Das Männlichkeitsbild verändert sich. Trotzdem sind patriarchale Strukturen tief in unserer Gesellschaft verankert. Mehr noch: Sie tragen zu Gewalttaten bei, weiß die Geschlechterforscherin Elli Scambor.
Gewalt gegen Frauen ist für Nicht-Betroffene ein Konstrukt, das vermeintlich fernab ihrer sozialen Lebensrealität stattfindet. Sie betrifft damit „die anderen“ und wird dadurch verharmlost. Dabei kann Gewalt gegen Frauen jede treffen. Oft beginnt sie subtil und wird als solche gar nicht erkannt. Die Täter finden sich in allen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen. Laut Statistik ist es sehr wahrscheinlich, dass auch Sie eine Frau kennen, die betroffen ist, denn jede dritte hat in Österreich schon einmal eine Form von Gewalt erlebt.
Unser gesellschaftliches Männlichkeitsbild spielt dabei eine zentrale Rolle: Patriarchale Strukturen seien noch immer tief verankert und fördern die Gewalt gegen Frauen – auch bei jungen Menschen, erklärt die Soziologin und Geschlechterforscherin Elli Scambor im Gespräch mit „Welt der Frauen“. Sie weiß aus Theorie und Praxis, was es auf gesellschaftlicher Ebene braucht, um Männlichkeitsbilder zu fördern, die von Fürsorge und Respekt für sich und andere geprägt sind. Warum wir noch nicht dort sind, wo wir als Gesellschaft hinmüssen und wie der digitale Raum Gewalt gegen Frauen verstärkt, erklärt die Wissenschaftlerin im Interview.
Gewalt gegen Frauen ist in Österreich ein anhaltendes Problem. Wie beurteilen Sie die Lage?
Elli Scambor: Jüngere Menschen geben laut einer aktuellen repräsentativen Studie** deutlich seltener als ältere Befragte an, in ihrer Kindheit körperliche Gewalt erfahren zu haben. Bei Menschen über 60 ist der Anteil jener mit körperlichen Gewalterfahrungen am höchsten. Bei psychischer oder sozialer Gewalt hat sich in den letzten Jahren in allen Altersgruppen wenig verändert. Menschen sind generell sehr zurückhaltend, Gewalt als solche zu benennen, wenngleich sie in wissenschaftlichen Befragungen eindeutig Gewaltsituationen schildern. Zum Beispiel, wenn das Handy kontrolliert oder von ‚Handgreiflichkeiten‘ gesprochen wird – dabei wird selten das Wort Gewalt benutzt. Sowohl psychische als auch körperliche Gewalt wird damit von allen Geschlechtern bagatellisiert und normalisiert.
** Gender und Equality, 2023-2025. https://www.vmg-steiermark.at/de/forschung/projekt/geq-gender-equality-and-quality-life
„Wir sehen häufiger fürsorgliche Männer, aber auch immer noch traditionelle Konzepte.“
Das Rollenbild von Männern ist im Wandel. Hinterfragen junge Männer tatsächlich zunehmend toxische Männlichkeitsmuster oder leben sie zum Großteil noch das traditionelle Rollenbild?
Das Bild von Männlichkeit hat sich in den letzten Dekaden ausdifferenziert. Wir sehen häufiger fürsorgliche Männer, aber auch immer noch traditionelle Konzepte. In einer groß angelegten Studie*, die sich mit der Frage beschäftige, was junge Männer unter Männlichkeit verstehen, zeigte sich ein eindeutiges Bild: Mehr als ein Drittel der 3.000 Befragten hatte traditionelle Anforderungen an die Männlichkeit verinnerlicht. Sie gaben zum Beispiel an, sich um ein Problem allein zu kümmern und sich keine Unterstützung zu holen, sie befürworteten das Bild der wehrhaften und schützenden Männlichkeit, würden Fürsorge-Arbeit ablehnen und in Beziehungen und in der Familie das letzte Wort haben. Die Hälfte der Befragten betonte, dass sie der Meinung sind, dass ein Mann stark sein muss, auch wenn er gerade Angst hat. Die Studie zeigte außerdem: Je stärker diese Verhaltensweisen verinnerlicht werden, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Männer Gewalt ausüben – gegen sich selbst und andere. Sie waren vermehrt in Mobbingprozesse involviert, hatten häufiger Suizidgedanken, zeigten riskantes Verhalten im Straßenverkehr und hatten zum Teil Anzeichen depressiver Symptome. Hinzu kommt es zu Rückschritten im digitalen Raum.
