir sind alle gefordert, nicht nur auf die Eliten zu schauen, auf die Sport- und Kunstikonen, die Aushängeschilder. Es wäre mein großer Wunsch, dass wir durch öffentliches Auftreten eine Sensibilität dafür schaffen: Wer ist am ärgsten betroffen, wo passiert wirklich Schlimmes?

Nicola Werdenigg, geboren 1958 und dreifache Mutter, arbeitet seit ihrer aktiven Laufbahn als Abfahrtsläuferin als Skilehrerin und Kommunikationsexpertin. Im November 2017 sprach sie öffentlich über sexuelle Gewalt im österreichischen Skisport und berichtete über ihre Vergewaltigung durch einen Mannschaftskollegen. Ihre Äußerungen waren ein Skandal für den Österreichischen Skiverband und lösten weitere Enthüllungen aus. Werdenigg gründete den Verein „#WeTogehter“ als Ansprechpartner für Machtmissbrauch im Sport.

www.wetogether.eu

Fotos: Valerie Macon/AFP/picturedesk.com, enewsimage/Action Press/picturedesk.com, Johanna Rübel, Georg Hochmuth/APA/picturedesk.com

Erschienen in „Welt der Frauen“ 06/2019

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