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Beim chinesischen Mosuo-Stamm wechseln die Frauen ihre Partner nach Lust und Liebe und nach alter Tradition. Wer sich ein idyllisches Matriarchat vorstellt, hat den Lauf der Zeit aber nicht einkalkuliert.

La Namu war 17 Jahre alt, als sie ihren ersten Mann aussuchte. Sie sah ihn beim Tanzen. Er war groß. Sie streichelte seine Handfläche. Der Mann kam aus der Nachbarprovinz, ein Reisender aus einer anderen Welt, zwölf Jahre älter als sie, doch er verstand ihre Geste sofort. Sie verbrachten die Nacht am Seeufer, hielten sich lange in den Armen, und vor ihnen spiegelte sich der Mond im Wasser. Wenn ein Mosuo-Mädchen die Hand eines Mannes streichelt, darf er ihr folgen. Sie verbringen die Nacht miteinander, bei Sonnenaufgang muss der Mann wieder gehen. Die Mosuo nennen das die „Wanderehe“. In ihren Familien leben Großmütter mit Kindern und Enkeln zusammen. Nach Einbruch der Dunkelheit besuchen die Männer ihre Frauen und kehren früh am Morgen zu ihren Müttern und Großmüttern zurück. Wenn die Frauen sich von einem Liebhaber trennen wollen, hängen sie seine Tasche vor die Tür. Es gibt keine Hochzeiten, und manche Kinder kennen nicht einmal ihre Väter. Das Mosuo-Matriarchat ist keine verkehrte Welt. Es ist nicht so, dass die Frauen den ganzen Tag zur Arbeit gehen und über Fußball und ­Autos reden, während die Männer kochen, einkaufen und sich beim Friseur treffen. Die Mosuo sind ein Matriarchat, weil die Frauen in den Familien die Entscheidungen treffen. Das hat sie selbstbewusster als die meisten Chinesinnen gemacht. Und in der Öffentlichkeit haben sich so manche geschlechterspezifische Angewohnheiten ni­velliert. Zwar sitzen am Lugusee die Männer immer noch schreiend und rülpsend an den Dorfstraßen. Der kleine Unterschied: Hier schreien und rülpsen auch die Frauen.

DIE FAULEN MÄNNER AM SEE
Namu lenkt ihr Kanu über den See, der hier im Osten kaum tiefer ist als ein ausgestreckter Arm. Die Schweine haben Hunger. Jemand muss Seegras für die Tiere schneiden, denn die dicken Büschel aus dem Wasser nähren die Tiere am besten. Die Frauen am Lugusee übernehmen viele harte Arbeiten. Sie schlagen Brennholz, hüten die Tiere, rudern und fischen. Die junge Frau wirft einen spöttischen Blick auf ein paar Männer, die im Schatten einer Holzhütte am Ufer sitzen. „Die Mosuo-Männer sind faul und unterhalten sich am liebsten den ganzen Tag bei einer Flasche Schnaps“, sagt sie. Namu ist 21 Jahre alt, ihr Gesicht hat weiche, freundliche Züge, sie spricht selbstbewusst mit einer klaren, hellen Stimme. Sie trägt eine rote tibetische Mütze mit Fellfutter, eine dunkle Jeans mit bunten Pailletten und breitem Gürtel, darüber ein langärmliges schwarzes Oberteil und eine schwarze Daunenjacke. Die westliche Kleidung wirkt in der rauen Berglandschaft etwas deplatziert. Doch das Satellitenfernsehen hat Modetrends und Stadtkultur auch in die chinesischen Berge gesendet. Viele jüngere Mosuo-Mädchen tragen ihre bunten Trachten heute nur noch bei Festen.

VORZÜGE DER WANDEREHE
Zu Hause hat die Mutter das Essen zubereitet. Die Familie isst im Schlafzimmer der Großmutter, dem traditionell wichtigsten Raum des Hauses. Sonnenstrahlen sickern durch die Dachritzen ins Zimmer und lassen den Qualm der Feuerstelle weißlich aufleuchten. An den Wänden hängen in sonderbarem Kontrast zu den buddhistischen Male­reien auch Werbeplakate für westliche Sportwagen und chinesischen Eistee. Namus Vater, der heute zu Besuch ist, ihre Onkel und Brüder sitzen an der Feuer­stelle. Gegenüber die Frauen. Die Alten reden über das Essen, das Wetter und die Nachbarn. Die Jungen über Musik, Kleidung und Handys. Namus Mutter La ­Onjingma findet, ihre Tochter solle sich endlich wie eine Erwachsene benehmen. Die Gespräche hier oben in den Bergen unterscheiden sich also nicht so sehr von denen anderswo auf der Welt beim ­Familienabendessen. Und doch ist hier so vieles anders. Es gibt viele Erklärungen dafür, wie sich die matriarchalische Gesellschaft entwickeln konnte. Manche ForscherInnen glauben, die Mosuo hätten immer so gelebt. Andere vermuten, die Männer seien häufig mit Karawanen unterwegs gewesen; die Gesellschaft habe nur als Matriarchat bestehen können, weil es nicht genug Ehemänner gab oder weil die Männer nie genug Geld für Hochzeitsfeiern, Mitgiften und Aussteuer gehabt hätten. Und die Frauen sagen: „Wir bestimmen hier, weil unsere Männer so faul sind.“ Fast alle halten die Wanderehe für die bessere Form des Zusammenlebens. „Der Familienzusammenhalt ist viel größer“, sagt La Zier, die 89-jährige Großmutter. Da die Familien immer zusammen­leben, muss der Hof nie unter den Kindern aufgeteilt werden. Es gibt keine Scheidungsstreitigkeiten, da Partner keinen gemeinsamen Besitz haben. Für die Alten kam nie eine andere Form des Zusammenlebens infrage.

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Der Lugusee ist – trotz der Veränderung, die der Tourismus gebracht hat – immer noch einer der Arbeits­plätze der Frauen.
Ein junges Paar posiert in tradi­tioneller Mosuo-Tracht. So manche junge Frau fühlt sich aber durch die Tradition eingeengt und wünscht sich ein Beziehungsleben auf Augenhöhe.
Die Mosuo zählen heute nur noch rund 50.000 Mitglieder. Ihre Königin ist Xiao Shuming, die 1943 im Alter von 16 Jahren an den Lugusee kam. Kaum jemand weiß mehr über die Geschichte der Mosuo als sie.
Viele jüngere Mosuo-­Mädchen tragen ihre bunten Trachten heute nur noch bei Festen. Auch von Touristen wurde die Region ab 1992 entdeckt, als chinesische Reiseagenturen den See in ihr Programm aufnahmen. Die Frauen in ihren prächtig-bunten Trachten sind begehrte Fotomotive.

Die Welt der Mosuo-Frauen

Rund um den Lugusee in den südöstlichen Himalaja-Ausläufern der chinesischen Provinz Yunnan lebt das Volk der Mosuo. Durch steile Felswände von der Außenwelt abgeschnitten, haben die Bergmenschen in Jahrtausenden eine matriarchalische Gesellschaft entwickelt, beherrscht von Frauen, die auf den Feldern arbeiten und in den Familien die Entscheidungen treffen. Der Lugusee, sagen die Mosuo, sei das Königreich der Frauen.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 03/18