*Man Box Study, Probanden aus USA, UK, Mexiko, 2017, Männer 18-30 Jahren, https://www.equimundo.org/resources/man-box-study-young-man-us-uk-mexico/
Werden traditionelle Männlichkeitsbilder im Internet reproduziert?
Man spricht dabei von der sogenannten ‚Manosphere‘, einer Online-Welt, in der sich unterschiedliche Akteursgruppen tummeln, die ein traditionelles oder toxisches Männlichkeitsbild propagieren. Damit sind unter anderem männliche Content Creator gemeint, die frauenverachtend auftreten – wie etwa der Influencer Andrew Tate – oder Pick-up-Artists (Anmerkung: Männer, die mit manipulativen Techniken versuchen, Frauen für sexuelle Kontakte zu gewinnen), Incels (unfreiwillig sexuell enthaltsam lebende Männer), aber auch Dating-Coaches, die Misogynie verbreiten. Diese Szene wurde in den letzten Jahren immer größer und erreicht viele junge Männer. Jugendliche schlittern leider sehr schnell in dieses Umfeld, auch wenn sie nur nach Fitnessvideos oder Dating-Tipps im Internet Ausschau halten. Männer, die nach Orientierung suchen oder die psychisch belastet sind, verlieren sich rascher in diesen Inhalten. Was bei den Jugendlichen hängenbleibt, ist vor allem das frauenverachtende und antifeministische Narrativ, denn die Hauptaussage dieser Inhalte ist: ‚Schau, dass du in eine kontrollierende Position kommst und dort bleibst.‘
Warum betreffen diese Rückschritte eher junge Männer und Buben?
Weil junge Menschen vermehrt mit Einsamkeit zu kämpfen haben. Eine Studie aus dem letzten Jahr* hat 16- bis 30-jährige Personen untersucht und kam zu dem Schluss, dass mehr als die Hälfte moderat bis stark einsam ist. Bei den männlichen Teilnehmern zeigte sich eine ausgeprägte soziale Einsamkeit, während Frauen angaben, das Gefühl zu haben, dass ihnen niemand zuhört. Der Mangel an stabilen Freundschaftsgruppen ist der Coronapandemie geschuldet. Die Pick-up-Artists und Dating-Coaches haben also leichtes Spiel. Ihre Message: ‚Deine Einsamkeit ist nicht deine Schuld, sondern die Schuld der Frauen.‘ Oder: ‚Brich das Selbstbewusstsein von Frauen, dann wirst du erfolgreich Daten.‘ Diese toxischen Männlichkeitsbilder schaden auch den jungen Männern selbst, weil sie unter Druck stehen, diesem Bild gerecht zu werden.
*Studie: Bertelsmann, 2024: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/junge-menschen-und-gesellschaft/projektnachrichten/einsamkeit-junger-menschen-2024-im-europaeischen-vergleich
Wenn wir von Buben weggehen und uns ältere Männer in heterosexuellen Beziehungen anschauen: Warum sind Trennungen aus soziologischer Sicht ein Risikofaktor für Gewalt gegen Frauen?
Dieser Umstand hängt mit dem patriarchalen Besitzdenken zusammen im Sinne von „Die Frau gehört mir. Ich bestimme über sie“. Je älter die Personen, desto verbreiteter sind patriarchale Muster, die hinter diesem Verhalten stehen – Muster, die sie aus ihrer eigenen Kindheit kennen. Bestimmt dieses Muster die Partnerschaft, dann ist das Risiko höher, dass die Frau bestraft wird, wenn sie sich aus der Abhängigkeit lösen möchte.
