Unsere Meere sind nicht nur Balsam für Seele und Körper, sondern auch ökologische Giganten, deren Geheimnisse wir gerade erst zu entschlüsseln beginnen.
Immer, wenn ich auf das Meer blicke, spüre ich, dass alles gut wird. Ich beobachte das Glitzern auf der Wasseroberfläche, lausche dem Rauschen der Wellen, blicke in die Weite Richtung Horizont, und das Chaos in mir weicht Zuversicht. „Blue Mind“-Effekt nannte der renommierte US-amerikanische Meeresbiologe, Naturschützer und Autor Wallace J. Nichols diesen leicht meditativen Zustand, den unser Gehirn einnimmt, wenn wir uns am Wasser befinden. Die positive Wirkung des Meeres auf unsere Psyche und unseren Körper ist bereits lange bekannt. Gleichzeitig wissen wir aber, dass der Ozean nicht bloß ein kitschiges Postkartenmotiv ist, sondern auch eine ungezähmte Naturgewalt, die uns bei übler Laune ihre zerstörerische Kraft zeigt und uns vergegenwärtigt, wie klein und verletzlich wir Menschen gegenüber den Elementen sind. Wenn der Ozean tobt, verwandelt sich das sanfte Blau in peitschendes Grau. Sturmfluten erinnern uns daran, dass das Meer kein Spielplatz ist, sondern ein eigenständiges System, das seinen eigenen Regeln folgt.
Der Mensch hat sich die Weltmeere stets zunutze gemacht, sei es als Nahrungsquelle, Handelsweg oder Kriegsschauplatz. Unsere Ozeane machen etwa 71 Prozent unserer Erdoberfläche aus, rund 90 Prozent des gesamten Welthandels werden über den Seeweg abgewickelt und über 95 Prozent des weltweiten Internetverkehrs werden durch ein weltumspannendes Netz aus riesigen Tiefseekabeln ermöglicht. Doch obwohl sie so bedeutend sind, sind die Tiefen der Meere noch immer ein großes Geheimnis. Wir wissen mehr über den Mond und den Mars als über die Tiefsee. Deshalb frage ich mich jedes Mal, wenn ich aufs Meer blicke, was sich dort wohl noch befindet. Was verbirgt sich in den Unterwassergebirgsketten, die länger sind als die südamerikanischen Anden, und in den Schluchten, die teilweise tiefer sind als der Mount Everest hoch ist, wie der Marianengraben im westlichen Pazifik, der mit etwa 11.000 Metern die tiefste Stelle der Weltmeere ist? Liegen in der Dunkelheit Antworten, die für unser Leben an Land bedeutend sind?
Ohne Ozean kein Leben
Diese Fragen stellt sich auch Antje Boetius (59). Als Kind wollte sie Piratin werden, heute sticht sie tatsächlich in See – bloß friedlich im Namen der Wissenschaft und nicht auf einem Piratenschiff, sondern auf einem Forschungsschiff.
