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Mental Load in Wr. Neustadt: Inspiration für ein faires Miteinander

Mental Load in Wr. Neustadt: Inspiration für ein faires Miteinander
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  • Veröffentlicht: 14.11.2025
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„Muss ich immer an alles denken?“ Um diese Frage drehte sich die letzte Runde unserer Veranstaltungsreihe zum Thema Mental Load am 13. November in Wiener Neustadt.

Kennen Sie das Gefühl, immer an alles denken zu müssen? Wir schon – deshalb haben wir vor zwei Jahren gemeinsam mit dem Land Niederösterreich und der Katholischen Frauenbewegung die Veranstaltungsreihe „Mental Load“ ins Leben gerufen. Am 13. November ging sie in Wiener Neustadt in die letzte Runde. Und es war ein Abend voller Inspirationen, Emotionen und Informationen.

Gestartet hat er mit einer kleinen Überraschung: Gastgeberin Christiane Teschl-Hofmeister konnte diesmal persönlich nicht dabei sein, begrüßte die Gäst:innen aber mit einer Videobotschaft aus ihrem Büro. Ihr Rat an das Publikum: Gut aufpassen und aufsaugen, was der Abend zu bieten hat. Und das war schließlich eine Menge. Moderatorin Birgit Brunsteiner eröffnete den Abend gemeinsam mit Sabine Hilbert.

Die stellvertretende Leiterin der Abteilung Familien und Generationen im Land Niederösterreich machte mit einer persönlichen Geschichte direkt Lust darauf, sich den Mental Load einmal genauer anzusehen: „Mein Mann war damals ein halbes Jahr in Karenz – und ich profitiere bis heute davon.“

Warum? Durch gemeinsame Zeit mit dem Säugling können auch Männer eine viel intensivere Bindung zu dem Kind herstellen, die ein Leben lang besteht. Für sie stehe fest: Sie würde es immer wieder so machen. Und doch stellt sie eine der wichtigsten Fragen an diesem Tag: „Wollen wir manchmal vielleicht unsere Verantwortung gar nicht abgeben?“

Sängerin und Schauspielerin Katharina Straßer jedenfalls könnte etwas von ihrem Mental Load abgeben – sie hat jedenfalls als Mutter und Unternehmerin genug davon. Davon spürt man allerdings bei ihrer ganz eigenen Version der österreichischen Romanze, auf den ein intimer Einblick in ihr Leben als zweifache alleinerziehende Mutter und Bühnenkünstlerin folgt, in dem es nicht nur um Würmer, Speiben und andere kleine Krisen des Alltags geht, nicht viel. Ihr Rat, wenn es um Mental Load geht: Seine eigenen Grenzen kennen – und akzeptieren, dass man auch mal nicht performen kann.

Performen, das tun an diesem Abend auch die Männer. Denn die sind, anders als bei anderen Veranstaltungen der Reihe, diesmal sogar gekommen. Immerhin eine Handvoll gesellt sich zu den rund 200 Frauen im Veranstaltungssaal, um etwas über die mentale Last von Frauen zu lernen. Vorbildlich, findet auch Psychotherapeut und Männerforscher Erich Lehner.

Er wendet sich direkt an sie mit einem Versprechen: „Eine gleichberechtigte Aufteilung des Mental Load ist vor allem für Männer gut.“ Mag erstmal überraschend klingen, aber ist wissenschaftlich getragen. So sollen Männer in gleichberechtigten Partnerschaften gesünder und glücklicher sein und ihre Kinder ebenfalls zufriedener aufwachsen. „Mental Load kann man nicht vermeiden“, sagte er, „aber man kann ihn aufteilen: Wenn zwei etwas tragen, ist es leichter.“ Frauen sollten dafür nicht alles delegieren, sondern den Mann auch mal machen lassen – und Männer öfter mitdenken.

Eigentlich ein Gewinn für alle. Und trotzdem sind wir als Gesellschaft noch weit von Gleichberechtigung entfernt. Das sieht auch Soziologin Eva-Maria Schmid in ihrer Forschung immer wieder: „Es müssen viele Zahnrädchen gedreht werden, bis wir wirklich gleichberechtigt leben.“ Wir hätten die Einstellung zur Care-Arbeit und die klassische Rollenverteilung noch sehr verinnerlicht. Ein fruchtbarer Nährboden für Mental Load.

Die Kunst, sich selbst nicht zu verlieren

Aber was, wenn mir der Mental Load über den Kopf wächst und ich aus dem Strudel nicht mehr herauskomme? Dann können Frauenberatungsstellen wie Wendepunkt helfen. Psychologin Elisabeth Cinatl ist Leiterin einer solchen Hilfsstelle und hat oft Frauen vor sich sitzen, die zu lange die Mental-Load-Mühle betätigt haben. Bis sie sie aus der Bahn geworfen hat. „Die Warnsignale wie Müdigkeit, Erschöpfung und Interessenverlust werden leider oft hingenommen, bis gar nichts mehr geht“, sagt sie im Gespräch mit Moderatorin Birgit Brunsteiner. Was dann hilft? „Kleine Schritte. Einfach mal versuchen, nicht alles direkt zu regeln – und schauen, was passiert“, rät die Expertin.

„Wenn man delegiert, dann sollte man akzeptieren, was dabei herauskommt und nicht erwarten, dass das Ergebnis genauso ist, wie man es sich vorgestellt hat“, ergänzt Christiane Feigl, Gesamtverantwortliche von „Welt der Frauen“ in der Abschlussrunde.

Mental Load gehört für uns alle zum Leben dazu, es sei keine Krankheit – sondern etwas, mit dem wir einen guten Umgang finden sollten. „Ich habe gelernt, mir selbst einzugestehen, wenn meine Energie sinkt und ich eine Pause brauche. Und mein familiäres Umfeld für die partnerschaftliche Zusammenarbeit zu loben.“

Auch die Botschafterin der Katholischen Frauenbewegung St. Pölten, Anna Rosenberger, kennt Mental Load sehr gut. Sie gilt als Anlaufstelle in ihrer Gemeinde für Ängste und Sorgen der Menschen – und bekommt daher vieles mit. Sie ergänzt ihre Vorrednerin um einen weiteren wertvollen Tipp: „Wir dürfen nicht aufhören, uns selbst wahrzunehmen – mit all unseren Bedürfnissen und Werten. Das ist die Grundlage dafür, dass wir anderen helfen können.“

Bei sich selbst bleiben und gleichzeitig schauen, dass es anderen auch gut geht – das ist wohl etwas, das vor allem wir Frauen verinnerlicht haben. Umso wichtiger, dass wir uns das Thema Mental Load genau anschauen und herausfinden, in welchen Lebensbereichen wir überlastet sind – und uns einmal wirklich die Frage zu stellen: Muss ich wirklich immer an alles denken?

Leonie Zimmermann

Chefredakteurin Digital

In Deutschland 1993 geboren und aufgewachsen, nach dem Journalistik-Studium, einer Selbstständigkeit und mehreren Stationen in deutschen Medienhäusern, darunter das RedaktionsNetzwerk Deutschland und das Wochenmagazin stern, seit März als Chefredakteurin digital für Welt der Frauen tätig. Faible für Psychologie, Reisen, Feminismus – und die digitale Welt.

[email protected]

Foto: Barbara Aichinger


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