Gewalt gegen Frauen findet nicht nur nach Trennungen, sondern häufig in bestehenden Beziehungen statt. Welche Faktoren in Partnerschaften erhöhen das Risiko für Gewalt?
Die Femizid-Studien vom Institut für Konfliktforschung* zeigen eindeutige Risikofaktoren: Psychische Belastung, Krisensituationen wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, aber auch patriarchales Besitzdenken von Männern gegenüber den Frauen und Eifersucht sind wesentliche Risikofaktoren für Femizide. Auch Drogen- und Alkoholkonsum spielt eine große Rolle. In unserer aktuellen Studie** sehen wir außerdem einen Zusammenhang zwischen Entscheidungsmacht und Gewalt: Wenn Frauen angeben, dass ihre Partner bei Entscheidungen das letzte Wort haben, steigt die Wahrscheinlichkeit von Partnerschaftsgewalt auf 46 Prozent. Es zeigte sich auch ein Zusammenhang zwischen der gerechten Aufteilung von Care-Arbeit oder finanziellen Mitteln und dem Gewaltverhalten. Traditionelle Geschlechterrollen deuten auch hier auf ein höheres Gewaltpotenzial bei Männern hin.
* https://ikf.ac.at/wp-content/uploads/2023/07/Untersuchung_Frauenmorde.pdf
** Gender und Equality, 2023-2025. https://www.vmg-steiermark.at/de/forschung/projekt/geq-gender-equality-and-quality-life
Inwiefern beeinflussen traditionelle Geschlechterrollen die Gewalt, die von Männern ausgeht?
Wer Männlichkeitsanforderungen verinnerlicht hat, die besagen, Probleme möglichst allein und ohne Hilfe zu lösen, weist ein höheres Gewaltpotenzial auf. Wenn man nicht gelernt hat, das persönliche Leid in Worte fassen, sieht man oft keinen anderen Ausweg als Gewalt.
„In der gewaltpräventiven Arbeit mit Burschen lernen diese, Gefühle zu erkennen und zu benennen.“
Laut Studien haben Frauen außerhalb der romantischen Paarbeziehung mehr soziale Kontakte als Männer. Folglich ist für Männer die Partnerin oft die einzige Person, der sie sich öffnen können. Spielt dieser Umstand bei häuslicher Gewalt eine Rolle?
Definitiv. Problematisch ist vor allem, dass die Überzeugung immer noch bei vielen jungen Burschen verbreitet ist, Männer dürften keine Gefühle zeigen. In der gewaltpräventiven Arbeit mit Burschen lernen diese, Gefühle zu erkennen und zu benennen. Denn oft ist der Zugang zu Gefühlen verdeckt, die traditionellen Männlichkeitsanforderungen nicht entsprechen – Scham, Trauer, Verletzung. In der geschlechtersensiblen Arbeit mit Buben geht es darum, die Tür zu diesen Gefühlen zu öffnen und darüber zu sprechen. Wir müssen also in der Gewaltprävention ansetzen – und zwar in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Gewalt gegen Frauen betrifft nicht nur Partnerschaften oder Familien, sondern findet auch am Arbeitsplatz und im öffentlichen Raum statt. Welche patriarchalen Strukturen tragen zu diesen Gewalttaten bei?
Hier kommen hegemoniale Strukturen zum Tragen, häufig mit Männern in übergeordneten Positionen. Wenn Fürsorgepflichten am Arbeitsplatz nicht wahrgenommen werden und Macht in Arbeitsbeziehungen missbraucht wird, steigt das Risiko für Gewalt.
Was hat es genau mit dem hegemonialen Modell auf sich?
Mit dem Modell hegemonialer Männlichkeit wird eine männliche Idealnorm bezeichnet, die von allen mitgetragen wird. Frauen und andere Geschlechter werden untergeordnet, aber auch Männer, die dieser Norm nicht entsprechen. Das passiert durch Zustimmung. In gewisser Weise tragen wir alle dazu bei, diese Norm aufrechtzuerhalten. Hegemoniale Beziehungen bezeichnen jene Verhältnisse, die von einem Machtungleichgewicht geprägt sind.
„Eine Gesellschaft, in der Catcalling geduldet wird, ist zugleich ein Erlebnisraum für Gewalt.“
Bleiben wir bei Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum: Catcalling oder Upskirting wird oft als Bagatelle abgetan. Wir wissen aber, dass in jeder kleinen Tat auch Potenzial für weitere Gewalttaten stecken kann. Etwa wurde der Ehemann von Gisèle Pelicot nur deshalb gefasst, weil man ihn davor beim Upskirting erwischt hat. Welche Kraft haben Gesetzesänderungen langfristig?
Gesetzesänderungen sind enorm wichtig. Eine Gesellschaft, in der Catcalling geduldet wird, ist zugleich ein Erlebnisraum für Gewalt – und ein Beispiel dafür, dass Gewalt im Alltag legitimiert wird. Durch Gesetzesänderungen wird dieser Erlebnisraum durchbrochen und eine neue Sensibilisierung geschaffen. Viel zu oft werden diese Handlungen nicht als Gewalt eingeordnet. Information und Aufklärung sind deshalb besonders wichtig. Fälle wie der von Gisèle Pelicot, die auch mediale Wirkung entfalten, können Prozesse in Gang bringen. Ihr Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ hat ein neues Bewusstsein geschaffen.
Welche Maßnahmen sind in Zukunft wichtig, um präventiv bei den Tätern anzusetzen?
Die Mitgliederorganisationen des Dachverbandes arbeiten an zwei großen Projekten, die vom Sozialministerium gefördert werden: gewaltpräventive Männerarbeit und gewaltpräventive Burschenarbeit. Im Fokus stehen nicht nur psychosoziale Beratung und Arbeit am Zugang zu Gefühlen, sondern auch Aufklärung über Geschlechtergerechtigkeit, sexuelle Zustimmung und die Sensibilisierung für die unterschiedlichen Gewaltformen. Fürsorgliche Männlichkeitspraxen stehen dabei ganz oben auf der Agenda.
Wie sieht präventive Männerarbeit konkret aus?
In der Männerarbeit finden Beratungen und zum Beispiel Vätergruppen statt. Wir betreiben aber auch niedrigschwellige Angebote wie das kostenlose Krisentelefon „Männerinfo“ oder die vielen Männerberatungsstellen. Viele erreichen wir immer noch nicht, weil es noch kein flächendeckendes Angebot gibt – wir brauchen vor allem mehr Ressourcen bei der Prävention, also bevor Gewalt entsteht und in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Diese müssen lernen: Care-Arbeit geht uns alle an, denn fürsorgliche Männlichkeit ist ein gewaltpräventives Konzept.
Zur Person:
Elli Scambor ist Soziologin, Pädagogin und Männlichkeiten- und Geschlechterforscherin.
Sie ist zudem Geschäftsleiterin vom Institut für Männer- und Geschlechterforschung und Vorstandsmitglied im Dachverband Männerarbeit Österreich.
Sie sind von Gewalt betroffen? Hier gibt es Hilfe!
- Frauenhelpline gegen Gewalt: Telefonnummer 0800 222 555
- Rat auf Draht: Telefonnummer 147
- Polizei: Telefonnummer 133
- Eine Liste mit allen Telefonnummern der Bundesländer finden Sie bei den „Autonomen Frauenhäusern“
- Männerinfo Krisenhelpline 0800 400 777
- Rat auf Draht: Telefonnummer 147
- Telefonseelensorge: Telefonnummer 142
- Hilfe bei Selbstmordgedanken: Supra – Suizidprävention Austria
